«Schüler sind Geiseln des Systems»

Schüler versinken im Stress. Wie weiter? Der Buchautor Richard David Precht fordert eine Bildungsrevolution. So würde sie aussehen.

Oberstufenschüler sind überlastet, Pädagogen schlagen Alarm: 20 Minuten berichtet, dass der Leistungsdruck Schüler krank mache und diese sogar zu Schmerzmitteln greifen müssten. Der deutsche Buchautor Richard David Precht hat eine klare Vorstellung davon, wie die Schule der Zukunft aussehen muss.

«Darf die Schule 10'000 Stunden Leben klauen?»

Richard David Precht veröffentlichte im Jahr 2013 das Buch «Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern», in dem er eine Bildungsrevolution fordert. Klassische Schulfächer wie Mathematik sollen reduziert werden, das Notensystem überdacht und Schwerpunkte auf Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit oder Teamgeist gelegt werden.

«Heute nehmen wir Kinder und Jugendliche 10'000 Stunden als Geisel. Die meisten erleben die Schulzeit als langweilig, stressig oder sogar als überfordernd», sagt Richard Precht zu tilllate.com. «Das Problem an der Schulsystem-Diskussion ist, dass wir an Symptomen herumdoktern.»

So sollte sich die Diskussion nicht darum drehen, wie viele Stunden in der Woche oder wie viele Jahre Schule angemessen sind. «Die wichtige Frage ist, ob die Schule legitimieren kann, einem Menschen 10'000 Stunden zu stehlen, wenn er am Ende wenig weiss, sehr schlecht auf die Gesellschaft vorbereitet ist und mitnimmt, dass Lernen keinen Spass macht.»

Lektionen fürs Leben

Dem 51-jährigen Philosophen fehlen in der heutigen Schule besonders Dinge, die einen aufs Leben vorbereiten und Kreativität fördern. Er hätte zum Beispiel gerne gelernt, wie man mit Geld umgeht. «Es wäre auch wichtig, charismatisch und rhetorisch gut aufzutreten oder teamfähig zu sein», sagt Precht. Dabei ginge es nicht primär um Kompetenzen oder Fähigkeiten, sondern um Persönlichkeitsbildung.

Auch die Digitalisierung könnte mehr in den Unterricht einfliessen: Das eine Feld wäre laut Precht der verantwortungsvolle Umgang mit den neuen Medien. «Es könnte eine Lektion sein, sich vor Aufmerksamkeitsraub durch das Handy oder Social Media zu schützen. Mal drei Tage ohne Handy auskommen.»

Der zweite Bereich ist, digitale Technik vernünftig im Unterricht einzubinden. Mathematik sollte zum Beispiel weitgehend nur über ein Computerprogramm laufen. «Es gibt mittlerweile Selbstlern-Programme in denen Nobelpreisträger Mathe erklären. Lernt man so individuell, wäre das fördernd für die Genies und hilfreich für die, die nicht hinterher kommen. So wäre Mathe nicht mehr so ein Hassfach.»

Junge müssen Optimismus zeigen

Prechts Vorschläge und Gedanken klingen alle plausibel und logisch. Aber gleichzeitig hört sich so eine Schule wie eine Utopie an. «Seien Sie mal nicht so pessimistisch. Sie sind ja noch jung», erwidert der Buchautor. Er erwarte besonders von jungen Menschen Optimismus, dass sich das Schulsystem ändern liesse.

Gleichzeitig versteht Precht, wieso Jugendliche nicht an einen Umschwung glauben. «In der Schule lernt man, dass sich die Welt nicht verändern lässt und die Hauptsache ist, dass man sich durch das Leben wurschtle.» So liessen sich beispielsweise seine Philosophiestudenten heute für nichts mehr entflammen. Alle wollen einfach einen Schein machen.

Ausserdem bekäme er immer wieder mit, wie junge Pädagogen nach anfänglicher Euphorie mit ihren Ideen auf viel Widerstand treffen und zwei Jahre später ihre Träume von einer besseren Schule ausgeträumt haben.

Der Anstoss zu einer Änderung könnte jedoch auch aus einem völlig anderen Lager kommen: «Schüler könnten im Unterricht anbringen, dass sie sich gerne mit dem Thema Schule beschäftigen würden. Ausserdem könnte eine Klasse eine bestimmte Idee für den Unterricht – zum Beispiel das Mathe-Programm – der Schulleitung vortragen», sagt Precht.

«Hauptsache man nötigt die Lehrer dazu, vom normalen Lehr-Plan abzuweichen.»


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98 Kommentare

Urs vor 2 Jahre
Soziale kompetenzen, wie kommunikation kommen zu kurz.
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Sommer vor 3 Jahre
Nein Französisch und Englisch in der Unterstufe wieder streichen! Wir haben viele Kinder die bereits zu Hause 1 -3 Fremdsprachen reden! Wir sind international in der Schweiz! Man vergisst das gerne!
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Nati vor 3 Jahre
Das Problem ist nicht die Schule, sondern die Jugendlichen. Sie halten einfach nichts mehr aus! Wenn sie in der ganzen Schulzeit nur mit Samthandschuhen angefasst werden und dann in die Ausbildung kommen werden sie überfordert sein! Ich habe die Oberstufe auch ohne weiteres Überlebt und werde bald auch die Ausbildung abschliessen. Es ist nicht nötig die Schule zu ändern. In der Berufsschule lernt man alles wichtige fürs Leben danach, z.B Miete,Rechte,Steuern usw. und für den Rest gibt es auch noch Eltern un deren Verantwortung es liegt, ihre Kinder aufs Leben vorzubereiten.
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Antwort von Mittelschüler vor 3 Jahre
Du sprichst mir aus der Seele. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Auch in der Mittelschule lernt man im Fach Recht Einiges, was man fürs Leben braucht.
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