«Ich will nur arbeiten»

Der 26-jährige Camara verliess seine Heimat, um von der Schweiz aus für seine Familie zu sorgen. Wir sprachen mit ihm über seine Flucht und darüber, was ihm in Zürich am meisten fehlt.

Camara Bankole lernen wir an einem Flüchtlingsevent kennen. Er ist nicht dort, um sich auszustatten. Der 26-Jährige hat sich davor mit den Veranstalterinnen angefreundet und hilft mit. Als wir uns ein paar Tage später zum Gespräch in einem Café treffen, wirkt er erst schüchtern. Sobald er seine Geschichte zu erzählen beginnt, blüht er aber auf. 

14 Stunden in der Goldmine - täglich

Höflich beantwortet Camara unsere Fragen, ist präsent. Nur einmal schweift sein Blick zum Nachbartisch, den ein Mann gerade verlassen hat. Camara springt auf und dem Unbekannten nach, in seiner Hand der vergessene Schal des Mannes. Ohne grosses Aufsehen setzt Camara sich wieder hin und erzählt weiter.

Er zeigt seine vernarbten Hände. Erinnerungen an die sechs Monate, in denen er täglich 14 Stunden in einer Goldmine geschuftet hat, um Geld für seine Familie zu beschaffen. «Als ältester Bruder von insgesamt neun Geschwistern gehört das zu meiner Aufgabe», erzählt der Ivorer. Kein Vorwurf, sondern eine Selbstverständlichkeit. «Ich will arbeiten. Nichtstun entspricht mir nicht», erzählt Camara.

Die Minen oder die Flucht

Während des knapp fünfjährigen Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste wurden Camaras Vater und sein Onkel getötet. Sein Diplom als Schneider nützte ihm nichts. Nähmaschinen waren keine mehr vorhanden. Die Minen waren die einzige Möglichkeit für den 26-Jährigen, seine Drei-Generationen-Familie zu unterstützen. Doch selbst die reichte kaum.

Die Aussichten in der Elfenbeinküste waren bitter für die Familie. Jeder Tag ein Überlebenskampf. «Wir hatten nichts», erzählt Camara 20 Minuten Tilllate. Der Ivorer entschloss sich, seine Familie zu verlassen, um ihr zu helfen. Mit seinem letzten Geld bezahlte er all die verschiedenen Schlepper, die ihn in insgesamt neun Monaten in die Schweiz bringen sollten.

Camara reiste mit anderen Flüchtlingen über Burkina Faso und Niger bis nach Algerien. Dort in der Wüste gab ihr Auto den Geist auf, weshalb sie sich zu Fuss nach Libyen weiterkämpfen mussten, begleitet von der Angst, entdeckt zu werden. In Tripolis wartete Camara einen Monat auf ein Schiff, das ihn nach Sizilien bringen würde. Manchmal gab es Brot, von dem er etwas abbekam.

«Mit diesen Geschäften will ich nichts zu tun haben»

Wir besuchen Camara in seiner Flüchtlingsunterkunft im Kanton Zürich. Sein etwa 10 Quadratmeter kleines Zimmer teilt er mit zwei anderen Flüchtlingen. Das Zusammenleben fällt dem 26-Jährigen schwer. «Manche rauchen oder trinken, das mag ich nicht», erzählt er. Andere würden versuchen, ihn in Geschäfte zu verwickeln, die Camara nicht geheuer sind. Damit will er nichts zu tun haben.

Auf die Frage, was für Geschäfte das seien, will er nicht eingehen. Sie ist ihm unangenehm und er will nicht in Schwierigkeiten geraten. Camara erzählt, dass die Unterkunft meist unbetreut sei. «Jemand könnte Drogen in meiner Matratze oder meinen Sachen verstecken. Gäbe es da eine polizeiliche Kontrolle, wäre ich geliefert.»

«Du triffst auf so viele liebe Leute»

«Ich versuche, nur zum Schlafen hierherzukommen», sagt Camara. Die restliche Zeit beschäftigt er sich selbst. Am liebsten mit Sport. Jeden Morgen um 5 Uhr geht er joggen, einmal in der Woche darf er bei einem Fussballclub mittrainieren. «Wenn du offen bist, triffst du auf so viele liebe Leute», erzählt Camara strahlend.

Einmal in der Woche kann er beim Verein Social Fabric Kleider nähen. Ansonsten probt er beim Flüchtlingstheater Malaika. Mit seiner Freundlichkeit und positiven Art gewann de Ivorer schon viele Herzen. «Diese Eigenschaften habe ich von meiner Grossmutter mitbekommen», erzählt Camara stolz.

Heimweh

«Mir fehlt meine Familie sehr», erzählt Camara nachdenklich. Die Distanz zu seinen Liebsten nahm er auf sich, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig graut es ihm vor den traurigen Konsequenzen. «Sollte meiner Mutter etwas zustossen, könnte ich nicht mal an der Beerdigung Abschied nehmen.» Camara wird still.

Seit 19 Monaten lebt Camara in einer Flüchtlingsunterkunft im Kanton Zürich. Seit 19 Monaten wartet er auf den Bescheid, ob er in der Schweiz bleiben darf.

«Wenn ich nicht arbeiten kann, leidet meine Familie zuhause», so der 26-Jährige. Wieso hat er diesen beschwerlichen Weg auf sich genommen, bei seinen geringen Chancen auf Asyl? «Langfristig nützt es ihr mehr, sollte ich hier einmal arbeiten dürfen», sagt Camara mit entschlossenem Blick. «Ich muss einfach Geduld haben und mich auf meine Zukunft konzentrieren.»

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