«Ich bringe die Webseite jetzt zur Post»

Die Mutter unseres Redaktors wendet sich mit Computer-Problemen gerne mal an ihren Sohn. Oft treibt ihn das – gelinde gesagt – an den Abgrund des Wahnsinns.

Meine Mutter geht mit ihren fast 70 Jahren mit meinen Freunden zu Drag-Shows und tanzt begeistert die ganze Nacht durch, während ich schon längst halbtot im Bett liege. Sie kann jeden Beyoncé-Song mitsingen, wobei sie kein Wort englisch spricht und einfach eine Fantasiesprache erfindet. Meinen Mathe-Prof in der Unterstufe hat sie damals fast einen Kopf kürzer gemacht, nachdem er einen homophoben Spruch fallen gelassen hatte und ich weinend zuhause vor der Tür stand.

Kurz: Ich bin eigentlich superstolz auf meine ganz schön coole Mama. Und doch gibt es eine Sache, bei der ich immer wieder mit der Überlegung kämpfe, mich freiwillig zur Adoption freigeben zu lassen. Nämlich, sobald es um Computer-Fragen geht. Ich bin selbst wahrlich kein Crack, wenn es zu dem ganzen Technikzeugs kommt. Im Gegenteil – eigentlich würde ich mich als totale Niete im Umgang mit Computern, Smartphones, Tablets und was es da sonst noch so alles gibt bezeichnen.

Was ist eigentlich ein Doppelklick?

Wie sich meine geliebte Mama aber dabei anstellt, treibt mir regelmässig Schweiss auf die Stirn und Tränen in die Augen. Tränen vor Lachen und gleichzeitig vor Verzweiflung und vielleicht sogar ein bisschen Wut. Nicht sehr häufig, aber doch alle paar Wochen bekomme ich einen Anruf von ihr, völlig hysterisch: «Ich finde den Google nicht!», «Was ist ein Doppelklick?» oder «Warum schickst du mir das Foto nur einmal? Ich muss es zweimal ausdrucken, habe ich dir doch gesagt!».

Und das von einer gestandenen Frau, die trotz ihres Alters in ihrer Solarenergie-betriebenen, Feng-Shui-gerechten und top-durchgestylten Designerwohnung weit moderner und fortschrittlicher lebt als ich es wohl je schaffen werde. Auch mit ihren immer neuesten iPhones kann ich nicht mithalten – selbst, wenn meine Mutter diese nur verwendet, um unzählige motivierende Videos mit Sonnenaufgangs-Szenarien per Whatsapp an all ihre Kontakte zu senden.

«Ich bin schon bei der Post»

Als vorgestern mein Handy klingelte, war mir sofort bewusst, dass es sich wieder um einen ihrer berühmten «Notfälle» handeln musste. Mittlerweile habe ich dafür schon ein ganz gutes Gespür entwickelt. Wenig motiviert meldete ich mich und erwartete das Schlimmste (hatte sie vielleicht das Internet gelöscht?).

Ich kenne meine Mama mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass Nachfragen und Diskussionen nicht viel bringen. Mit einem Seufzen sagte ich also zu und wartete auf den angekündigten Link zu einer Webseite, die ich «abtippen» sollte. Als nach einer halben Stunde noch keine Nachricht eingetroffen war, beschloss ich, einen Kontrollanruf zu machen.

«Hallo Mama, was...»
«Ja ich bin schon bei der Post!»
«Was, wie jetzt?»
«Ja ich maile dir gleich die Seite.»
«Warum bist du bei der Post?»
«Um dir die Webseite zu mailen! Ich habe doch keinen Scanner.»
«Wieso Scanner?»
«Für die Seite! Hab ich doch gesagt!»


Lange Rede, kurzer Sinn: Mutter hat es tatsächlich geschafft, einen Ausschnitt aus einem Online-Reisekatalog auszudrucken (einen Drucker besitzt sie) und mit dieser A4-Seite zum Postamt zu fahren, um es dort von wahrscheinlich ziemlich irritierten Postbeamten einscannen und mir per Mail zusenden zu lassen.

Anderen geht es auch so

Ich möchte ehrlich sein: Es hat mich wahrlich einiges an Überwindung gekostet, nicht laut loszubrüllen. Ich musste ein paarmal tief durchatmen und mir in Erinnerung rufen, welch tolle Kindheit ich hatte und wie bedingungslos mich diese Frau immer geliebt hat. Als ich am nächsten Tag diese bizarre Geschichte im Büro erzählte, erhielt ich nicht nur überraschend viel Zuspruch, sondern auch die Gewissheit, dass es anderen Leuten genau gleich geht.

Die Oma eines Kollegen schreibt etwa bei Mails immer die gesamte Nachricht in die Betreffzeile, während eine andere Kollegin regelmässig zu ihren Grosseltern fahren muss, um das «Blinken» des Haustelefons zu stoppen.

Wie sieht es bei dir aus? Kommen deine Eltern und Grosseltern mit Technik zurecht oder hast auch du ein paar verrückte Anekdoten auf Lager? Erzähl sie uns in den Kommentaren!


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48 Kommentare

Mirjam vor 29 Tagen
Mein Vater, 76, sagte einmal vor 2 Jahren ganz stolz er sei ja der Einzige in seinem Kollegenkreis, der sich einigermassen mit Computern auskenne. Dabei flickt und wartet ihm mein Bruder, der Computerfuzzi, regelmässig die Kiste inkl. Zubehör. 1991/92,, als Windows aufkam, sagte er noch "Ich muss das nicht mehr können, ich bin bald in Rente. Ausserdem habe ich eine Sekretärin, die macht die Tippsachen." Peinlich peinlich... aber mit Selbstüberschätzung kommt man scheints doch auch sehr weit...
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Jj vor 29 Tagen
Isch das doch schön zum s'mami bloszustella
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patrick h. vor 29 Tagen
Dafür kennt die junge Generation das kleine "einmaleins" der Informatik nicht mehr. Für mich als Techniker macht es manchmal fast keinen Unterschied, ob ich mit meiner Grossmutter oder einem Jungsupporter spreche. Die heutige simple "wisch und weg" Welt führt einfach dazu, dass viele die Zusammenhänge nicht mehr verstehen, weil ein freshes Userinterface die kompexe Technik dahinter versteckt.
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Antwort von Sarina vor 29 Tagen
Ich bin selbstständige PC-Supporterin und kann jedes deiner Worte bestätigen!
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