«Nicht jeder kann sich Flüchtlingen widmen»

Während viele junge Schweizer die grosse Karriere verfolgen, gründete Valentino Velasquez eine Hilfsorganisation. Heute lebt er in Griechenland und bietet vor Ort seine Hilfe an. Wir trafen ihn zum Interview.

Als die Flüchtlingswelle im Mittelmeerraum 2015 ihren Höhepunkt erreicht, entscheidet der 28-jährige Valentino Velasquez etwas zu tun. Er bricht sein Geschichtsstudium ab und gründet zusammen mit ein paar Freundinnen und Freunden die Hilfsorganisation «Be a Robin». Seit knapp zwei Jahren ist der Zürcher unterwegs, um aktiv Menschen zu helfen. Zuerst in Frankreich, jetzt im griechischen Thessaloniki und hilft dort, Flüchtlingen in Europa Fuss zu fassen. Wir haben ihn in Zürich zum Interview getroffen.

Was war der Grund, dein Leben der Flüchtlingshilfe zu widmen?
Ich fühle mich verantwortlich für das, was passiert, bin Teil des Problems. Als Europäer stehe ich nicht für das, was hier im Moment passiert. Der Rechtsrutsch, die Populisten, die an Fahrt gewinnen, die Zäune. Das alles ist nicht mein Europa. Ich stehe für ein offenes und menschliches Europa.

Mit welchen Aufgaben beschäftigt sich «Be a Robin»?
Momentan konzentrieren wir uns auf die Menschen, die aus den Flüchtlingscamps herausgenommen wurden und jetzt in Wohnungen leben. Ich fungiere als eine Art Sozialarbeiter und kümmere mich derzeit persönlich um zehn Leute. Ich helfe ihnen dabei, durch den Alltag zu kommen. Im besten Fall kann ich ihnen sogar einen Job zu vermitteln. Zusätzlich koordiniere ich alle weiteren Aktivitäten in Griechenland.

Was unterscheidet euch von anderen Hilfsorganisationen?
«Be a Robin» ist keine Nothilfe. Das ist sehr wichtig. Wenn man eine Nothilfe betreibt, dann braucht man Geld. Und zwar viel davon. Man kann nicht die Leute für einen Monat ernähren und dann auf einmal sagen, hoppla, uns ist die Kohle ausgegangen. Das ist unprofessionell und verantwortungslos. «Be a Robin» soll das Herz und die Seele ansprechen, den Flüchtlingen die Freude am Leben zurückgeben. Wir verhelfen den Menschen zu ihrem Recht nach Glückseligkeit.

Wie finanziert ihr euch?
Wir arbeiten alle ehrenamtlich und sind auf Spenden angewiesen. Bei mir werden einfach die Unterhaltskosten durch den Verein übernommen. Im Moment sind wir noch so klein, da kann ich jedem gespendeten Rappen ein Gesicht zuordnen.

Was für Geschichten erleben die Menschen auf ihrer Flucht?
Das sind Leute, die dem IS gegenüberstanden. Das sind Menschen, die auf ihrer Flucht Familienangehörige verloren haben oder zurücklassen mussten. Das ist alles sehr heftig. Aber das passiert nicht erst auf der Flucht. Die traumatischen Erlebnisse passieren schon vorher. Diese veranlassen sie erst zur Flucht. Auf der Flucht selber machen dann viele nochmals traumatische Erlebnisse durch; sie werden misshandelt, versklavt, vergewaltigt – eine unbeschreibliche Tragödie!

Kannst du bei all den Schicksalen immer emotionale Distanz bewahren?
Das fällt teilweise schon schwer. Über kurz oder lang baut man eine Beziehung mit den Menschen auf, mit denen man arbeitet. Das geht schon an die Substanz.

Und wie gehst du damit um?
Es ist schwierig. Man muss eine Barriere aufbauen, um sich selber zu schützen. Man muss auch aufpassen, dass man die Traumata der Flüchtlinge nicht noch verschlimmert. Ich bin kein Psychologe. Ich kann zuhören und für die Menschen da sein, hüte mich jedoch vor aktiven eingreifenden Massnahmen – da müssen Profis ans Werk.

Wie schaltest du ab?
Wenn ich in Zürich bin, treffe ich mich mit Freunden und meiner Familie. Da können wir reden und uns austauschen. Vor Ort treibe ich so viel wie möglich Sport. Ich bin wegen meiner Arbeit nicht zu Mutter Teresa mutiert. Wenn ich in Zürich bin, gehe ich immer noch in den Ausgang und habe Spass.

Wie war die Reaktion deiner Eltern auf deinen Studienabbruch?
Die waren verständlicherweise nicht gerade begeistert und hätten sich etwas mit mehr Substanz für meine berufliche Laufbahn gewünscht. Mittlerweile haben sie mich in Griechenland besucht und sich ein Bild von der Notwendigkeit meiner Arbeit gemacht.

Leiden deine sozialen Kontakte unter deiner Lebensweise?
Manchmal ist man schon einsam aber es gibt ja genug Möglichkeiten, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ausserdem waren schon viele Freunde in Thessaloniki um mich bei meiner Arbeit zu unterstützen.

Trotzdem unterscheiden sich die Lebensweisen?
Natürlich gehen wir alle verschiedene Lebenswege. Der eine ist Schreiner, der andere arbeitet für einen Grosskonzern. Nur weil ich viel Leid gesehen habe, erwarte ich nicht, dass die Leute alles hinschmeissen und ihr Leben dem Flüchtlingsproblem widmen. Das würde keinen Sinn ergeben.

Warum nicht?
Wenn jetzt alle nach Griechenland oder Italien rennen, um Suppe zu kochen, dann ist das nur eine Symptombekämpfung. Wir brauchen Leute, die hier studieren, die sich bilden, aktiv werden und Einfluss auf die Politik nehmen. Hilfe funktioniert auf verschiedenen Ebenen, zum Beispiel auf der politischen. Je mehr Einfluss man auf die Politik nimmt, desto mehr Möglichkeiten gibt es, die Ursachen der Flüchtlingsprobleme und nicht nur deren Symptome zu bekämpfen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
«Be a Robin» ist mein Lebenswerk. In der Zukunft würde ich gerne neue Projekte in Italien realisieren. Dort beherrsche ich die Landessprache, kann also besser mit der Bevölkerung und den Behörden kommunizieren. Ich werde weiterhin daran arbeiten, dass andere Menschen die gleichen Freiheiten geniessen, wie wir sie in Europa schon längst haben.


Kommentar schreiben

102 Kommentare

Empathie vor 8 Monate
Versucht euch mal vorzustellen was wäre, wenn wir in eine solche Situation kommen würden. Wenn wir flüchten müssten und dabei traumatische Erfahrungen (Vergewaltigungen, Misshandlungen etc) machen würden. Wären wir da nicht auch überaus dankbar um solche Menschen wie Valentino?
15
16
Antwort
Antwort von Art vor 8 Monate
Um sich etwas vorstellen zu können (Nachdenken), muss man sich Zeit nehmen. Sehen Sie weiter unten, wie viele Menschen diese Zeit leider nicht haben. Wär ja zu langweilig bei all der Infoflut die täglich zu konsumieren gilt...
3
7
Antwort
Natja vor 8 Monate
Das isch mol ehn maa!!!
10
10
Antwort
Antwort von Naja vor 8 Monate
Vom Geschichtsstudenten zum Flüchtlingshelfer. Vom Regen in die Traufe.
5
3
Antwort
video
Russe kauft iPhone mit Badewanne voller Münz

Russe kauft iPhone mit Badewanne voller Münz

video
Neue Skandal-Serie duftet nach Tod und Sex

Neue Skandal-Serie duftet nach Tod und Sex

video
Keiner weiss, was hinter diesen Augen lauert

Keiner weiss, was hinter diesen Augen lauert

video
Youtube Music gibt’s ab heute auch in der Schweiz

Youtube Music gibt’s ab heute auch in der Schweiz