Sind Hausbesetzer Schmarotzer oder Helden?

Leisten Hausbesetzer einen wichtigen Beitrag zur soziokulturellen Vielfalt oder sind sie in veralteten Idealen gefangene Punks mit Robin-Hood-Syndrom? Die Meinungen unserer Autoren gehen weit auseinander.

PRO
(David Nägeli)

Wohnungsnot ist ein ernstes Thema in der Schweiz. Laut dem Mieterverband steigen die Mietpreise für alle Objekte ausser für Luxuswohnungen. Wohnungsbesichtigungen in unseren grösseren Städten gleichen heute dem Black-Friday-Wahnsinn. Gleichzeitig stehen immer mehr Wohnungen leer und nur wenige Vermieter möchten Zugeständnisse machen und Mieten senken.

Das Problem: Dank unverhältnismässigen Preisen kann es sich auch lohnen, eine Immobilie ein paar Jahre leerstehen zu lassen. Das klingt zwar marktkonform, aber leider – wenn du Mal kurz vom BWL-Buch aufblickst und nachdenkst – ziemlich idiotisch. Leerstehender Wohnraum hilft niemandem und verursacht auch für die Besitzer Kosten.

Zentren für die Community

Werden Häuser besetzt, wird ein leerstehendes Objekt warmgehalten, gepflegt (wenn auch auf eine DIY-Methode – aber das ist ja in allen anderen Bereichen cool) und ein paar Menschen finden einen Unterschlupf. Und auch wenn man sich das vielleicht nicht so vorstellen kann: Besetzer sind meistens ziemlich freundliche Menschen, was dir diverse Besitzer und auch all die Leute bestätigen können, die in Volksküchen in Besetzten für wenig Kohle ethisch fairen Food geniessen können.

Aus Hausbesetzungen entstanden auch wichtige Kulturzentren unseres Landes. Im Dachstock der Berner Reitschule spielen regelmässig krasse Acts aus aller Welt und noch regelmässiger spannende Künstler aus der Schweiz – ohne die frühere Besetzung stünden da heute wohl Blockbauten und keine coolen Konzertsäle oder ein schickes Restaurant. Und die Besetzung des Koch-Areals hat in Zürich wohl dazu beigetragen, dass da jetzt nicht private Wohnungen für Wohlhabende entstehen, sondern sich künftig auch Büezerfamilien ein Zuhause leisten können.

Besetzungen helfen bei Eingliederungen

Üblicherweise beschweren sich die gleichen Leute über Besetzungen, die Migranten vorwerfen, sie sollen gefälligst Deutsch lernen und sich in die Gesellschaft eingliedern. Und verdammt gute Orte dafür sind die autonomen Schulen des Landes, die meistens in besetzten Häusern zuhause sind. Hier erhalten Neuzugänge im Land freie Deutschkurse, Hilfe beim Ausfüllen des notwendigen Papierkrams und erhalten diverse Möglichkeiten offeriert, sich in die Schweiz einzugliedern. Kein privater Dienstleister kriegt das dermassen sympathisch, freundlich und nicht profitgeil hin.

Ach, und das Argument von wegen «eine Hausbesetzung ist nicht erlaubt» – das Frauenwahlrecht gabs früher auch nicht. Und wenn wir nicht unsere ganze hübsche Natur verbauen möchten, müssen wir einen vernünftigen Umgang mit leeren Räumen finden. Besetzungen forcieren die Diskussion zum Thema. So langsam zieht das ja auch hierzulande an – auch wenn es etwas schräg wirkt, wenn Immobilienpatriarchen sich von Wirtschaftsuni-Startups dabei beraten lassen, welche Zwischennutzung für ihr Besitztum gerade die coolste sei.


CONTRA
(Benjamin Quirico)

Kann ich nicht abstreiten: Wohnen ist abartig teuer, stimmt schon. Ich bin ganz klar dafür, dass bezahlbarer und würdiger Wohnraum für alle Menschen eine zugängliche Option sein muss. Ob jetzt aber das Besetzen von Häusern moralisch, ethisch, rechtlich und auch ganz allgemein «Ich bemühe mich, kein Blödmann zu sein»-mässig auch nur ansatzweise vertretbar ist, wage ich ganz ehrlich zu bezweifeln.

Ganz simpel heruntergebrochen: Das Haus, das du da gerade so frech-fröhlich besetzt, gehört dir nicht, lieber Hausbesetzer. So einfach ist das. Selbst dann nicht, wenn du supertolle sozial und kulturell höchst wichtige Projekte darin umsetzen möchtest. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jeder ohne Rücksicht einfach nehmen würde, wovon er der (manchmal gerechten, manchmal irrgeleiteten) Überzeugung ist, es würde ihm zustehen?

Punk ist altersschwach

Damit bist du doch selbst kein Stückchen besser als das bitterböse kapitalistische Establishment, gegen das du doch so vehement anzukämpfen versuchst. Punk ist vielleicht nicht tot, aber doch schon irgendwie altersschwach. Ist es nicht langsam an der Zeit, Anarcho-Attitüde und Robin-Hood-Syndrom zusammen mit deiner löchrigen, nietenbesetzten Lederjacke abzulegen?

Wenn du den ehrenhaften Gedanken, die Welt zu retten, weiterführen möchtest, dann musst du dich eben dieser Welt gegenüber auch ein bisschen öffnen. Wir haben hierzulande glücklicherweise eine in den meisten Fällen halbwegs faire und gute Rechtslage. Man soll sich ja nicht nach unten messen oder mit Zwischenlösungen zufriedengeben – aber ausnahmsweise tu ich es jetzt doch: Es könnte schlimmer sein.

Auch Arschlöcher haben Rechte

Und ganz nüchtern betrachtet musst du mir da auch zustimmen. Du fändest es auch nicht geil, wenn dir jemand etwas wegnimmt. Egal, ob du es geerbt oder geschenkt bekommen hast, und schon gar nicht, wenn du eventuell sogar hart dafür gearbeitet hast. Es ist rechtmässig dein Eigentum und du kannst damit tun und lassen, was du möchtest.

Steht ein Haus leer und der Eigentümer ist damit einverstanden, es dir und deinen Freunden zur Zwischennutzung zu überlassen: Good for you! Möchte er es jedoch nicht – oder nur auf bestimmte Zeit – hast du ganz einfach ohne Diskussion das Feld zu räumen. Selbst, wenn er ein egozentrisches, unsympathisches und dummes Arschloch ist und sich deine autonome Sprachschule und die freie Bühne für politischen Poetry-Slam sich neue Räumlichkeiten suchen müssen.


Kommentar schreiben

58 Kommentare

le ralle vor 4 Monate
Ideologisch gesehen kann ich das Besetzen von leerstehenden Gebäuden nachvollziehen. Jedoch hat niemand das Recht, den Besitz von anderen Leuten an sich zu reissen.
5
1
Antwort
Lösung vor 4 Monate
Ganz einfach: stellt eine oder zwei Haubitzen vor die besetzten Gebäude, dann wollen wir mal sehen wie lange sie noch dort bleiben. Falls es zu schäden kommt, dann sollen deren Eltern für den Schaden aufkommen.
10
1
Antwort
Klaus vor 4 Monate
Nun ja, solange das haus sowieso schon seit jahren leer steht & beinahe zerfällt, dann gefällt mir die idee. Aber solange es anständige häuser mit theoretisch vermietbaren häuser sind, da bin ich dagegen, nein, sowas geht nicht. Mir gefällt vorallem das kleinrebellische dahinter 😏😏
1
11
Antwort
Susi vor 4 Monate
Einfach nur Peinlich😃 Kein wunder haben wir so viele probleme , alles nur linke träumer journis ! Googelt mal Kommunismus 😃 Eine frechheit und der anfang vom Ende , wenn die Gesetze nicht mehr für alle Gelten gibts irgendwan Bürgerkrieg. Nehmt doch besser mal ein geschichtsbuch in die hand als euch zu suchen.
49
5
Antwort
video
Der schönste Mann von Wien ist Jugo

Der schönste Mann von Wien ist Jugo

«Wollen wir nicht mal einen Sexfilm gucken?»

«Wollen wir nicht mal einen Sexfilm gucken?»

video
Für seine Kunst zerstückelt er Hunde

Für seine Kunst zerstückelt er Hunde

«Sehe kein Problem bei diesen N****schnitten»

«Sehe kein Problem bei diesen N****schnitten»