Ich wurde zu Recht als Kind geschlagen

Unser Autor hat in seiner Kindheit die eine oder andere «gesunde Ohrfeige» von seiner Mutter bekommen. Heute findet er: Vollkommen verdient. Oder doch nicht?

Um das gleich vorwegzunehmen: Ich bin selbstverständlich gegen Gewalt. An Kindern, Erwachsenen, Tieren (ausser Spinnen und Wespen) und auch gegen Selbstverletzung, Gewalt am eigenen Körper. Ich möchte da – trotz des zugegebenermassen provokanten Titels – gar nicht erst ein falsches Bild aufkommen lassen. Meiner gar nicht mal so bescheidenen Meinung nach wirken Worte meist stärker als Taten. Und wer sich nur mit Gewalt, gerade gegen Schwächere, zu helfen weiss, zeigt ganz klar Schwäche.

Gesunde Ohrfeigen?

Und hier liegt mein Punkt: Der Geist mag noch so stark sein, das Fleisch hingegen ist oft schwach. Ich hatte eine ziemlich glückliche Kindheit und die besten Eltern der Welt. Meine Mama hat mich gefördert, unterstützt und alles dafür gegeben, mich zu diesem talentierten, wunderbaren, intelligenten, humorvollen, mitfühlenden und vollkommen selbstreflektierten und bescheidenen Menschen zu machen, der ich heute bin. Oder zumindest in meiner Vorstellung gern wäre.

Und doch kam meine Mutter nicht darum hinweg, das eine oder andere Mal die Hand gegen mich erheben zu müssen. Das Wörtchen «müssen» in diesem Zusammenhang ist ziemlich relativ. Hätte natürlich auch ohne die «g'sunde Watsch'n», wie wir sie in Österreich nennen, geklappt – ich gehe aber stark davon aus, mein Leben wäre in etwas anderen Bahnen verlaufen, wären mir einige Grenzen nicht auf diese Weise aufgezeigt worden.

Kinder sind oft Arschlöcher

Obschon ich nie ein sonderlich freches oder vorlautes Kind war, kann ich rückblickend nicht leugnen, von meinem Umfeld unverhältnismässig viel abverlangt zu haben. Ich war – und bin wohl immer noch – ein Klugscheisser sondergleichen und scheute nie davor zurück, Menschen kaltblütig öffentlich blosszustellen. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, aber ich war schon  in der Grundschule ein elitäres und intrigantes Arschloch.

Ganz ehrlich gesagt wundert es mich, dass ich nicht viel öfter und härter verprügelt wurde. Der Satz «Das tut mir viel mehr weh, als dir!» trieft zwar nur so vor veralteten, scheinheiligen Klischees, war aber bei meiner Mutter wohl sehr zutreffend. Wenn all die «Leseverbote» und die gestrichenen Violinen-Stunden nichts mehr halfen, wenn all das gute Zureden und schlussendlich auch Bestechungsversuche an meinem übersteigerten Ego abprallten: Die paar Ohrfeigen, die ich in meinem Leben verpasst bekam, zeigten Wirkung.

Dem Grössenwahn Grenzen setzen

Ich bin kein Fan von «Was dich nicht umbringt, macht dich stärker». Ganz klar war und ist es nicht richtig – und dazu auch ziemlich niederträchtig – Kinder zu schlagen. Das weiss ich, ich würde es selbst auch nie tun und unzählige  Studien und Expertenmeinungen von Ärztinnen und Psychologen bestätigen mich darin.

Aber – und jetzt kommt dieses lästige Aber: Ich lernte, was es heisst, ein bisschen demütig zu sein. Ich erkannte, dass ich noch ein Kind war – abhängig von meinen Eltern und kein erhabenes Wesen, dessen Grössenwahn keine Grenzen gesetzt sind. Natürlich nahm ich es meiner Mutter übel, natürlich fühlte ich mich entwürdigt, herabgesetzt, hilflos und wertlos. Heute, viele viele Jahre später, weiss ich: Mama war schwach, sie wusste sich nicht anders zu helfen. Und aus mir ist doch etwas geworden. Irgendwie.

(Video von Dominik Kerschenbauer)


Kommentar schreiben

117 Kommentare

Froggy vor 3 Monate
Bei uns zuhause herrsche geradezu schwarze Pädagogik. Beim kleinsten Anlass wurde hart zugeschlagen. Gerne auch mit diversen Gegenständen. "Genau deshalb bist du so ein Schatz geworden", meinte die Mutter dankbar. Klar, eines Tages war ich perfekt dressiert. Das war bei uns geradezu überlebenswichtig. So ein willenloses Tanz-Äffchen ist natürlich äusserst angenehm für die Eltern und bequem im Haushalt. Aber irgendwann muss sich der "Schatz" in der Arbeitswelt behaupten. Und hat doch nichts als Gehorsam und Unterordnung gelernt. Damit habe ich heute noch zu kämpfen. Jetzt können sich die Eltern über mich lustig machen, weil ich mich im Beruf nicht durchsetzen kann. Sie haben doch immer gesagt, dass auch mir nichts wird - und genau deshalb habe ich ja die strenge Dressur nötig... Ich habe vor 15 Jahren jeden Kontakt zu den Eltern abgebrochen.
9
1
Antwort
Ekeltoni vor 3 Monate
Du hast jeden watsch von deiner mama verdient, simi gold!!!😂hahaha, grüss deine mutter von mir und sag ihr sie hat das gut gemacht, hihihihihi🙃*&$#@!!!
8
3
Antwort
Erzieherin vor 3 Monate
Gewalt ist NIE eine gute Lösung. Erziehung kann immer auf bessere Weise GEWALTFREI gemacht werden (und damit meine ich nicht, dass man keine Grenzen setzen darf!) Es kann sein, dass man so provoziert wird und zuschlagen möchte - dann ist es es aber ein Zeichen von Beherrschung wenn man es nicht macht. Kann man auch dem Kind erklären, dass man z.B. wenn zu Hause räumlichen Abstand braucht, um sich zu beruhigen. Wenn die Emotionen nicht mehr so hoch kochen, lässt sich dann schon besser diskutieren 😉
4
2
Antwort
Nochmals vor 3 Monate
Meine Erzeuger haben mich bei jeder Gelegenheit geschlagen. Soviel ich weiss verjährt Kindsmissbrauch nicht und ich überlege mir diese Erzeuger auf Schadenersatz zu verklagen.
16
19
Antwort
video
Youtube Music gibt’s ab heute auch in der Schweiz

Youtube Music gibt’s ab heute auch in der Schweiz

Braucht es LGBT-Unterricht in der Schweiz?

Braucht es LGBT-Unterricht in der Schweiz?

video
Falscher Rockstar geht ohne Fans auf Tour

Falscher Rockstar geht ohne Fans auf Tour

Gamer tötet «nervige» Feministin

Gamer tötet «nervige» Feministin