«Das Christentum ist am Boden!»

Freikirchen wie die «Equippers Friedenskirche» in Zürich geniessen oft zweifelhaften Ruf. Wir wollten allen Vorurteilen auf den Grund gehen und haben einen Gottesdienst besucht.

Da ich ja sonst nichts Besseres zu tun habe (so zynisch es klingen mag – es ist tatsächlich die Wahrheit!), quäle ich mich zu unchristlicher Stunde aus dem Bett und verbringe meinen Sonntagvormittag mit Jesusfans und hippen Theatergängern beim Special-Gottesdienst der «Equippers Friedenskirche» in der Zürcher Gessnerallee.

Wo bleibt der unreflektierte Glamour?


In meiner Vorstellung von Freikirchen fehlt es mir ja immer ein bisschen an Glamour. Dieses selbstherrliche, unreflektierte und streng reglementierte Pathos des Katholizismus hat eine angenehm beruhigende Wirkung auf mich. Freikirchen sind mir, glaube ich, zu chaotisch und aufgesetzt jugendlich.

Es ist doch wie bei Kindern. Führt man mit strenger Hand, Zuckerbrot und Peitsche, mit Angst und Schuld als Basis einer Erziehung; dann bekommt man spätere Spitzenpolitiker und Firmenbosse. Antiautoritäre Steinerschüler hingegen haben wahrscheinlich weniger Risiko, Psychosen zu entwickeln und als manisch-depressive Fussfetischisten zu enden. Dafür bleiben sie karrieretechnisch oft auf dem Niveau «Batik-Shirts auf Etsy verkaufen» stecken. Muss man als Elternteil dann selbst entscheiden, was einem lieber ist.

Dän (mit ä) Superstar

Nun ranken sich tatsächlich viele Mythen um Freikirchen, deren Anhänger oft bestenfalls als irre Gottesfreaks, wenn nicht gar als arme, verwirrte Sektenmitglieder in den Fängen geldgeiler Gurus abgestempelt werden. Ich möchte probieren, heute mit meinen eigenen Vorurteilen zu brechen. Möglichst unbefangen werde ich versuchen, einen Einblick in diese mir völlig fremde Welt zu erhaschen.

Pastor Dän (mit ä) Zeltner ist der charismatische Popstar der «Equippers» und als Musiker und Entertainer ein  Profi im Showbusiness. Der relativ kleingewachsene junge Mann weiss genau, wie er auf der Bühne wirkt. Man merkt: Er fühlt sich wohl im Rampenlicht und er versteht es, seine Message zu vermitteln. Er singt, tanzt, jubelt, erzählt persönliche Anekdoten von seiner Familie. Und die Menge liebt ihn. Und natürlich Jesus.

Gottes (satirisches?) Bodenpersonal


Ich bin fasziniert und ertappe mich nicht nur einmal dabei, wie ich zusammen mit den anderen Anwesenden begeistert bei den unglaublich ohrwurmlastigen Popsongs mitklatsche, die Pastor Dän und seine Entourage zum Besten geben. Diese aufrichtige Wärme, Liebe und Begeisterung, die alle hier verspüren ist ansteckend und obwohl die durchchoreografierte Show in diesem Theatersetting teilweise fast wie Satire wirkt, finde ich Jesus plötzlich irgendwie ganz cool. Zumindest für den Moment.

«Das Christentum ist echt am Boden!», lautet die provokante Message der heutigen Predigt. Dän ist voll in seinem Element und das Publikum hängt an seinen Lippen, während er frech und voll jugendlichem Elan erklärt: «Dort gehört es hin, dort muss es auch bleiben und dort wird es auch bleiben. Jesus war Gottes Bodenpersonal! Gott hat die Grösse, sich erniedrigen zu lassen, darum hat er seinen einzigen Sohn geschickt. Gott landet dort, wo der Mensch immer ist: am Boden!»

Der Entertainment-Faktor ist enorm


Die Gemeinde murmelt zustimmend «Amen» und nickt eifrig. Ein bisschen, wie man das aus Hollywoodfilmen kennt, in denen lustige starke Frauen kecke Lieder in der Kirche singen. Hier ist es nicht ganz so wild und frei. Aber wir sind auch in Zürich und nicht in Harlem. «Sister Act» in der Version für wohlbetuchte Schweizer. Und Pastor Dän als Whoopi Goldberg.

Die Stimmung im Saal ist immer noch positiv geladen, für meinen Geschmack vielleicht sogar ein bisschen zu positiv. Wo es den Katholiken an Humor mangelt, rückt mir der Entertainment-Faktor bei dieser Messe fast schon ein bisschen zu sehr in den Vordergrund. Aber ich bin ja jetzt auch kein international renommierter Gottesdienst-Kritiker. Also was weiss ich denn schon?

Aus tiefster Überzeugung

Nach der Messe fange ich den charismatischen Star der «Equippers» ab, um mich über Vorurteile, Glauben und ganz allgemein über das Schaffen in der Freikirche zu informieren. Es war ja immerhin mein Ziel für heute, mehr über diese Parallelwelt abseits des christlichen Mainstreams zu erfahren. Ich gebe zu, ein bisschen gehofft zu haben, Pastor Dän mit seine engergiegeladenen Gottesliebe im privaten Gespräch als Schauspieler zu entlarven.

Letztendlich scheint er aber aufrichtig für all das zu stehen, was er repräsentiert und seiner freichristlichen Gemeinde weitergibt. Selbst, wenn ich persönlich nicht in allen Punkten mit seiner Meinung oder Auffassung oder Lebenseinstellung konformgehen kann (Kirche bleibt letzten Endes dann doch immer Kirche), merke ich, dass mit der «Equippers Friedenskirche» ein Ort existiert, an dem christliche Werte, die ja nicht grundlegend negativ sein müssen, nicht nur streng nach Vorschrift vermittelt, sondern auch gelebt werden. Und zwar nicht aus Angst vor dem Höllenfeuer, sondern aus tiefster Überzeugung.

[Video von Dominik Kerschenbauer]


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188 Kommentare

Andy Roth vor 4 Monate
Darf ich überhaupt vermelden, dass ich mit 35 Jahren der katholischen Kirche beigetreten bin? Und dass ich als Rockfan tausend mal lieber Orgelmusik höre als solche "Jesus-Love-Songs mit selbsternanntem Predigern?
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Antwort von Ekeltoni vor 4 Monate
Ist bei mir genauso, nur dass ich zehn jahre früher eingetreten bin und kein so doller rockfan war. Christenpop ist wie ein schluck lauwarmes wasser mit zu wenig zitrone drin. Da höre ich lieber gregorianik.
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Michael vor 4 Monate
Das Chistentum befindet sich tatsächlich im Abwärtstrend. - Aber bloss, weil die Gesellschaft - also wir - zulassen, dass alles was aufrichtig und zur Hilfe anderer gemeint ist mit Fleiss ins Gegenteil verkehrt wird. So würde z.B. Ein Mann, der einem Anderen Mann aus Schwierigkeiten hilft gerne Homosexualität angedichtet. Das Gleiche bei Kindern. Dann aber IV Bezüger als Massnahme in Kinderbetreungseinrichtungen schicken, und bei Verfehlungen von Geistlichen und Jugendtrainern den ...
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Sabrina vor 4 Monate
Ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten. Leider ist die Kirche im Mittelalter stehen geblieben. Aber das könnte ich irgendwo noch akzeptieren. Aber leider Entziehen sie sich auch Jeder Staatlichkeit. Straftaten werden intern abgehandelt,vertuscht,verschwiegen. Sexualtäter werden geschützt. Zudem Wird der Staatsapparat zur Eintreibung der Mitgliederbeiträge missbraucht. Ich kann auch wenn sie viele Gute und wichtige Werte einem auf den Lebensweg geben solch eine Organisation nicht unterstützen. Zum Glauben muss ich nicht in solch einem Verein sein.
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