«Wir befinden uns permanent im Krieg»

Für ihre Regimekritik als Mitglied des Punk-Kollektivs Pussy Riot verbrachte Marija Aljochina zwei Jahre in einem Straflager. In einer neuen Show blickt sie auf ihr Martyrium zurück.

Sechs Jahre sind vergangen seit «A Punk Prayer»: Die Aktivistinnen von Pussy Riot schmuggelten damals Gitarren und Verstärker in die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, einem Heiligtum der russisch-orthodoxen Kirche, und machten Lärm. Gegen Putin, gegen die Korruption im Land und gegen die Vermischung von religiösen und politischen Angelegenheiten. Gerade einmal 41 Sekunden dauerte der Auftritt – als Strafe verbrachten Marija Aljochina und ihre Weggefährtin Nadeschda Tolokonnikowa zwei Jahre im Gefängnis.

Unter dem Namen «Riot Days» veröffentlichte Aljochina ihre Sicht der Dinge in Form einer Autobiographie. Nun transformiert die ehemalige politsche Gefangene ihre Geschichte zu einer Art Theater-Konzert-Performance. Vergangene Woche führte sie das «Punk Manifest», wie sie es selbst nennt, in der Zürcher Gessnerallee auf.

«Sie werden euch Schaden zufügen»

Noch bevor Pussy Riot die Bühne betreten, hält Produzent Alexander Cheparukhin eine kurze Rede und warnt das Publikum vor: «Sie werden euch während der Show Schaden zufügen», sagt er. Ausserdem bittet er die Anwesenden im Namen der Künstler, sich «so punk wie möglich» zu verhalten. Alles sei erlaubt.

Abgesehen von einigen verbotenerweise in der Halle gerauchten Zigaretten verhält sich das Publikum jedoch nicht besonders aufsässig. Vielleicht ist es Schweizerische Zurückhaltung, vielleicht sind die Besucher aber auch zu beschäftigt: Aljochina rattert ihre Story in rasendem Tempo runter. Reime gibt es kaum, klassische Songstrukturen sucht man vergebens – viel mehr handelt es sich um eine Art rauen Poetry Slam. Wer kein Russisch beherrscht, muss deshalb die Untertitel auf der Leinwand mitlesen, um der Geschichte folgen zu können.

Trotz Sprachbarriere geht Aljochinas Schicksal unter die Haut. In chronologischer Reihenfolge rollt sie die ganze Geschichte auf: Von der Planung des illegalen Auftritts über den Gerichtsprozess, die Inhaftierung und ihren Hungerstreik bis zur Freilassung, die sie als PR-Stunt der russischen Regierung bezeichnet. Die ehemalige politische Gefangene wirkt gefasst, fast schon unangenehm kühl, wenn sie ihr Martyrium in Bruchstücke zerlegt und dem Publikum die einzelnen Fragmente entgegenspuckt.

Masturbation und eine Dusche fürs Publikum

Begleitet wird die Pussy-Riot-Mitbegründerin von zwei Musikern der ebenfalls aus Russland stammenden Band AWOTT. Sie unterlegen Aljochinas Erzählung mit monotonen, oft disharmonischen Beats, die gegen Ende der Aufführung in bedrohliche Noise-Tiraden ausarten. Auch ihretwegen ist die rund einstündige Performance eine unbequeme, intensive Erfahrung, die wohl manchem Besucher noch lange im Kopf herumgeistern wird.

An der anderen Seite der Bühne positioniert sich der Schauspieler Kiryl Masheka, der im Laufe der Show komplett den Verstand zu verlieren scheint: Er wälzt sich auf dem Boden, masturbiert dabei und schüttet literweise Wasser ins Publikum. Wer sich nach vorne wagt, verlässt den Raum am Ende klatschnass. Das war wohl der Schaden, den der Produzent zu Beginn versprochen hatte. Wenn man gleichzeitig aber aus erster Hand erfährt, unter welchen Qualen die Pussy-Riot-Mitgliederinnen im Straflager leiden mussten – 17 Stunden Arbeit pro Tag, Schikanen und Todesdrohungen von Wärtern –, wirkt so eine Dusche fast schon lächerlich harmlos.

«Jeder kann Pussy Riot sein»

Am Tag nach der Show treffen wir Aljochina und ihre Kollegen. Dass immer noch Feuer in ihnen lodert, erkennen wir sogleich, als sich die Künstler wegen eines verhunzten Interviews, das direkt vor unserem Gespräch stattgefunden hatte, in die Haare geraten. Am Ende schreien sich zwei Mitglieder eine Viertelstunde lang an – Masheka verlässt die Gessnerallee schliesslich wutentbrannt. «Macht euch keine Sorgen, das ist völlig normal», sagt Aljochina zum Streit.

Später erklärt sie uns die Idee hinter «Riot Days»: Auch wenn das Stück auf ihren persönlichen Erlebnissen beruht, solle sich das Publikum identifizieren können: «Es geht um Menschenrechte. Und zwar nicht nur um unsere, sondern die Rechte von jedem, der die Show sieht.» Wir alle könnten ein Teil von Pussy Riot sein, sagt sie: «Zieh dir eine Maske über und starte deinen eigenen Protest.» Aktivismus sei nicht nur in Russland, wo Putin drei Tage später erneut zum Präsidenten gewählt wird, von Bedeutung: «Wir befinden uns permanent im Krieg – es gibt keine Freiheit, wenn man nicht täglich für sie kämpft.»

Video von Valentina Sproge.


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7 Kommentare

Root-Emboss vor 4 Monate
Von diesen Pussys lässt sich ja wohl nur derjenige provozieren, der in irgendeiner nebulösen Ideologie verstrickt ist - und damit ist er/sie bereits in die Falle getappt, auch wenn er auf schlau machen sollte! Für alle anderen ist es vielleicht einen kurzen Lacher wert!
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Anna Ida vor 4 Monate
diese Weiber sind total gaga.... , die gehören in die Geschlossene
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Sparta vor 4 Monate
Schwachsinn! Hört mal auf mit den ganzen Mist wegen PussyRiot, Pussyhats und dem ganzen anderen Feministinnenkram. Nur weils in Amerika bei den linksradikalen am trenden ist heisst das nicht dass ihr die scheisse noch verbreiten müsst.
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Daniela vor 4 Monate
Ist mir schon klar das sie sich im ewigen Krieg befinden, sind ja auch von Soros finanziert, und verfolgen die strategie der Spannungen. Bääh
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