Rock’n’Roll, Punk und eine Darmkrankheit

Der Radio- und TV-Moderator Robin Rehmann spricht mit tilllate.com über seine unheilbare Krankheit und erklärt, warum sein Leben trotzdem rockt.

Der drei-Küssli-Typ ist Robin Rehmann so gar nicht. Im Gegenteil. Wer dem Radio- und TV-Mann begegnet, wird herzlich umarmt und mit einem breiten Lachen begrüsst. Rehmann lebt seinen Traum. Auf SRF Virus startet am 7. Oktober die nächste Staffel seiner Talk-Sendung «Rehmann». Diese will er dazu nutzen, Tabuthemen wie zum Beispiel chronischen Erkrankungen ein Gesicht zu geben. Diese Mission kommt nicht von irgendwo her. Rehmann selber leidet seit rund drei Jahren an  der autoimmunen chronischen Darmkrankheit Colitis Ulcerosa. Betroffen sind der Dickdarm und die Darmschleimhaut, die sich immer wieder entzünden. Jammern will der Zürcher, der seit zwölf Jahren mit seiner Band Krank Punkmusik macht, aber auf keinen Fall. Das betont er während unseres Gespräches mehrmals. Natürlich schränke die Colitis Ulcerosa sein Leben ein. Lebenswert sei dieses aber dennoch allemal.

30 Sekunden Zeit, um das nächste WC aufzusuchen

Seit Juni leidet Rehmann unter einem akuten Schub. Zwei Wochen verbrachte er im Krankenhaus. Zu dieser Zeit musste Rehmann bis zu 30 Mal täglich mit blutigem Durchfall aufs WC. Die Medikamente, auf die er angewiesen ist, wurden ihm intravenös verabreicht. Der Körper war nicht mehr imstande, die Tabletten über Magen und Darm aufzunehmen. Der Schub kam während Rehmann mit Freunden von San Francisco nach Los Angeles reiste. Das sei schon sehr mühsam gewesen. Rehmann fehlten die nötigen Medikamente – und Toiletten.  In Zürich kennt er sich aus, weiss, wo es überall WCs gibt, die er innerhalb von einer halben Minute aufsuchen kann. Soviel Zeit hat er, wenn er muss. Länger verheben können Betroffene nicht. Für Rehmann ist das noch lange kein Grund, sich daheim einzusperren. Im Gegenteil. Heute muss er noch ca. 10 Mal täglich aufs WC, drei Mal sinds in der Nacht. Vor ein paar Wochen liess sich Rehmann mit Freunden die Limmat runtertreiben. Wenn man da muss, seis ja praktisch, weil man ja sowieso im Wasser ist, erklärt Robin und lächelt.

Es sei aber schon so, dass er nicht mehr ganz so viel unterwegs ist wie früher, als er ein exzessives Partyleben lebte. Seit einem Jahr trinkt und raucht Rehmann nicht. Und er macht viel Sport. Für die Gesundheit. Das tue ihm sehr gut.

Der Wunsch nach mehr Akzeptanz

Rehmann hat sich aktiv dazu entschieden, öffentlich über seine Krankheit zu reden. Weil er eine Stimme hat. Weil er Betroffenen Mut machen kann. Ihm selber hilft die Gesprächstherapie mit seinem Therapeuten. Und die Einstellung, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Da gehört Colitis Ulcerosa halt dazu. Privat hat Rehmann nicht das Reissen, ständig über dieses Thema zu reden. Nicht mit seiner Freundin, nicht mit seinen Freunden und auch nicht mit seiner Familie. Rehmanns Kindheit war schwierig. Gegen aussen wurde der Schein immer gehalten, daheim sahs anders aus. Rehmann frass seinen Frust in sich rein. Er ist sich sicher, dass seine Krankheit genau dort ihren Ursprung hat.  

Aber eben, jammern will er wirklich nicht, ein Armer ist er auch nicht. Rehmann will einfach nur, dass die Gesellschaft Krankheiten wie seine oder psychische wie zum Beispiel Depressionen anerkannt, informiert ist und Toleranz walten lässt. Weil, es sei wie bei ihm, gegen aussen sieht alles super aus, in ihm drin tobe aber der blutige Krieg. Von dem er sich – noch einmal – nicht unterkriegen lassen will. Rehmann will noch mehr Radio machen, noch mehr Musik mit seiner Band Krank, noch mehr Publikum erreichen, reisen, leben, erleben. Der nächste Aeschbacher sein, eines Tages. Das fände Rehmann toll.

Eine Stunde dauerte unser Gespräch. Rehmann zieht seine getigerten Kniesocken hoch, zieht die Schuhe an, begleitet uns zur Tramstation, bedankt sich und verabschiedet sich wieder mit der freundschaftlichen Umarmung. Und dem breiten für ihn typischen Grinsen.

Seit unserem Treffen sind ein paar Tage vergangen. Und mittlerweile musste der Radio- & TV-Mann wegen seiner Krankheit auch wieder ins Universitätsspital Zürich einchecken. Wir wünschen ihm auf diesem Wege ganz gute Besserung.

Hier ein ausführliches Interview mit Robin Rehmann zu Colitis Ulcerosa


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19 Kommentare

Salome Hermanek vor 3 Jahre
Guten Tag Herr Rehmann Heute beim Joggen habe ich ihre Geschichte auf srf3 Focus gehört. Am eigenen Leib haben Sie erlebt, dass die Not eines Kindes aus einer schwer belasteten Familie nicht gesehen werden wollte. 2012 hat im Aargau ein Pilotprojekt zu diesem Thema gestartet, mit aufsuchender Familienbegleitung können sich Eltern vor Ort unterstützen lassen. Sie sagen, die Scham war so gross, dass nur ein permanentes Theaterspielen half über die Runden zu kommen. Trotzdem ist es so, dass Mütter und Väter sich der Situation ihrer Kinder bewusst sind und sich eigentlich nur das Beste für ihre Kinder wünschen. Deshalb ist es möglich mit der Unterstützung von Ärzten, Psychiatern, Suchtberatern, Sozialämtern, etc Familien für diese freiwillige Unterstützung zu gewinnen. In den vergangenen fast 4 Jahren sind über 700 Anmeldungen eingegangen, der Bedarf also ausgewiesen. Schauen Sie sich die Homepage von HotA www.hota.ch (Hometreatment Aargau) an, leider konnten Sie davon noch nicht profitieren. Noch sind wir ein Pilotprojekt, ringen um Verankerung im Kanton und finanzielle Unterstützen im Spaargau, sind aber guter Dinge, das man uns im Aargau nicht mehr einfach streichen kann. Ihnen alles Gute, Sie meistern Ihren Weg sehr mutig!
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Timo vor 3 Jahre
Ich habe den Robin nur einmal kennengelernt, an einer Hardcore-Show (StretchArmStrong im Mascotte). Damals hab ich ihm ein Bier spendiert, und er hat sich artig dafür bedankt. Egal, tut nichts zur Sache. Ich finde es jedenfalls äusserst lobenswert und interessant, dass er uns an seiner schweren Krankheit teilhaben lässt. Ich selber wurde vor ein paar Monaten mit einer Autoimmunkrankheit diagnostiziert und kann es einigermassen nachvollziehen, was es heisst, plötzlich eingeschränkt zu sein, mit dem Gedanken, dass es vielleicht nie wieder besser wird. Nun ja, bei mir ist es wahrscheinlich nicht so schlimm. Auf jeden Fall wünsche ich gute Besserung und eine gute Erholung von diesem Schub. Und den Humor nicht verlieren 😉
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Bruno Raffa vor 3 Jahre
Danke Robin für deine Offenheit. Das hilft ECHT vielen Betroffenen weiter. Die Patientenorganisation Crohn/Colitis: www.smccv.ch
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Michael Schulz vor 3 Jahre
Interessantes Interview! Bei mir wurde vor über 30 Jahren CU diagnostiziert mit den bekannten Symptomen (Blut & Schleim im Stuhl, plötzlicher Stuhldrang) Bin insgesamt Gottseidank mit bisher nur drei akuten Schüben davongekommen, und der letzte liegt auch schon über zehn Jahre zurück! Bin kein Freund von Medikamenten, den letzten Schub habe ich einfach durch Ruhigstellung des Darms wegbekommen, d.h. 14 Tage nichts gegessen und mich nur flüssig mit Wasser, Tee (Kamille, Kräuter), Joghurtdrinks und reizlose Flüssignahrung ernährt sowie Stress und Hektik vermieden. Das ist meiner Meinung nach sowieso der Schlüssel, möglichst lange Zeit beschwerdefrei zu bleiben. Und sobald sich durch Bauchgrummeln und leichtem Schleim im Stuhlgang ein neuer Schub ankündigt: Am besten einen Gang runterschalten, weniger und reizarm essen, sich wenn möglich eine Auszeit nehmen und dem Alltagsstress entfliehen.
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