«Ich möchte dem Waffen-Thema das Böse nehmen»

Wir haben die kontroverse Waffen-Befürworterin Ines Kessler getroffen, um uns einen besseren Eindruck von ihrer Passion zu verschaffen.

Sonntagmorgen, 8 Uhr, Bahnhof Ermatingen. Während andere gerade ihren Rausch von gestern Nacht ausschlafen – oder gerade von Afterhour zu Afterhour stolpern – treffen wir in diesem kleinen Örtchen im Thurgau Ines Kessler. Die 26-jährige angehende Büchsenmacherin gilt als kontroverses Postergirl der Schweizer Waffenlobby und setzt sich aktiv gegen Reformen im heimischen Waffengesetz ein.

Ungewöhnliches Wochenend-Hobby

Ines ist sofort superoffen und nimmt uns in ihrem Mini mit ins Schützenhaus ihres Vereins. Hier übt sie sich, zusammen mit einer ganzen Menge anderer Waffen-affiner Kollegen, so gut wie jedes Wochenende im Schiessen. Ich bin todmüde und wundere mich ehrlich gesagt, welcher normale Mensch zu dieser unchristlichen Uhrzeit topfit aus dem Bett hüpft, um Waffen abzufeuern.

Während ich selbst aus tiefer persönlicher Überzeugung und einer gehörigen Portion Respekt so weit wie nur möglich jeglichen Schusswaffen aus dem Weg gehen möchte, ist meine Neugier zu gross. Ich möchte erfahren, was die Faszination dahinter ausmacht. Ist es das Gefühl von Macht, die man eventuell verspürt, sobald man ein Gerät in Händen hält, das binnen Sekunden ein Leben auslöschen kann?

Wie eine kalte Nacktschnecke

Bevor es jedoch zur Schussanlage geht, unterhalte ich mich mit Ines, die sich – allen Vorurteilen und Erwartungen zum Trotz – als richtig sympathische, offene und lustige Frau entpuppt. Von dem grimmigen Gesichtsausdruck auf ihrem kontrovers diskutierten «Finger weg von meiner Berufslehre!»-Poster ist während unseres fröhlichen Gespräches über Musik, Ex-Freunde und zwanghaftem Folie-von-Plastikflaschen-Abreissen nichts mehr übrig.

Ich fühle mich tatsächlich wohl und bin kurz davor, meine kritischen Gedanken – wie einst Marcel Reich-Ranicki den deutschen Fernsehpreis – mit Entschiedenheit von mir zu schleudern. Zum Glück habe ich nicht voreilig geschleudert, denn beim Schiessstand angekommen kriecht mir das Unwohlsein wie eine kalte, schleimige Nacktschnecke langsam den Rücken hinauf.

Ziehen wir in den Krieg?

Die Atmosphäre ändert sich von freundlich-fröhlicher Ungezwungenheit zu etwas vom Bedrückendsten, das ich je erleben musste. Rund 60 bewaffnete Personen, vor allem Männer im mittleren Alter, warten hier mit verbissenem Gesichtsausdruck darauf, endlich auf Pappaufsteller, die in einiger Entfernung platziert sind, schiessen zu dürfen. Die menschlichen Silhouetten der Zielscheiben finde ich jetzt eher mässig beruhigend und das graue Nieselwetter tut sein Übriges.

Ich fühle mich, als wäre ich Zeuge davon, wie sich die Schweiz auf den Krieg vorbereitet. Trotz einer ganzen Menge Sicherheitsabklärungen und -vorkehrungen werde ich den uncoolen Gedanken nicht los, der Gefahr, angeschossen zu werden, noch nie so nahe gewesen zu sein, wie in diesem Augenblick.

Sport und persönliche Freiheit

Das «Training» dauert gut zwei Stunden und es passiert im Grunde nichts anderes, als dass im Fünfminutentakt auf Pappaufsteller in Menschenform geschossen wird. Man nennt das wohl Sportschiessen. Ich habe allerdings so meine Probleme damit, den sportlichen Aspekt so richtig wahrzunehmen. Andererseits gilt ja für gewisse Menschen auch Schach als Sport. Von dem her ...

Ich frage mich, wie etwas so furchteinflössend und gleichzeitig so stinklangweilig sein kann. Die Erleichterung, das Gelände wieder verlassen zu können, ist unbeschreiblich gross. Und gleichzeitig habe ich so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Ines wirkt wie ein Mensch, mit dem ich gerne befreundet wäre. Fast tut es mir leid, ihre Passion nicht zu teilen. Aber das Gegenteil ist der Fall – dieser Tag hat mich nur in meiner Abneigung gegen Waffen und anderes Kriegsspielzeug, das unter dem Deckmantel von Sport und persönlicher Freiheit unters Volks gebracht wird, bekräftigt.

Meinungsäusserung und Gegendarstellung

Auch, wenn ich mir sicher bin, dass wohl die meisten Waffenbefürworter, so wie Ines Kessler einen höchst verantwortungsvollen Umgang mit den todbringenden Geschossen pflegen. Warum muss man herausfordern, dass so ein Gerät in die falschen Hände gerät?

Da meine persönliche Einstellung jedoch keineswegs als Nonplusultra gilt, haben wir Ines ein paar Tage nach unserem ersten Treffen noch in ihrem Laden in Zürich besucht. Im Video oben erklärt die junge Waffen-Enthusiastin, was das Thema für sie wirklich bedeutet und weshalb sie sich so inbrünstig dafür einsetzt. Auf welcher Seite stehst du? Sags uns in den Kommentaren.


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236 Kommentare

Hans Müller vor 17 Tagen
Ich bin Schütze und Waffenbesitzer. Ich respektiere die Meinung der Waffengegner. Dennoch möchte ich versuchen die Ängste zu zerstreuen. Zunächst ist es so, dass man in der Schweiz lediglich dann Waffen erwerben darf, wenn man keinen Eintrag im Strafregister hat und gesund ist. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis keinen Schützen, dem ich nicht blind vertrauen würde. Unstrittig ist, das Waffen zum töten/verletzten entwickelt wurden. Aber man kann es auch umdrehen. Für mich sind Waffen zur Verteidigung derer gebaut, die Schutz brauchen. Es ist der, der die Waffe führt, der ihr einen Sinn gibt oder Unsinn. Als Waffenbesitzer kann ich auch das zitierte Gefühl der Macht nicht bestätigen. Vielmehr ist es so, dass man ein starkes Verantwortungsbewusstsein und Umsicht entwickelt, was der Persönlichkeit sicherlich zuträglich ist. Und natürlich möchte ich niemals eine Waffe gegen einen Menschen richten, auch nicht zur Verteidigung falls ich im Recht dazu wäre. Für mich sind Waffen ausgefeilte hochpräzise Technik, die zu optimieren, und darüber zu fachsimpeln mit Kollegen mir grosse Freude bereitet. Dieses Hobby mag sich nicht jedem erschliessen und das ist OK. Ich höre auch gerne Chopin und nicht jeden gefällt dies. Ich möchte einfach das Stereotyp des Schützen relativiert sehen, auch politisch. In unserem Verein sind z.B. gut 50% Ausländer/innen aus allen Berufsbereichen und Altergruppen und politischen Positionen. Unser Verein ist wahrhaft integrativ und wir unterhalten ein reges Vereinsleben. Es wäre bitter für uns alle, wenn dies nun zugrunde gerichtet würde, durch das neue EU-Waffenrecht. Man sollte den Wert persönlicher Freiheiten nicht unterschätzen. Man kann Sicherheit gegen Freiheit abwägen. Allerdings ist es so, dass Sicherheit ohne jede Freiheit auch nichts mehr wert ist. Dies wäre dann der berühmte goldene Käfig. Als Menschen brauchen wir aber Freiheiten um entscheiden und uns entfalten zu können. Das Recht auf eine Waffe, ist für mich das Bekenntnis des Staates zum Vertrauen in den Menschen als solchen und das dieser im Kern gut ist. Dies ist für mich die Basis für unser aller zusammenleben, nicht das Misstrauen. In diesem Sinne bitte ich beim anstehenden Referendum um Unterstützung zum Schutz unserer Rechte. Es muss einen guten Weg geben unsere Freiheiten weitestgehend zu erhalten und trotzdem das Schengenabkommen nicht zu gefährden.
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Marc vor 25 Tagen
"...das Gefühl von Macht, die man eventuell verspürt, sobald man ein Gerät in Händen hält, das binnen Sekunden ein Leben auslöschen kann?" Wer solche Gewaltphantasien hat, oder so wie der Autor sich vorstellt wie dieses Gefühl wohl wäre, ist nicht normal und benötigt professionelle Hilfe. Ein Sportschütze fühlt so etwas jedenfalls nicht. Das wäre so, als wenn sich Bogenschütze, Hammerwerfer, Speerwerfer vorstellen würden, das Geschoss ins Publikum zu feuern, oder ein Handwerker, der sich vorstellt, mit dem Hammer jemanden auf den Kopf zu hauen.
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Marc vor 25 Tagen
Wer die realen Zahlen und Fakten seriöser Quellen (z.B. nationale Behörden) unvoreingenommen betrachtet, wird feststellen, dass eine gefühlte Bedrohung durch Schusswaffen in privater Hand unbegründet ist. Man stelle einmal ins Verhältnis, wie groß z.B. die Wahrscheinlichkeit ist getötet zu werden, weil ein anderer bewusst Verkehrsregeln missachtet, oder sich fahruntüchtig ans Steuer setzt und so mutwillig andere Menschen in Gefahr bringt. Die weit verbreitete irrationale Angst vor Schusswaffen, die auch in diesem Betrag zum Ausdruck kommt, ist eine Hoplophobie, verursacht von gewalttätigen Filmen und von Medien, die jedes einzelne Unglück bei dem Schusswaffen eine Rolle spielen überptoportional aufblasen und bis zum letzten Cent ausschlachten.
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Antwort von Naja vor 25 Tagen
kommt drauf an in welchem Land sie nachschauen. Schauen sie mal in die USA
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