«Meine Mama wollte tot sein»

Was geht in einem jungen Menschen vor, der beinahe einen Elternteil durch Suizid verliert? Wir sprechen mit einer jungen Betroffenen.

Ich treffe meine Freundin Helene* in einem Kaffeehaus in der Nähe einer privaten Klinik für Patienten mit psychosomatischen Krankheiten. Die 21-Jährige kommt gerade vom Besuch bei ihrer Mutter, die in eben diesem Institut nach einem Suizidversuch seit drei Wochen therapiert wird.

Helene ist in unserem Freundeskreis dafür bekannt, immer gute Laune zu haben und mit einem fast schon nervigen Dauerlächeln das Leben zu bestreiten. Den Ausdruck, den sie heute im Gesicht trägt, kenne ich nicht an ihr. Dunkle Ringe unter den Augen, die Lippen schmal zusammengepresst. Ich bin fast ein bisschen erschrocken, will mir aber nichts anmerken lassen, um sie nicht zu verunsichern.

Nervös fährt sich Helene durch die langen blonden Haare. Die Stimmung ist gedrückt und irgendwie fühle ich mich ein wenig schlecht. Dabei war es Helenes eigener Vorschlag, sich mit mir über ihre depressive Mutter und deren Selbstmordversuch zu unterhalten.

Wir können auch einfach so quatschen. Du musst dich zu nichts gezwungen fühlen.
Nein. Es tut gut, darüber zu sprechen. Und vielleicht erreiche ich damit auch ein paar Leute. Es ist so wichtig, über dieses Thema zu sprechen und vor allem die eigenen Schuldgefühle nicht zu sehr zuzulassen.

Eigene Schuld?
Die Fragen nach dem Warum und Wieso. Warum habe ich nicht gemerkt, wie schlecht es ihr ging? Natürlich weiss ich eigentlich, dass ich nichts dafür kann. Das ändert aber nichts an den Gedanken. Ich möchte dieses Thema offen ansprechen. Seit dem Vorfall bekomme ich kein Auge mehr zu und muss die ganze Zeit darüber nachdenken, ob ich bestimmte Signale nicht gesehen habe oder nicht sehen wollte.

Welche Signale meinst du denn?
Meine Eltern liessen sich scheiden, kurz nachdem ich fürs Studium nach Graz gezogen bin. Mein neues Umfeld hat mich damals stark eingenommen. Die erste WG, die neuen Leute, der Uni-Alltag und mein erster Freund haben mein Leben damals stark eingenommen. Ich hatte nicht allzu viel Kontakt zu meiner Mama, abgesehen von ein paar unregelmässigen Telefonaten.

Aber wusstest du, dass es ihr so schlecht geht?
Meine Mama war schon immer sehr sensibel, hatte grosse Verlustängste. Durch die Scheidung und meinen Umzug wurden diese leider nur bekräftigt. Aber sie hat auf mich nie den Eindruck gemacht, richtig instabil zu sein. Ich habe wohl nicht bedacht, wie einsam sie dann wirklich war. Tochter weg, Mann weg.

Hat sie nie mit dir über ihre Gefühle und Ängste geredet?
Ich wusste, dass sie zur Therapie geht. Das hat sie mir zwar offen gesagt, es aber immer so wirken lassen, als wäre es wie ein Termin beim Friseur. Wenn ich direkt nach ihrem Befinden gefragt habe, hat sie immer auf ein anderes Thema gelenkt. Vor allem, wenn es um meinen Vater ging. Das hat sich über die Zeit dann zu einer Art Tabuthema entwickelt. Es stört mich, dass ich das zugelassen habe.

Möchtest du davon erzählen, wie du sie gefunden hast?
Eigentlich nicht, es ändert ja nichts an der Tatsache. Es war aber nicht blutig, wenn du das wissen möchtest. Und trotzdem war es das schlimmste Gefühl, das ich je erlebt habe. Du möchtest dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn du deine eigene Mama vor dir liegen siehst und weisst: Sie will lieber tot sein.

Was ist dann passiert?
Ich habe erst meinen Vater angerufen. Die Situation hat mich überfordert, ich erinnere mich kaum an Details. Irgendwann kam ein Notarzt, das weiss ich. Sie wurde dann auf der Trage in das Rettungsauto transportiert. Das konnte ich mir nicht ansehen, es hat mich innerlich zerrissen. Zum Glück hat sie überlebt. Ich glaube, sie hatte auch nicht wirklich vor, tatsächlich zu sterben. Es gab ja nicht einmal einen Abschiedsbrief.

Wie war euer erster Kontakt nach dem Vorfall? Ich stelle mir das schwierig vor.
Ich wollte natürlich sofort zu ihr ins Krankenhaus, aber das wollte Mama nicht. Sie wollte niemanden sehen. Erst nach zwei Tagen hat sie mir eine SMS geschickt, in der sie mich gebeten hat, sie zu besuchen.

Und? Warst du dann dort?
Ja, klar. Es tat so weh sie in dieser Klinik zu sehen, mit ihren Hauspantoffeln. Sie passt dort einfach nicht hin. Sie sagte mir, dass sie mich liebt und entschuldigte sich dafür, was sie mir – uns allen – angetan hat. Das klingt jetzt vielleicht hart aber in diesem Moment wurde mir klar, dass ich ihre Entschuldigung nicht einfach so annehmen kann. Ich weiss, dass es ihr nicht gut ging. Aber wie kann eine Mutter ihr Kind einfach so im Stich lassen?

Wie denkst du, geht es weiter?
Ich werde sie natürlich weiterhin besuchen und sie bei ihrer Therapie so gut es geht unterstützen und für sie da sein. Aber ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob es je wieder eine Zeit geben wird, in der das, was an diesem Tag passiert ist, nicht mehr zwischen uns stehen wird.

Und wer kümmert sich um dich?
Durch die Situation ist absurderweise unsere Familie wieder näher zusammengerückt. Mit meinem Papa habe ich auf einmal ein so inniges Verhältnis, wie noch nie. Ausserdem bin ich selbst in einer Therapiegruppe, die mir die Ärzte meiner Mutter empfohlen haben. Es hilft sehr, wenn du einfach reden kannst und dir zugehört wird. Es ist wichtig, dass du dich selbst mit der Situation und deiner Wut und Enttäuschung auseinandersetzt.

*Name von der Redaktion geändert


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24 Kommentare

Bernhard vor 3 Monate
Meine Mutter hat immer wiederholt, sie wollte nie 50 werden, vorher sterben. Mittlerweile ist sie bald 80. Bei jedem Telefonanruf mit ihr motzt sie über irgendwas und meint, alles sei zum Kotzen. Das zieht mich jeweils zünftig runter. Meine Schwester wollte sich das Leben nehmen. Am Tag meiner Abreise nach Australien hatte ich das kuriose Gefühl, ich könnte noch rasch bei meiner Mutter vorbeifahren. Meine Schwester lag auf dem Sofa und schlief. Dann las ich den Abschiedsbrief, den meine Schwester auf dem Wohnzimmertisch hinterlassen hatte. Sofort rüttelte und schüttelte ich sie wach. Sie war total belämmert. Ich konnte meine Mutter leider nicht erreichen, musste aber schnellstens nach einer Lösung finden, damit meine Schwester nicht alleine ist. Man weiss ja nie, ob sie sich nochmals etwas antut. Die ganze Situation hat mich ziemlich verstört. Mein Vater meinte bloss: "Naja, ist halt so!"
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Delia vor 3 Monate
Ich habe eine sehr schwierige Kindheit hinter mir...Meine Mutter hat sich schon öfters probiert,sich das Leben zu nehmen.Sie wAr auch schon öfters in der Psychiatrie.Die ersten Male war ich etwa 7 Jahre alt und mein kleiner Bruder (der heute auch nicht mehr lebt,Hirnblutung mit 22jahren),öffnete mir an diesem Tag die Türe und meinte, Mama sei Tor. IcH ging in die Küche und dort lag Sie.Mein Vater kam dann von der Arbeit und schleppte Sie ins Bett.Das war das erste mal.Bei den anderen Suizid versuchen, war ich immer dabei.Es war schrecklich, meine Mutter in so einer Situation zu sehen und nicht heÖfen zu können. Sie hatte ein schweres Alk Problem. Und wenn Sie betrunken war,hat Sie es dann probiert, sich das Leben zu nehmen.Früher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen und dachte Sie mache es weil ich Schuld hatte an der ganzen Situation...Ich wünsche allen jungen Menschen,das ihr Euch keiner Schuld bewusst sein müsst.Es ist nicht Eure Schuld...Wünsche allen einen schönen und sonnigen Tag. Liebe Grüße
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Lebenslang Geschädigt vor 3 Monate
Unsere Mutter hat einen Suizitversuch gemacht als wir Kinder zwischen 5 und 13 Jahren waren. Alle waren Schuld, Mann, Kinder, Schwiegereltern usw, nur sie nicht. Bin seit Pupertät selber depresiv, aber habe mir geschworen, wenn ich je Kinder habe ist Suizit kein ausweg mehr. So schlim auch die Situation ist, dass tue ich meinen Kindern nie an!
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Antwort von Stirnimaa vor 3 Monate
Find ich gur..Und Kinder sowieso erst wenn Du selbst wirklich stabil bist, vorher nicht, das ist der beste Schutz. Es ist ja nicht 'nur' die Suizidalität, es ist auch das ganze Drumherum worunter die Kleinen leiden. Ob es auch mit Kindern stabil bleibt, wer weiss, aber zumindest stabil sein(längere Zeit) bevor die Kinderplanung losgeht. Alles Liebe Dir.
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