Würdest du heute die Veloprüfung bestehen?

Unsere Redaktorin meidet es seit Jahren, auf ein Velo zu steigen. Weil sie Panik schiebt, sobald sich ihr ein Auto nähert. Darum haben wir sie in eine Veloschulung mit Primarschülern geschickt.

Das Velo und ich sind etwa genauso kompatibel wie Zähne und Randsteine. Kein Wunder, habe ich vor gut 15 Jahren in der Primarschule die Veloprüfung nicht bestanden. Wenn ich im Velosattel auch nur in die Nähe eines entgegenkommenden Autos fuhr, begann mein Herz wie verrückt zu rasen. Die Leuchtstifte, die mir nach Übergabe der Hiobsbotschaft als Trostpreis geschenkt wurden, landeten vor Enttäuschung und Wut darum auch gleich irgendwo in der Ecke.

Geändert hat sich seit meinem verfrühten Versuch, die Welt auf zwei Rädern zu erobern, nichts. Statt Fahrrad zu fahren, laufe ich kilometerweit durch die Stadt. Und bin ich trotzdem mal gezwungen aufs Fahrrad zu steigen, schiebe noch immer Panik, wenn ich im Strassenverkehr meine Runden drehen soll. Ich steige ab oder weiche auf das Trottoir aus und verärgere damit lieber Fussgänger als Autofahrer mit ihren riesigen Monster-Karossen.

Ich alleine unter Zehnjährigen

Um meinen Ruf wiederherzustellen und die Schmach endlich zu vergessen, die mich all diese Jahre vom Velosattel ferngehalten hat, besuchte ich vergangene Woche – als Vollidiot mit Federhelm verkleidet – einen Velounterricht bei Polizist Herrn Müller in Zürich Höngg. Und zwar um unter einer Gruppe von sechs Fünftklässlern mein mittlerweile doch ziemlich eingerostetes Können unter Beweis zu stellen.

Weil mein eigenes Velo aber seit Jahren im Keller Spinnen ein neues Zuhause schenkt – und ich dem Herrn Velomech ausserdem mal einen zu teuren Besuch damit abstatten müsste – leihe ich den fahrbaren Untersatz einer Freundin aus. Ein Modell aus den 50er Jahren, stelle ich mit meinem geschulten Auge fest. Weshalb der wortwörtliche Drahtesel leider auch um ein Haar beim Bremsentest des werten Polizisten durchfällt.

Überforderung und Anspannung

Nach einem gründlichen Velocheck – der Helm ist Pflicht, die Federn darauf verdanke ich aber meinem Mitarbeiter mit Flair für Extravaganz – und einigen Trockenübungen auf dem Pausenplatz wagen wir uns auf die Strasse. Auf den Verkehr achten, einspuren, und cool aussehen – fuck. Ich bin überfordert. Meine zehn- und elfjährigen Klassenkameraden scheinen um Längen entspannter als ich.

Wieso knistert es in meiner Speiche? Ist beim Gangschalten gerade die Fahrradkette rausgesprungen? Ich bin nervös. Dass es auf den Strassen nur so von Autos, Bussen und Fussgängern wimmelt, gestaltet meine Fahrt nicht gerade angenehmer. Trotzdem ist meine Konzentration aber auf dem Höhepunkt des bisherigen Jahres. Während mein Gesicht also gezeichnet ist von grösster Aufmerksamkeit, sehe ich mit den am Helm festgeklebten Federn aber noch immer aus wie ein Idiot. Woran ich das erkenne? An den gelegentlichen Blicken der Fussgänger. Und die starren mich garantiert nicht an, weil ich für eine Primarschülerin doch etwas zu gross gewachsen bin.

Willkommen im Club

Meine Beine schmerzen dank der uralten Gangschaltung des ausgeliehenen Velos, meine Atmung gleicht einer Oma mit Raucherlunge und alle Kinder überholen mich bergauf. Toll. Trotzdem spure ich ein und biege ab, als hätte ich mein Leben lang nichts Anderes gemacht. Als wäre das Velofahren ein lange verloren geglaubter Freund, der endlich zurückgekehrt ist.

Zwar ist meine Angst längst nicht verschwunden, die Tour auf der Veloprüfungsstrecke mit dem Polizisten hilft aber durchaus, mein fahrradtechnisches Selbstbewusstsein zu stärken.

Als Belohnung für das Überwinden meiner Todesangst bekomme ich nicht nur von Herrn Müller ein «Gut gemacht» mit auf den Weg, sondern auch eine höchstverdiente Silbermedaille. Laut meinen Klassenkameraden auf zwei Rädern eine angemessene Trophäe für meine Leistungen. Das Autogehupe auf dem Nachhauseweg sehe ich als liebevollen Beweisen dafür, dass ich nun endlich auch Teil der Velo-Community der Stadt bin. Oder zumindest bald.


Kommentar schreiben

34 Kommentare

malf vor 1 Monat
Seit wann zum fuck gibt's eine Veloprüfung ? Bin ich echt schon so alt...
0
1
Antwort
Stefan vor 1 Monat
Habe damals die Prüfung nicht bestanden. Würde sie auch jetzt nicht bestehen.
0
0
Antwort
Eduard J. Belser vor 1 Monat
Wenn beim Gangschaltung die Frage auftaucht, ob die Kette rausgesprungen ist, wird es Zeit, von einer vorsintflutlichen, klapprigen Kettenschaltung auf eine dem aktuellen Stand der Technik entsprechende Nabenschaltung zu wechseln. Diese lässt sich nämlich im Gegensatz zur Kettenschaltung auch im Stand schalten und ist Wartungsarbeiten. Der Geheimtyp für Ungeübte und Komfortbewusste sind dabei die stufenlosen Nabenschaltungen von NuVinci. Oder darfs es der edle 14-Gänger von Rohloff sein? Knistern die Speichen, ist dringend anzuraten von einem Velomechanikerin die Speichenspannung nachprüfen und nachregulieren zu lassen. Sonst kann das Rad Schaden nehmen.
0
0
Antwort
Niki vor 1 Monat
Für was braucht mann eine veloprüfung wenn jeder so fährt wie er es selbst gelernt hatt also ist es sinnlos
0
0
Antwort
video
Video-Gamer spenden drei Millionen an Kinder

Video-Gamer spenden drei Millionen an Kinder

«Kinder können grossartige Soldaten sein»

«Kinder können grossartige Soldaten sein»

video
Shisha-Café sperrt Löwin in Schaufenster

Shisha-Café sperrt Löwin in Schaufenster

video
19-Jähriger widmet sein Leben Gott und Instagram

19-Jähriger widmet sein Leben Gott und Instagram