«Spotify spielt mit dem Feuer»

Künftig können Musiker ihre Songs direkt bei Spotify hochladen – ein riskanter Move des grössten Streaming-Portals.

Im Gegensatz zu Soundcloud, wo jeder Amateur-Produzent seine kreativen Ergüsse veröffentlichen kann, ist der Zugang zu Streaming-Portalen wie Spotify schwieriger. Musiker, die ihre Alben dort veröffentlichen wollen, sind auf Partner angewiesen. Bis anhin ist der Upload von Songs bei Spotify entweder Sache eines (Major- oder Indie-)Labels oder von Digitalvertrieben, die gegen Bezahlung dafür sorgen, dass die Musik bei den Streaming-Services erscheint.

Nun geht ein kleines Erdbeben durch die Branche: Spotify bietet Künstlern künftig die Möglichkeit an, ihre Releases kostenlos und ohne Umwege selbst hochzuladen. Wenn du also in deinem Schlafzimmer einen Song produzierst, brauchst du keinen Vertrag mehr, um ihn im grossen Stil zu spreaden. Bisher läuft der direkte Upload erst in einer Beta-Version – sollte das Feature für jeden zugänglich gemacht werden, wird es die Musikindustrie aber umkrempeln: Spotify sägt damit an der Herrschaft der Labels und gibt den Künstlern mehr Macht.

Wie lange spielen die Majors noch mit?

«Ich finde das spannend», sagt Dominic Oehen von der Basler Management-Agentur Radicalis. «Der direkte Upload gibt Künstlern und Managements neue Möglichkeiten. Ob Spotify sich damit einen Gefallen tut – da bin ich mir nicht so sicher.» Es sei nicht der erste Versuch von Spotify, die Macht der Labels und Vertriebe zu untergraben, schliesslich spiele die Streaming-Plattform auch schon länger laut mit dem Gedanken, Musiker direkt unter Vertrag zu nehmen. «Das ist ein Angriff auf die Labels», sagt auch Christoph Trummer, Vorstandsmitglied beim Berufsverband der freischaffenden Musikerinnen und Musiker in der Schweiz zu SRF.

Ein Wundermittel ist das neue Feature allerdings nicht. «Managements müssen die Interessen des Künstlers auf dem gesamten Markt betrachten, also auch bei Mitbewerbern von Spotify wie Apple Music und Amazon», erklärt Oehen. Ausserdem könnte der Schuss auch nach hinten losgehen: «Spotify spielt mit dem Feuer. Die Frage ist, wie lange die Major-Labels da noch mitmachen.»

Labels könnten ihre Acts entziehen

Letzten Endes sitzen die drei grossen Player der Musikindustrie, namentlich Sony, Warner und Universal, am längeren Hebel: Geht Spotify zu weit, könnten die Majors einfach beschliessen, ihre Acts aus der Bibliothek des Anbieters löschen zu lassen – die grössten Popstars würden dann von Spotify verschwinden. Viele User könnten dem Portal den Rücken kehren, wenn ihre Drake- und Imagine-Dragons-Songs nicht mehr verfügbar sind.

Im Gegenzug ist es möglich, dass selbst erfolgsorientierte Künstler auf Verträge mit Majors verzichten. Bereits jetzt existieren genügend Acts, die grösstenteils unabhängig arbeiten – man denke an Soundcloud-Rapper, die ihre Karriere nur auf der Online-Community aufbauen. Neu haben sie auch bei Spotify die Möglichkeit, ihre Alben selbst zu veröffentlichen. Damit werden Vertriebe teilweise obsolet. Diesen Effekt spüren Indie-Labels bereits jetzt.

Managements werden wichtiger

«Viel entscheidender wird in Zukunft sein, ein gut vernetztes Management zu haben, welches für die jeweilige Karriere die richtigen Schritte plant und umsetzt», sagt Oehen von Radicalis. Aufgaben wie Promotion oder auch der physische Vertrieb, zum Beispiel für Vinyl, würde es auch in Zukunft brauchen. «Managements wie wir haben aber mittlerweile direkt Kanäle zu Spotify und Apple Music und übernehmen damit schon länger auch die Arbeit die früher klassisch bei Labels angesiedelt war.»

Laut Spotify werden Künstler, die den direkten Upload nutzen, 50 Prozent der Einnahmen erhalten – bei einem üblichen Major-Deal sind es ungefähr 20 Prozent. Grundsätzlich also lukrativ, aber: «Ein Label erbringt für den Anteil, den es nimmt, auch eine Gegenleistung: die Promotion», zitiert SRF Lorenz Haas, Geschäftsführer des Schweizer Branchenverbandes der Musiklabels IFPI.

Kräftemessen mit den Labels

Nichtsdestotrotz: Spotifys Entscheidung, die Schleusen für Künstler zu öffnen, führt zu einem Kräftemessen. «Der Punkt ist: Die Majors mögen es überhaupt nicht, wenn man ihnen die Macht entzieht – und sie werden sich dagegen wehren wollen», so Oehen.

20 Minuten Tilllate hat die drei grossen Labels kontaktiert. Bei Sony und Warner Music war niemand für eine Stellungnahme erreichbar, Universal Music möchte explizit keinen Kommentar zum Thema abgeben.


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17 Kommentare

Tinni Tus vor 3 Monate
Seit mich diese Industrie kriminalisiert hat, kaufe/miete ich keine Musik mehr! Das schon erfolgreich seit über 10 Jahre.
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Abstellkammerproduzent vor 3 Monate
Der Herr da als "Vertreter" des Schweizer Branchenverbandes der Musiklabel für unbedeutende Schweizer "Musiker" mag da vielleicht angepisst sein. Fakt ist, dass die relevanten Majors die potenten Musiker in der Regel langfristig unter Vertrag nehmen (mehrere Alben) und auf Nummer sicher gehen. Majors nehmen heute keine völlig unbekannten Würstchen unter Vertrag, sondern solche, die sich in einem bestimmten Rahmen schon einen Achtungserfolg verschafft haben. Da wird dann meist das zweite Album im grossen Stil aufgezogen, in der Regel mit bewährten Produzenten, Co-Autoren und nicht selten Kooperationen mit längst bekannten Stars. Das hat zur Folge, dass heute eben auch alles nach Dosenfutter klingt, was aus den Grossfabriken kommt. Spotify prescht da eher in die Sparte, in der sich Bandcamp tummelt. Es ist das Sprungbrett für völlig unbekannte Talente, die dann, sofern sich ein Achtungserfolg einstellt, bald bei einem grossen Label unter Vertrag stehen und dann entsprechend publikumswirksam gepusht werden. So geht das heute. Hart trifft es nur kleine Labels oder die Schweizer Cervelatprominenz. Wen interessiert die Schweiz? Was Schweizer "Musiker" so produzieren, interessiert in der Regel mangels Qualität niemanden auf dieser Erdkugel.
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Adi vor 3 Monate
Eher schlecht für die Musikindustrie. Labels die eine ganze Armada von Musikern haben, haben auch denn größeren Hebel für Verhandlungen.
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der_urs vor 3 Monate
nicht wirklich lukrativ. für 200mio streams gibt es dann anstelle von $50 doch ganze $70? siehe tweet serie der letzten woche von garfunkel(?) und anderen nahmhaften grössen. sauerei sowas. auch wenn man die labels zwischendrin rausschneidet, kommt hinten immernoch nichts an. tyler swift hätte ihre musik nicht wieder bei spotify reinstellen lassen sollen, bis richtige bezahlung ausgehandelt worden war. verpasste chance...
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