Sterben jetzt die kleinen Konzertlokale?

Die geplante Lärmschutzverschärfung bedroht Dutzende Konzertlokale – vor allem die kleinen, ehrenamtlich betriebenen. Unser Redaktor, der einen solchen Club betreibt, berichtet.

Über zwei Millionen Menschen besuchen jährlich die kleinen Konzertlokale der Schweiz, wie eine letztjährige Studie des Dachverbandes PETZI zeigt. Seit bald acht Jahren arbeite ich ehrenamtlich für einen dieser über 190 Veranstalter. Diese finden sich – im Gegensatz zu vielen Kommerzclubs – häufig ausserhalb der grössten Städte und sorgen dafür, dass die coolen ausländischen Bands auf Tour nicht nur in Zürich, sondern auch in Nidwalden oder in Sursee Halt machen. Und bieten gleichzeitig auch jungen Künstlerinnen und Künstlern aus der Schweiz eine Bühne.

Diesen Clubs, für die rund 18'000 Menschen ehrenamtlich arbeiten, droht nun eine schallende Ohrfeige des Bundes: Eine Verschärfung der Lärmvorschriften, die die Existenz der Lokale aufs Spiel stellt (siehe 20 Minuten). Und auch der immer cooler und vielfältiger werdenden CH-Musikszene einen Dämpfer verpassen würde. Und da der Bund für die die Ausarbeitung der neuen Lärmschutzregelungen weder mit der Gastronomie noch mit der Kulturbranche gesprochen hat, könnte das dem Staat nicht Mal bewusst gewesen sein.

Von wegen «keine grossen Mehrkosten»

Entsprechend unwissend klingt auch der Begleittext zur Verschärfung: «Es entstehen keine grossen Mehrkosten», schreibt das Bundesamt für Gesundheit im Begleittext zur Vernehmlassung. Gehen wir von einer (unwahrscheinlich) harmlosen Auswirkung der neuen Verordnung aus, kämen bei uns im Club nur Kosten von rund 5000 CHF für eine neue Dezibel-Messanlage dazu. Das klingt nicht nach viel, aber wie viele andere kleine Konzertlokale geschieht beinahe alle Arbeit ehrenamtlich und das Budget ist dermassen winzig, dass wir da ein bisschen ins Schwitzen kommen.

Ein paar Telefonate bei befreundeten Clubs zeichnen das gleiche Bild: Egal ob am Bodensee oder in der Westschweiz – die Sorgen sind gigantisch. «Für Clubs in unserer Grösse ist es jetzt schon wahnsinnig schwierig», sagt Daniel Kissling, der das Coq d’Or in Olten schmeisst. «Und die drohende Verschärfung könnte im Extremfall dazu führen, dass wir den Konzertbetrieb einstellen müssten.»

Crowdfunding für ein dichtes Dach

Das liegt nicht nur an den zusätzlichen Aufwänden für die Messungen. Der Bund hat zwar korrekterweise festgestellt, dass es unmöglich ist, eine Guggenmusik auf das gewünschte Lautstärkeniveau zu dämpfen. Dass es bei einem Schlagzeug aber ebenso schwierig ist, hat er wohl nicht bedacht. Oder vielleicht liegt es ja daran, dass ein Mitglied der Expertenkommission leidenschaftlicher Fasnächtler sein könnte, wer weiss.

Wollen die Clubs die unverstärkte Lautstärke einer Band senken – und das müssten sie wahrscheinlich –, gibt es zwar die Möglichkeit, ein Plexiglasgehäuse rund ums Schlagzeug zu bauen, aber das hilft auch nur bedingt. Wirklich nützlich dafür wäre in den meisten Fällen nur ein grosszügiger Umbau. Aber nur um die Verhältnisse zu klären: Ein befreundeter Club startete kürzlich ein Crowdfunding, um die Toilettenanlage zu sanieren und das Dach komplett regendicht zu machen.

Adieu Ausbildungsmöglichkeit

Was da ausserdem noch dazukommt: Viele dieser kleinen Clubs arbeiten mit ehrenamtlichen Tontechnikern, die hier unter Betreuung die Grundlagen erlernen, bevor sie ein paar Jahre später vielleicht mit Schweizer Top-Acts auf Tour gehen.

Künftig sollen neben den Musikern (!) aber auch die Techniker für allfällige – und teils beinahe unvermeidliche – Lautstärkeübertretungen gebüsst werden können. Gemeinsam mit den zusätzlichen Qualifikationen, die fürs Bedienen des zusätzlich nötigen Equipments benötigt werden, führt dies dazu, dass wohl kaum mehr Semiprofis hier Erfahrungen sammeln werden. Und das zusätzliche Kosten (ein paar Hundert Franken pro Konzertabend) für lizenzierte Profis anfallen.

Sollte dies der Fall sein, wären wir wohl nicht die einzigen, die sich keine Konzerte mehr leisten könnten. «So könnten Auftrittsmöglichkeiten für Schweizer Künstler sterben – und das, nachdem die Musikszene hierzulande in den letzten Jahren wahnsinnig zugelegt hat», sagt Kissling. Und das gleiche hören wir aus Clubs in der ganzen Schweiz.

Eine Petition gegen die geplante Verschärfung, die im ersten Halbjahr 2019 in Kraft treten soll, findet sich hier. Der Autor arbeitet ehrenamtlich in einem Konzertlokal in der Ostschweiz.


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29 Kommentare

andi vor 26 Tagen
dieses gesetzt brauchts leider wegen all dieser idioten, die glauben ihre party ist besser, wenn der hälfte der besucher die ohren weh tun. ich höre auch gerne laute musik. aber an vielen orten wird massiv übertrieben, dass sogar ich mir die ohren zuhalten muss. und ich bin wirklich nicht besonders empfindlich nach 25 jahren partyleben
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Hannah vor 27 Tagen
Klar dass es eine Lautstärken-Verordnung o.ä. braucht. Aber das ist nun doch etwas krass. Wo bleibt die Eigenverantwortung? Was ist damit, dass man evt. einfach Ohrstöpsel trägt und sich nicht direkt an die Bühne stellt für die volle Dauer des Konzerts. Und wenn man das will, oder für den Vollen-Konzert-Genuss braucht, ists doch jedem sein eigenes Bier.
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von Arx Rolf vor 27 Tagen
Kannst ja wirklich leiser machen, wir mussten auch und es ging trotzdem dem Saxofon kannst einen Dämpfer drauf montieren, und gib den Leuten Gehörschutz. Bei den Elektrogitarre kannst ohnehin laut oder leise machen wie bei einer Hammond Orgel, du wirst es dann sicher verstehen wenn Du es selbst ausprobierst.
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Ulrich vor 27 Tagen
In vielen Ländern muss auch die kleinste Bar ein Lautstörkebegrenzung eingebaut haben, sogar auf Mallorca. Wird rigoros kontrolliert. Scheint also bezahlbar zu sein und die Musik ist auch geniesbar.
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