Was Facebook über dich wissen könnte

Unser Autor sammelte zwei Monate lang seine Facebook-Daten und liess sie analysieren. Und sie geben viel mehr her, als wir alle vermuten würden.

Ich bin ein ziemlich reger Social-Media-User. Und ich finde das auch ganz okay: Ich kann meine Ferienfotos posten, heisse Internet-Bekanntschaften auf Insta stalken und meine Freunde zu dutzenden Events einladen, die sie wahrscheinlich kaum interessieren.

Die Kehrseite: Ich hänge ziemlich viel im Netz herum. Genauer gesagt: Alleine auf Facebook verplempere ich durchschnittlich 32 Minuten pro Tag – die Zugriffe vom Smartphone sind dabei noch nicht einmal miteinberechnet.

Zwei Monate Daten

Die genaue Zeitangabe hat mir ein kleines Tool errechnet: Data Selfie – eine Browser-Erweiterung, die deine Facebook-Nutzung genau trackt und die Daten sammelt, die Facebook auch von dir sammelt (abgesehen von dem Zeug auf Instagram, WhatsApp, …). Anhand dieser prognostiziert dir das Tool ein paar deiner Charaktereigenschaften, dein Shopping-Verhalten und vieles mehr. Da Data Selfie am 1. Juli eingestellt wird, wollte ich mir Mal genau ansehen, was man anhand meiner Facebook-Shitpostings über mich herausfinden kann.

Mein Facebook-Gebrauch über zwei Monate hinweg generiert etwas mehr als 100'000 Zeilen an Daten: Welche Posts ich mir wie lange angesehen habe oder was ich in den Messenger eingetippt habe (egal ob ich es abschickte oder nicht – eine gängige Praxis auch bspw. bei Online-Supportchats).

Beim Tippen mitgeschnitten

Dass ich Mitte April einem guten Freund schrieb: «dude, ha kli shit gmacht das WE» sagt an sich noch wenig über meinen Charakter aus. Dass ich danach vielleicht fünf Mal eine lange Nachricht tippte und wieder löschte, hingegen schon. Aber um wirklich Schlüsse aus der gigantischen Datenmenge zu ziehen, braucht der Mensch die Hilfe von Algorithmen.

Die Facebook-eigene Software zur Analyse der Nutzerdaten ist nicht transparent – logisch, damit macht der Grosskonzern ja auch seine Kohle. Dementsprechend nutzt Data Selfie öffentlich nutzbare Algorithmen, um die gesammelten Infos auszuwerten. Das heisst: Das ist zwar taugliche und detaillierte Software, aber sie wird wohl nicht die Tiefe und Breite der Facebook-Algorithmen erreichen. Aber das macht die ganze Angelegenheit eigentlich noch viel erschreckender.

Von Statistiken zu Prognosen

Die Analyse mittels Data Selfie sammelt in einem ersten Schritt relativ simple Statistiken wie beispielsweise: Welche Personen mir wohl am nächsten stehen – meine BFFs sind tatsächlich zuoberst – oder was auf Fotos zu sehen ist, die ich mir anschaue. Und auch da: Drei Viertel davon seien Personen, dann kommen Stühle, Bücher, Autos, Hunde. Bis auf die Autos klingt das ganz plausibel. Aber vielleicht lässt sich das durch eine Vorliebe für Gangster-Rap-Videos erklären.

Aus diesen Daten versucht der Algorithmus nun verschiedene Dinge über mich zu schliessen – oft auf einem erstaunlich deepen Niveau. Ein paar Beispiele:

-         Das Shopping-Verhalten. Der Algorithmus erkennt korrekt, dass mir Marken schnurzpiepe sind, dass ich gerne aufgrund von Online-Werbung einkaufe und mehr Wert auf Style als auf Qualität setze. Und er vermutet, dass mein soziales Umfeld relativ wenig Einfluss auf meine Einkäufe hat – die Reaktionen meiner Buddys auf gewissen Kram bestätigen das auch.

-         Das Geschlecht. Aus Jux bin ich auf Facebook als Frau eingetragen, wahrscheinlich weil mein Teenie-Ich damals nicht viele Daten preisgeben wollte oder die Bikini-Werbung, die seither regelmässig auftaucht, heiss fand. Der Algorithmus schätzt mich dennoch zu rund 68 Prozent als Mann ein.

-         Den Job. Obwohl ich diesen nicht bei Facebook angegeben habe, schätzt es mich mit rund 40 Prozent Wahrscheinlichkeit als Journalisten ein. Spontan gedacht sehe ich das Liken diverser Medienseiten und der Gewerkschaftspage (syndicom – also nicht nur Journis) als einzige Hinweise.

-         Das Liebesleben. Obwohl ich noch nie meinen Beziehungsstatus auf Facebook änderte oder den Freundinnen auf die Wall postete, rät der Algorithmus korrekt, dass ich derzeit Single bin.

-         Der Charakter. Anhand der Facebook-Daten scheine ich hedonistisch (70 Prozent), atheistisch (33 Prozent vs. christlich 20 Prozent) und nicht sehr stabil (20 Prozent) zu sein. Könnte passen. Ausserdem prognostiziert der Algorithmus auch korrekt, dass ich mehrmals wöchentlich entweder Fast-Food hole oder andersweitig nicht zu Hause esse.

Ziemlich genau, ziemlich erschreckend

Das ist erst ein winziger Ausschnitt – Data Selfie prognostiziert in einigen Dutzend Kategorien. Und Facebook wird um einiges tiefer gehen können, schliesslich reden wir hier nur von einem Drittentwickler-Tool ohne Zugriff auf Instagram und WhatsApp.

Kurzum: Wenn Facebook seine Daten an einen Staat weitergibt – oder dieser die Daten bei den Nutzern oder Facebook selbst abgreift – könntest du in etwas übleren Systemen easy am Arsch sein. Angenommen man würde eine gewisse Religion verbieten wollen, könnte man beispielsweise ab einer 30-prozentigen Wahrscheinlichkeit, Christ zu sein, jemanden verfolgen. Dabei erwischt man zwar ein paar, die vielleicht nur mit dem Christentum sympathisieren, aber zivile Opfer gibts wohl immer.


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10 Kommentare

Mr. Nasty vor 5 Monate
Da ich weder bei FB noch Instagram bin, sollte ich eigentlich auf der sicheren Seite sein, oder? Oder machen das auch Firmen wie Microsoft? Mir sind nämlich meine Privatsphäre und meine persönlichen Daten ziemlich heilig und deswegen bin ich nicht bei solchen Plattformen dabei. Ich vermute schon länger, dass auch Internetanschlüsse permanent überwacht werden (so wie in China) und das Geheimdienste wohl die selben, wenn nicht sogar noch tiefere Methoden anwenden. Die USA mutiert zur riesen Datenkracke... ach dagegen war doch die Fichenaffaire um Frau Kopp direkt niedlich...
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Sinalco vor 5 Monate
Die eigentliche Frage ist doch, weshalb jemand überhaupt noch Katholisch ist? Ist mir schon klar, dass man vor ein paar hundert Jahren, vor der Einführung der modernen Wissenschaft, das Bedürfnis hatte Unerklärliches zu erklären und dafür Übernatürliches erfinden musste, weil es einfach noch keine Möglichkeit gab die natürliche Ursache zu erkennen. Aber wir sind doch im Jahr 2018. Wie kann da ein Mensch mit Schulbildung noch an einen Gott glauben und so das Mitmachen in einer religiösen Vereinigung legitimieren?
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Antwort von ETH & FH vor 5 Monate
super gebildet. Habe bis zur höchsten Schule alles gesehen und mitgemacht. Und trotzdem glaube ich an GOTT - erst recht! Die Schule versucht zu erklären was GOTT erschaffen hat. Teilweise solch absurde Erklärungen der Wissenschaften dass man sich nur noch an den Kopf fassen kann. Viele tun sehr wohl einfach nur wichtig um auch dabei zu sein. Trotzdem können sie nichts erklären und nichts verstehen.
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Antwort von Mario Salzmann vor 5 Monate
Und daher bist du dumm
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