Ich habe im schrägsten Denner Zürichs ausgeholfen

Denner, Ecke Militär-/Langstrasse. Wer hier arbeitet, braucht Nerven aus Stahl. Denn die Kundschaft besteht nebst Familien und Hipstern auch aus Junkies und Prostituierten. Ein Erfahrungsbericht.

Es ist Freitagabend, 19.00 Uhr. Ich stehe vor der Denner-Filiale gleich bei der Militär-/Langstrasse in Zürich, der wohl schrägsten Ecke der Stadt. So schräg, dass mir mein Fotograf vor dem Eintreffen schreibt: «Wo bin ich hier gelandet? Habe innerhalb von fünf Minuten eine Schlägerei, eine kotzende Seniorin im Rollstuhl und Halleluja-Gesänge erlebt.»

Zwei Stunden darf ich in dieser lebhaften Filiale aushelfen, um einen Einblick hinter die Kulissen zu erhalten. Frau Klincarevic, die Filialleiterin, begrüsst mich herzlich und überreicht mir eine knallrote Denner-Jacke. Dafür, dass sie tagtäglich mit der wohl heterogensten Kundschaft — von Hausfrauen mit Kinderwägen über zahnlose Junkies bis hin zu überschminkten Prostituierten — zu tun hat, ist sie ziemlich gut gelaunt.

Stark riechende Stammkunden

«Im Durchschnitt sind 1400 Leute pro Tag bei uns im Laden», erklärt sie mir, «natürlich haben wir immer wieder mit schwierigen Kunden zu tun, aber wir befinden uns ja schliesslich auch an der Langstrasse.» Das Wichtigste sei es, stets anständig und freundlich zu bleiben, sagt sie mir, während sie einen Kunden mit «Hallo Heinz» begrüsst, der aussieht und vor allem riecht, als hätte er das letzte Mal im 20. Jahrhundert geduscht. Deswegen wird er aber nicht weniger herzlich bedient.

Stammkunden also. «Irgendwann kennst du alle», sagt Frau Klincarevic, «viele kommen bis zu 20 Mal am Tag und kaufen immer die gleichen Sachen.» Im Klartext ist das bei den Pennern (ist Penner ein politisch korrektes Wort?) Bier aus der Dose. Die armen Langstrassen-Prostituierten hingegen scheinen chronisch unter Schnupfen zu leiden, verkaufe man ihnen doch meist Papiertaschentücher.

Kaum hat die Filialleiterin das gesagt, wird sie von einer betrunkenen Dame in einem extravaganten roten Kleid inbrünstig angeschrien, einfach so. Ich erschrecke, so auch jeder andere Kunde, der hier nicht täglich ein- und ausgeht. «So eine Lustige», sagt Frau Klincarevic und meint es irgendwie ernst. Man gewöhnt sich wohl daran, hier zu arbeiten.

Wenn Kunden den ganzen Laden vollscheissen

«Manchmal braucht man schon starke Nerven. Vor allem bei aufdringlichen Menschen», so die Filialleiterin. Ein Sicherheitsmann und eine Ladendetektivin sorgen für die nötige Ordnung. In seltenen Fällen, etwa bei Hausfriedensbruch oder Diebstahl, werde die Polizei hinzugezogen. Langsam werde ich ungeduldig. Das ist ja alles ganz nett, aber irgendwas Abgefahrenes muss hier doch auch schon geschehen sein? Frau Klincarevic zögert. Sie ist sich nicht sicher, ob sie mir, einem Journalisten, erzählen will, was Verrücktes hier so passiert.

Dann sagt sie: «Wir hatten mal einen, der kam kurz vor Ladenschluss an die Kasse und fragte nach einer Toilette. Bevor der Mitarbeiter antworten konnte, war die ganze Sauerei bereits auf dem Boden verteilt.» Zur überflüssigen Information: Wir reden hier von einem grossen Geschäft, und zwar in flüssiger Form. Der arme Mitarbeiter, der das Ganze mitansehen musste, habe sich nach dem Vorfall ernsthaft überlegt, zu kündigen.

Während die Filialleiterin mir das alles erzählt, fülle ich Regale ein, backe Brote und setze mich sogar kurz an die Kasse. Ganz zur Unfreude der Kunden, die kaum darauf warten können, bis ich ihr Bier in meinem Schneckentempo einscanne. Frau Klincarevic ist jedoch begeistert: «Du machst das super! Willst du nicht bei uns anfangen?» Ich lache und sage «ohja, wenn mir mal langweilig ist». Denn langweilig wird es in dieser Denner-Filiale nie.


Kommentar schreiben

172 Kommentare

WO BLIBTS S/O vor 2 Jahre
1 n1 S/o an Wiichäller hed gfält 😀 Du setisch das scho mache als euse anerkente Wichäller Guru.
0
0
Antwort
Claudio vor 2 Jahre
Fazit: Der Artikel ist überflüssig, weil es egal ist, wer in welchem Denner Kunde ist. Nein zum Voyeurismus; jeder Kunde, ob "Penner", ob Prostituierte, ob "Hipster"... jeder und jede verdient an der Kasse den gleichen Respekt. Was uns wirklich interessiert: Ob der schöne bärtige Redaktor besser küssen als schreiben kann. (Und wer bessere Chancen bei ihm hat, ob Jungs oder Mädels.)
17
7
Antwort
Monika P. vor 2 Jahre
Habe längere Zeit als Aushilfe bei Denner als Kassierin gearbeitet und viel erlebt. In dieser Zeit wurde ich, in diversen Filialen im Kanton Zürich eingesetzt. Es gab langweilige Einsätze, eklige (Filiale wurde kurz danach geschlossen) und arbeitsintensive. In der Filiale Militärstrasse wurde es nie langweilig. Zeit verging schnell und du lernst die ganze Palette der Menschheit kennen. Trotz allem blieb es meist friedlich. Erstaunlich bei der Vielfalt von Kunden.
12
2
Antwort
Fotoherzog vor 2 Jahre
ich stells mir grad so vor: "ja jetzt guck mal nachdenklich auf das Blech mit den Broten, ja so is gut" 😏,,,)
21
2
Antwort
«Ich verurteile keine Eltern, die Ohrfeigen verteilen»

«Ich verurteile keine Eltern, die Ohrfeigen verteilen»

video
Youtube muss Horrorfilm-Werbung entfernen

Youtube muss Horrorfilm-Werbung entfernen

Typ isst Kalbsherz, um Veganer zu ärgern

Typ isst Kalbsherz, um Veganer zu ärgern

video
So läuft das grosse Aufräumen ab

So läuft das grosse Aufräumen ab