Darf man über Vergewaltigung lachen?

Schauspielerin und Komikerin Hannah Gadsby sorgt mit ihrem Comedy-Special «Nanette» für Furore. Die Australierin spricht offen über Selbsthass, traumatische Erlebnisse und sexuelle Gewalt.

Noch nie habe ich mich nach einem Comedy-Special gleichzeitig so hundsmiserabel und doch so motiviert gefühlt, die Welt ein bisschen verändern zu wollen. «Nanette» nennt sich die preisgekrönte Show der australischen Schauspielerin und Komikerin Hannah Gadsby – und der Name ist nicht Programm. «Nanette» hat keinerlei tiefere Bedeutung und trägt nichts zu diesem Wechselbad der Gefühle bei, in das die Australierin ihre Zuseher wirft.

Sexistische Verhaltensregeln


Hannah Gadsby schafft es, das Publikum in einer Minute in schallendes Gelächter zu versetzen, um Augenblicke später betretenes Schweigen auszulösen. Und das nicht nur bei den Hunderten, die live im Publikum sitzen – sondern auch bei den Millionen von Leuten weltweit, die «Nanette» seit etwas über einer Woche online auf Netflix streamen können.

Die Komikerin, die in einem kleinen, christlich-konservativen Städtchen in Tasmanien aufgewachsen ist, verarbeitet in ihrer Stand-up-Routine ihre Kindheit und Jugend als ungeoutete Lesbe vom Land, die nie wirklich Anschluss gefunden hat. Sie prangert aber auch den Status Quo an, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die von klein auf indoktrinierten, rassistischen und sexistischen Verhaltensregeln, die selbst innerhalb der LGBTQ-Community eine grosse und gefährliche Rolle spielen.

Sadistische Retourkutschen

Gadsby bringt uns zum politisch inkorrekten Lachen. Weil es einfach und erfrischend – und vor allem erlaubt – ist, über Witze über sexuellen Missbrauch oder homophobe Gewalt zu lachen, solange sie von einer Person gemacht werden, die selbst Opfer dieser Taten wurde. Mit einer bösartigen, fast sadistischen Retourkutsche hält uns die Australierin im nächsten Moment einen Spiegel vors Gesicht und macht uns klar, dass wir Teil des Problems sind.

Comedy funktioniert oft so gut, weil wir uns mit dem Menschen auf der Bühne und dessen Geschichte identifizieren können. Weil diese Person es schafft, in lustige, selbstironische Worte zu fassen, was uns beschäftigt. Und Lachen ist vielleicht nicht unbedingt ein allheilendes Wundermittel, schafft es aber doch, oft ein bisschen den Druck zu nehmen, die Spannung zu entschärfen. Und dann kommt Hannah Gadsby und dreht diese goldene Regel der Comedy um.

Hannah Gadsby ist wütend

Sie sagt: Es darf nicht sein, dass einer Person, der Unrecht widerfährt, nur zugehört wird, wenn sie sich selbst zur Pointe eines derben Witzes macht. Es darf nicht passieren, dass einer schlechten Tat die Schwere genommen wird – nur, damit man seine Geschichte erzählen darf. Hannah Gadsby ist wütend:

«Versteht ihr, was Selbstironie bedeutet, wenn es von jemandem kommt, der sowieso schon ganz unten ist? Das ist keine lustige Bescheidenheit, das ist Selbst-Erniedrigung. Ich erniedrige mich selbst, damit ich hier sprechen kann. Damit ich die Befugnis habe, über mich zu sprechen.»

Bevor sie auf die Bühne gekommen war, habe sie sich selbst die Frage gestellt: «Lachen sie über mich oder mit mir?». Die Antwort darauf muss sich am Ende der höchst emotionalen Show jeder Zuseher selbst geben. «Nanette» hat schlussendlich mit Comedy, wie wir sie bisher kannten, so gut wie nichts mehr gemein.


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27 Kommentare

Klaas vor 15 Tagen
Die Antwort auf die Frage im Titel: JA, darf man unbeschwert. Das gilt natürlich nicht bei allen Fällen aber dort, wo sich die Teenis wie kleine Pornoqueens kleiden, da darf sich keiner wundern, wenn ein Spinner sich angesprochen fühlt. Wird immer so sein.
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Markus vor 15 Tagen
Nur weil das Leben für einzelne unfair ist, soll sich die gesamte Gesellschaft schuldig fühlen? Ja es ist schlimm, aber das sind auch Kankheit, Krieg und Hungersnöte. Letzteres scheint uns weniger Mitgefühl zu entlocken als eine Frau mit verkorkster Kindheit. Wir Leben wirklich in einer komischen Welt...
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Michi vor 15 Tagen
Sehr guter Artikel. Krasse show. Habs mir als weisser hetero mann reingezogen und bin fast sureal schockiert, verwirrt und fasziniert. Unglaublich eindrücklich. Gucken!
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Mr. Nasty vor 15 Tagen
Ja, ja, die Schwulen und Lesben. Erst hassen sie die Heteros, weil die ihnen zu wenig Rechte geben und gleichzeitig machen sie sich gegenseitig fertig, wegen ihrem Narzissmus. Hier in der Schweiz ist es allmählich so, dass ich mich frage, ob man als Mann überhaupt noch ein Pfiffli haben, Frauen ansprechen und eventuell, so ausnahmsweise, damit beglücken darf? Ich finde die Schweiz allmählich degeneriert. Die meisten Frauen sind so arrogant, vermutlich auch viele Lesben darunter, dass einem der Spass an den Frauen vergeht. Im Osten soll es noch nette Frauen geben.
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