Ohne Sixpack bin ich kein echter Mann

Unser Autor verspürt immer mehr den ansteigenden Druck, der für Frauen wohl schon zur Normalität gehört. Müssen wir Männer heute auch schon mit dem Beauty-Ideal mithalten können, um nicht auf der Strecke zu bleiben?

Pünktlich zur Schwimmbadsaison meldet sich die altbekannte Stimme in meinem Kopf, die mich vor den Fettreserven warnt, die ich mir brav aus Angst vor Hungersnot und einer plötzlichen Männer-Schwangerschaft angegessen habe.

Ich bin bald 25 Jahre alt und hatte noch nie einen Beachbody mit Sixpack, den ich stolz im Freibad präsentieren konnte. Selbst die Grundschulkids, die gerade das Seepferdchen machen, haben mehr Muckis als ich. Zum Glück erkennen die meine Beule unter dem Badetuch nicht, mit der ich den Kids meine Missgunst durch einen verdeckten Mittelfinger signalisiere. Die Lehrerin schaut trotzdem blöd.

Frauen müssen sexy sein, Männer auch

Aber es sind ja nicht nur die Kids, sondern einfach alle anderen auch. Ich bin auch irgendwie froh, dass solche TV-Shows, in denen man am laufenden Band zum Topmodel gekürt wird, hauptsächlich auf Frauen ausgerichtet sind. Dennoch habe ich das Gefühl, als würden von Jahr zu Jahr immer mehr idealistische Männer aus ihren  Gym-Löchern kriechen und mir versuchen zu vermitteln, dass Normalsein heute nicht mehr reicht.

Vor Jahren, als David Beckham uns medial den Begriff der Metrosexualität in Erinnerung rief, mussten wir wohl erkennen, dass es die spätgerechte Quittung dafür ist, dass wir Männer das Frauen-Ideal definiert haben. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich immer Abstand davon genommen habe, Frauen vorschreiben zu wollen, wie sexy sie zu sein haben. Was vielleicht auch daran liegt, dass mir das aufgrund meines Schwulseins ziemlich egal war. Und immer noch ist.

Lieber Netflix- statt Gym-Abo

Ich will aber auch nicht allzu heuchlerisch sein, denn muskulöse Körper sind ja nett anzusehen. Aber wenn mir aber dauernd suggeriert wird, dass ich nur durch die Optimierung meines eigenen Körpers in die VIP-Lounge der Attraktivitäts-Elite eingeladen bin, ist das schon ein enormer Druck, der mich Energie und freie Lebenszeit kosten würde.

Meine Miete pünktlich zu bezahlen ist mir schon genug gesellschaftlicher Druck für zwei Leben. Ausserdem möchte ich mein Netflix-Abo nicht gegen ein Fitnessstudio-Abo eintauschen, nur damit mich die Anderen geil finden.

Gladiator-Body-Prototyp

Ich selbst hab einen Körper, der sich heute schlecht identifizieren lässt. Dick bin ich nicht, auch nicht dünn. Mollig auch nicht, dafür bin ich nicht weich genug. Früher hätte ich es einfach als normal bezeichnet, aber irgendwie denke ich, das gilt heute nicht mehr.

«Normal» ist nicht mehr geil, oder? Da die Fitnessstudio-Manufaktur uns heute massenhaft Prototypen in Gladiator-Verschnitt rauskotzt, stehen wir Normalos daneben und schneiden natürlich schlechter ab. Da hilft auch der alte Ugly-Friend-Trick, bei dem wir uns mit einem schlechter aussehenden «Freund» schmückten, damit wir neben diesem heller leuchten konnten, nichts mehr. Heute sind die Normalos diejenigen, die aufgegeben haben, die nicht mehr und mehr wollen. Sagen wir so: Bei uns Männern kratzt es am Marktwert, wenn du nicht entweder superskinny oder hart durchtrainiert bist.

Man muss nicht «geil» aussehen

Wer an sich arbeitet und viel trainiert, macht das doch vor allem für Anerkennung durch andere. Denn geiles Aussehen ist nicht geiles Aussehen, sondern «geiles Aussehen für...». Aber eigentlich spricht ja nichts dagegen nicht so «geil» auszusehen, wie es gerade gesellschaftlich gefordert wird. Trends ändern sich. Und die Venus von Willendorf war ja auch eine geile St(at)ute. Damals.

Ausserdem hat es ja auch was Gutes, dass mein Körper nicht dem Ideal entspricht: Während ihr im Fitnessstudio an eure Grenzen stosst, nehme ich mir Zeit mich über euch aufzuregen und investiere meine Energie, um gemütlich im Schneidersitz auf dem Sofa zu hocken und Saft zu trinken.


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228 Kommentare

Kodaline vor 3 Monate
Es gibt nichts Heisseres als ein Sixpack.Durchtrainierte Männer sind einfach der Wahnsinn.Ich freue mich,dass das mehr im Kommen ist,vor allem bei den leckeren Jungteilen.Die fetten Zeiten sind vorbei,liebe Faulenzer.Jetzt noch etwas gegen Haarausfall und Frau hat wieder was zum Anschauen auf den Strasse 😃
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Antwort von Chelsie vor 3 Monate
Doch gibt es.Ein Mann mit Sixpack und dickem Portmonnaie. Nur gibt es richtige Kerle so gut wie gar nicht mehr...
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Layla vor 3 Monate
Ich bin mir selbst gegenüber extrem kritisch und ich kämpfe mit aller Kraft gegen die 10-15 Kilo, die mich von einem richtig schlanken Körper trennen, aber ich kann nicht verstehen warum einem das beim Gegenüber so wichtig ist. Ich finde ein Sixpack bei Männern hat vielleicht etwas ästhetisches, aber besonders sexy finde ich es nicht, denn es strahlt für mich aus: Ich bin einer der Typen der dich verächtlich anschaut wenn du mal auf dem Sofa deine Serien schaust, schlage dir im Restaurant vor lieber das Hähnchen mit Gemüse zu nehmen als die Pizza, und verlasse dich wenn du nicht mehr top aussiehst, denn dann passt du nicht mehr zu mir. Natürlich ist das ein Vorurteil, das ist mir bewusst. Aber ich verstehe trotzdem nicht warum viele Frauen Männer mit Sixpack vorziehen. Für mich zeichnet sich Männlichkeit ganz sicher nicht durch den Körper aus.
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Olaf Rustle vor 3 Monate
Ich habe einen Ranzen und gehe schwere Dinge heben. Und ich ficke mehr als irgendjemanden den ich kenne. Selbstbewusstsein kann man sich in keinem Gym antrainieren. Im Gegenteil, wenn ich die Männer sehe, die vor dem Spiegel stehen und ihre Figur kritisieren, dann muss ich lachen. Und wenn der Autor anstatt sich nicht dafür zu interessieren, lieber über Fitnesstypen flucht, ist er nicht besser, sondern einfach fauler. "Normal" hat es nie gegeben, es gibt nur solche, die wissen was sie wollen und solche die das nicht tun.
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