Brauchen wir echt noch mehr Hashtag-Proteste?

Auf #metoo folgt #metwo – eine breite Protestaktion gegen Alltagsrassismus. Aber: Wem helfen solche Hashtag-Aktionen?

Eigentlich hätte das Internet ja nur ein paar Forscher in den Staaten miteinander verbinden und ein effizientes Kommunikationsmittel für das US-Militär werden sollen. Die ganze Angelegenheit geriet dann ein wenig aus den Fugen: Das Netz dient jetzt als Mittel zur Selbstdarstellung und gibt Menschen ohne viel Ressourcen die Möglichkeit, frei ihre Meinungen und Erlebnisse für alle sichtbar zu publizeren.

Das führt dazu, dass sich Minderheiten oder Menschen mit weniger Rechten frei äussern können und das auch tun – teilweise auch mit Resultaten in der echten Welt. #metoo führte zwar (bisher) kaum zur Anpassung von Gesetzen, aber immerhin dazu, dass ein paar Medien Strassenumfragen zu sexueller Belästigung durchführten und Sex-Straftäter ihre Jobs als TV-Hosts oder Filmproduzenten an den Nagel hängen konnten. Und offenbar trauten sich viel mehr Menschen, mit ihrer Leidensgeschichte an die Öffentlichkeit oder an zuständige Fachstellen zu wenden. Übrigens nicht nur Frauen: Gerade Männer unter 30 wendeten sich vermehrt an Behörden und Hilfestellen.

Aufklärung …

Das heisst: Es hat sich tatsächlich etwas geändert – zumindest vorerst. Und dank #metwo sollen jetzt Geschichten des Alltagsrassismus an die Oberfläche gelangen und hoffentlich Ähnliches auslösen. Grundsätzlich ist das alleine schon zu befürworten, weil es einem aufklärerischen, modernen Grundgedanken entspricht.

So wird über Dinge gesprochen, die ansonsten nicht thematisiert werden: Beispielsweise über Grundschullehrer, die ein schwarzes Kind (wahrscheinlich unbewusst) für ungebildeter als den Rest halten. Und das ist wichtig, denn wenn man nämlich nur in der eigenen Blase rumhängt, endet man wie irrelevante Autoren, die in Medien faktenlose und stupide Hetzreden gegen Migration publizieren dürfen. Und das führt nur zu Hass auf beiden Seiten.

… statt Schwarz-Weiss-Denken

Genau hier liegt aber das Problem bei Aktionen wie #metoo oder #metwo: Es ist viel zu einfach, hier eben jenes Schwarz-Weiss-Denken zu zementieren, das für diese Probleme mitverantwortlich ist. Wenn sich mehrheitlich Frauen via #metoo zu sexueller Belästigung äussern und als Bewegung auftreten, bildet sich flugs die Kontrapartei und tut die berechtigte Kritik an gängigen Gesellschaftsnormen als «Femo-Fotzerei» ab. Und voila: Alle fühlen sich in ihrem Weltbild bestätigt und die Diskussion in den Online-Kommentarspalten wird noch ein bisschen vulgärer als zuvor.

Die gleiche Gefahr besteht auch bei #metwo. Der Hashtag soll auf die Situationen aufmerksam machen, bei denen wir ansonsten unserer Psychohygiene zuliebe wegblicken. Inwiefern er zu Änderungen in Gesellschaft oder Politik führen wird, muss sich noch zeigen. Aber derzeit liefert er auch viel Kanonenfutter: Unter jedem Statement finden sich diverse Antworten, die rassistische Aktionen entweder verneinen oder rechtfertigen. Die Fronten scheinen sich eher zu verhärten als aufzulösen.

Schritte in die richtige Richtung

Jetzt sind wir am Kernpunkt des Problems: Die Idee von Fronten, dem Anderen, dem Bösen. #metoo und #metwo behandeln im Zentrum etwas sehr Ähnliches, nämlich eine Spaltung der Gesellschaft, auf rechtlicher und sozialer Ebene: In Ausländer und Inländer; in Frauen und Männer; in Privilegierte, die dank Fame mit Straftaten davonkommen und in Missbrauchte. Und solange wir solche Trennungen nicht durch Gleichberechtigung und gleiche Behandlung für alle aufheben, wird dies garantiert nicht der letzte Hashtag-Protest gewesen sein.

Aber solange die Spaltung durch diese Diskussionen nicht verstärkt wird, dürften sie immerhin Schritte in eine richtige (weil: gerechtere, gleichberechtigtere, schönere – kurz gesagt: christlichere) Zukunft sein.


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33 Kommentare

Das sind Hashtags? vor 3 Monate
Ich dachte immer, das seien IRC-Channels ...
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Antwort
UGAGUR vor 3 Monate
Was kriegt mann wenn sich Blutsverwandte paaren?
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Lone Wolf vor 3 Monate
I am sorry srii (kolportiert: Helmut Kohl)
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Drehdichnichtum vor 3 Monate
Keiner braucht dabei zu sein. Chillt euer Leben
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