Der unchristlichste Gottesdienst aller Zeiten

Wir haben das «Martin Luther Propagandastück» des Schweizer Skandalregisseurs Boris Nikitin besucht. Wir wissen jetzt: Kraftausdrücke und lautes Geschrei machen nicht alles besser.

Vergangenes Wochenende inszenierte der Basler Theaterregisseur und Autor Boris Nikitin sein berühmt-berüchtigtes «Martin Luther Propagandastück» das erste Mal in Zürich. Ich konnte mir unter dem Titel zunächst wenig vorstellen, habe mich aber von reisserischen Passagen aus früheren Rezensionen und Pressetexten anfixen lassen: «Bei der Uraufführung verliessen Zuschauer wütend den Saal, während andere ‹Ich liebe Dich!› schrien», hiess es da unter anderem.

Wer mich kennt, weiss: Versprich mir Drama und wütende Saal-Verlasser und schon hast du mich auf deiner Seite. Nichts wie ab also in die Gessneralle, wiedermal. Ein bisschen verwundert über den Mangel an Leuten, die sich dieses Stück Theaterkultur geben wollen bin ich dann doch. Der Saal ist fast leer. Wie kann das sein? Ich bin doch wohl nicht der einzige sensationsgeile Idiot, der sich von Schlagworten wie «Skandal» und «unerhört» anlocken lässt.

Wirres Durcheinander

Mittlerweile steht ein ziemlich eindrucksvoller Chor auf der Bühne, bestehend aus sehr sympathischen Damen und Herren. Wie sich herausstellt, ist das der «Unity Gospel Chor» aus Berlin-Pankow. Und mein persönliches Highlight des Abends. Voller Inbrunst begleitet das Vokalensemble das «Martin Luther Propagandastück» und – ohne spoilern zu wollen – rettet damit die Show.

Malte Scholz, der Star des Abends hält über eine Stunde hinweg einen Monolog, in dessen Verlauf er sich auszieht und über alle möglichen Themen spricht. Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir halbwegs schwer fällt, dem angestrengten Gerede zu folgen. Es ist ein wirres Durcheinander von Themen, die irgendwie zusammenhängen aber letztendlich kaum Sinn ergeben.

Ganz oder gar nicht

Glaube, Bibel, Zweifler, Abendmahl. Leg die Finger in meine Wunden! Lay down my burden down by the riverside. Ich spüre Migräne heranrollen, ausserdem wird mir langsam echt langweilig. Eine halbe Stunde redet Herr Scholz schon – einen Skandal konnte ich noch nicht ausmachen.

Mittlerweile schreit der Typ auf der Bühne rum, während er wie ein Wahnsinniger in Unterhose hin und herläuft und damit droht, seinen Arm aufzuschlitzen und dem herausquellenden Blut beim Herausquellen zuzusehen. Macht er aber nicht. Und die Unterhose behält er auch an. Irgendwie enttäuschend. Was wurde aus «Ganz oder gar nicht?»

«Dieses verfickte Scheissleben»

Inzwischen bin ich bei der Erkenntnis angelangt, dass die «empörten» Zuschauer bei der Uraufführung wohl eher gelangweilte Zuschauer gewesen und deshalb rausmarschiert sind. Ist es denn heutzutage wirklich noch provokant, gezwungen laut «Dieses verfickte Scheissleben!» brüllt?

Ich meine, wir leben in einer Welt, in der «2 Girls, 1 Cup» quasi zur Popkultur und Allgemeinbildung gehört. Da schert es nun wirklich niemanden, wenn ein halbnackter Typ von seinen unterdrückten sadistischen Wichsphantasien spricht. Es kommt mir vor, als stünde dort ein 16-jähriger Junge aus dem Jahr 2004, der gerade seine trotzige Punk-Phase durchlebt.

Eine Runde Anstandsapplaus

Nur weil man schreit oder «ficken» sagt, ist man noch lange nicht edgy. Ich bin ja normalerweise nicht der Typ, der arrogant und überheblich anderer Leute Kunst hinterfragt: «Und was soll mir das jetzt sagen? Ist das Kunst?Das kann ich auch!». Aber hey: Was soll mir das jetzt sagen?

So emotionslos wie noch nie zuvor verlasse ich – brav nach dem verhaltenen Anstandsapplaus – das Theater und schäme mich fast, zugeben zu müssen, dass ich sowas von gar nichts aus der vergangenen Stunde mitnehmen konnte. Nur so viel: Der «Unity Gospel Chor» hat ganz klar einen neuen Fan!

(Video von Dominik Kerschenbauer)


Kommentar schreiben

9 Kommentare

Dani S. vor 7 Monate
pffffffffffffffffffffft 🐰
0
0
Antwort
Fugo vor 7 Monate
Never change, Beni! Jedesmal unterhaltsame Berichterstattung.
18
1
Antwort
Ercla vor 7 Monate
Der sollte sich schämen dieser clown
25
3
Antwort
Boy Kott vor 7 Monate
Ist es nicht beschämend genug, wenn man den Namen Martin Luthers, von welchem wir alle etwas lernen können, für so etwas missbraucht, und es provozierend vor den christlichen Festtagen aufführt? Danke, dass ihr alle nicht hingegangen seid.
42
15
Antwort
video
17-Jähriger arbeitet 53-Stunden-Woche
sponsored

17-Jähriger arbeitet 53-Stunden-Woche

Aargauer Gemeinde verkauft «N****schnitten»

Aargauer Gemeinde verkauft «N****schnitten»

Verschuldet trotz 50'000 Franken monatlich

Verschuldet trotz 50'000 Franken monatlich

Achtung, Avocados sind nicht vegan!

Achtung, Avocados sind nicht vegan!