«Zürich hat den teuersten Müllsack der Welt»

Als Influencerin gibt Cassandra Cash «unterprivilegierten Produkten» eine Stimme – die Wienerin macht Werbung für Urinsteinentferner und Züri-Säcke.

Sie bezeichnet sich selbst als «die am meisten unterschätzte Influencerin der Welt»: Cassandra Cash. Mit einem Augenzwinkern betreibt sie einen Instagram-Account, der so überhaupt nicht aussieht wie die Hochglanz-Channels anderer Social-Media-Stars. Statt cooler Outfits promotet sie Rasierschaum, anstelle der neuesten Apple-Produkte lieber Bildschirm-Feuchttücher – ungefragt und unbezahlt.

Wir haben Cassandra Cash in Zürich getroffen und mit ihr über «unterprivilegierte Produkte» und die Coolness von Toilettenpapier geredet. Ausserdem erklärt sie uns, warum viele ihrer Instagram-Kollegen praktisch Prostitution betreiben.

Wer bist du und was machst du hier?
Ich bin eine Influencerin, die sich der Charity verschrieben hat. Ich geniesse den Luxus, dass ich kein Geld brauche, weil ich an einer illegalen chinesischen Klickfarm beteiligt bin. Eine Troll-Farm, die Fake News verbreitet. Jetzt bin ich nach Zürich gereist, um hier Geld zu verstecken

Inwiefern soll das Charity sein?
Ich betreibe einen Instagram Channel, der unterprivilegierten Produkten eine Stimme gibt. Ich finde, es ist ein Skandal, dass Produkte wie Plastikfolie, Urinsteinentferner und Toilettenpapier als uncool gelten und deshalb kaum Präsenz auf Instagram bekommen. Dort werden nur Hochglanzprodukte gezeigt.

Ok cool.
Wir leben in einer oberflächlichen Welt, in der wahre Schönheit nicht mehr erkannt wird. Für mich ist Urinsteinentferner aber genauso schön wie ein Lifestyle-Produkt von Apple. Ich möchte auf diesen Missstand aufmerksam machen und gegen die Diskriminierung ankämpfen.

 

«Mein Müll wird ausschließlich im Züri-Sack gekleidet - dem teuersten Müllsack der Welt», Cassandra Cash legt wert auf stylischen Abfall.

Wie wählst du die Produkte denn aus?
Es muss an der Grenze zwischen Peinlichkeit und Coolness sein.

Moment. Wenn du die Produkte als peinlich bezeichnest, bist du ja Teil des Problems.
Ich übernehme gerade nur die Rhetorik der Lifestyle-Radikalen. Aber Toilettenpapier ist ein gutes Beispiel: Wir alle nutzen es – aber nur hinter verschlossenen Türen. Dabei ist es absolut existenziell und verdient viel mehr Bewunderung.

Wirst du dafür bezahlt?
Nein und das möchte ich auch nicht. Es ist schliesslich Wohltätigkeitsarbeit.

Fast schon Aktivismus.
Genau. Andere retten die Wale, ich rette den Urinsteinentferner.

Wie hoch schätzt du den Nutzen deiner Posts ein? Glaubst du die Verkäufe von Urinsteinentferner steigen deinetwegen?
Naja, Van Gogh hatte zu seinen Lebzeiten auch noch keinen Erfolg. Heutzutage ist aber klar, dass er die Kunstwelt geprägt hat. Ich bin der Van Gogh von Instagram. Meine wahre Grösse wird man erst in Jahrzehnten oder Jahrhunderten erkennen.

Was hältst du von deinen Influencer-Kollegen, die sich auf Hochglanz-Produkte beschränken?
Ich kann es finanziell verstehen. Ohne meine Klickfarm in China bräuchte ich auch Geld. Klassisches Influencing ist eine gut bezahlte Art der Prostitution.

Wenn sie Prostituierte sind, bist du quasi die Billig-Hure.
Stimmt … okay, das war ein Eigentor. Also sagen wir es so: Die klassischen Influencer wählen den einfacheren Weg. Ich hingegen gehe den steinigen Weg und setze mich für die Randprodukte dieser Welt ein. Dafür erhält man erstmal keinen großen Applaus, ergo hat weniger Follower und Favs. Aber mir geht es ja um die Sache: Um die Vision, in der auf Instagram die Daniel-Wellington-Uhr in friedlicher Koexistenz neben dem Züri-Sack lebt.


Kommentar schreiben

10 Kommentare

Neumann vor 21 Tagen
Jaja, die Züricher zeigens halt wie immer wieder mal dem Rest der Schweiz, die dann bloss staunt. Unschlagbar!
2
2
Antwort
Hin Du vor 21 Tagen
Mit 1763 Followern auf Instagram ist sie definitiv die am meisten unterschätzte Influencerin. Und auch die erfolgloseste Influencerin, was sie per se zur Nicht-Influencerin macht.
9
0
Antwort
Antwort von vor 21 Tagen
Von denen 1700 wahrscheinlich gekauft sind ...
5
0
Antwort
Antwort von Husten vor 20 Tagen
Das soll glaub ich ja der Witz sein. Schau dir mal ihre Bilder an, sie promoted Fugenkitt und Superkleber. Sie verarscht Influencer.
3
1
Antwort
Jüngste Lotto-Millionärin bezahlt 77’800 für Dates

Jüngste Lotto-Millionärin bezahlt 77’800 für Dates

Millennials ruinieren ganze Industrien

Millennials ruinieren ganze Industrien

video
Ich habe mir «Africa» von Toto tätowieren lassen

Ich habe mir «Africa» von Toto tätowieren lassen

video
Netflix schockiert mit kontroverser Teenie-Serie

Netflix schockiert mit kontroverser Teenie-Serie