«Manchmal wollte ich nur noch sterben»

Tom litt lange an Zwangsneurosen, die ihm das Leben zur Hölle machten. Uns erzählt der 27-jährige Basler, wie er seine psychische Störung überwunden hat.

Kleine Ticks haben wir alle. Ich kann es zum Beispiel nicht ausstehen, wenn die Lautstärke meines Fernsehers auf einer ungeraden Zahl steht. Andere hassen es, über Gullideckel zu gehen oder müssen die Gegenstände auf ihrem Tisch nach einem gewissen System ordnen. Solche kleinen Zwänge sind grundsätzlich harmlos. Nehmen die Ticks aber ein Ausmass an, das im Alltag belastend wird, spricht man von einer Zwangsneurose.

Tom* aus Basel litt über Jahre hinweg an Zwangsneurosen. Mittlerweile hat der 27-Jährige seine Störung überwunden. Uns gewährt er im Interview Einblick in die Phase, während der ihn die Krankheit täglich in den Wahnsinn trieb.

Tom, wie muss ich mir deine Zwänge vorstellen?
Als es anfing, war ich gerade im Teeniealter – so 12 bis 13. Zwangsneurosen drehen sich immer um irgendeine übertriebene Angst. Und bei mir war das – so lächerlich es klingt – die Angst, dass meine Katze stirbt. Als Betroffener muss man dann völlig irrationale Rituale durchziehen, um die Angst zu lindern. Eine Stimme im Kopf sagte mir ständig: «Wenn du das nicht machst, stirbt deine Katze.»

Was für Rituale waren das?
Anfangs waren sie klar auf meine Katze bezogen: Ich musste sie etwa auf eine bestimmte Art und Weise streicheln und ganz konkrete Dinge sagen, bevor ich aus dem Haus ging. Wenn sie noch draussen war, musste ich sie vor dem Zubettgehen mit bestimmten Worten rufen, um zu schauen, ob sie vielleicht noch ins Haus will. Die Nachbarn hielten mich wohl für völlig bescheuert.

Das klingt ja insgesamt relativ harmlos.
Klar, das Problem ist: Sobald man auch nur den kleinsten Fehler bei einem Ritual macht, muss man von vorne beginnen. In meinen schlimmsten Zeiten brauchte ich deshalb ungefähr eine halbe Stunde, um mich von ihr zu verabschieden. Und mit der Zeit kamen dann noch ganz andere Sachen hinzu, die nicht unbedingt auf meine Katze bezogen waren.

Was genau?
Ich entwickelte einen Waschzwang: Teilweise dauerte es fast eine Stunde, um mir die Zähne zu putzen, da ich immer wieder neu anfangen musste, weil ich etwas «falsch» gemacht hatte. Ich weiss noch, wie ich schreiend im Badezimmer stand, weil ich es kaum noch aushielt. In solchen Momenten wollte ich nur noch sterben.

Wie viel Zeit hast du denn insgesamt für all deine Rituale aufgewendet?
Bevor ich ins Bett gehen konnte, rechnete ich mindestens zwei Stunden für meine Zwänge ein. Um das Haus zu verlassen, brauchte ich etwa anderthalb. Rechne das mal auf ein Jahr hoch ... im Alltag kamen kleinere Dinge wie Berührzwänge hinzu. Und das Schlimmste war, dass ich keine Ahnung hatte, was falsch läuft mit mir. Ich merkte, dass ich nicht mehr normal bin, hatte aber noch nie von Zwangsneurosen gehört.

Wie hast du es denn herausgefunden?
Den Moment werde ich nie vergessen: Ich war damals zirka 18 und steckte schon richtig tief in der Krankheit. Meine Mutter schaute irgendeine Ärzte-Sendung und da war ein Patient mit Zählzwängen. Auch wenn ich diesen konkreten Zwang nicht hatte, erkannte ich mich sofort wieder. Also googlete ich Zwangsneurosen und merkte erstmals: Genau darunter leide ich. Dieser kleine Zufall hat mir das Leben gerettet.

Inwiefern?
Als mir klar wurde, dass es sich um eine anerkannte und relativ gut erforschte Krankheit handelt, kämpfte ich mit voller Kraft dagegen an. Von einem Tag auf den anderen weigerte ich mich, die Rituale durchzuführen. So lernte ich, dass deswegen nichts Schlimmes passiert und konnte mich selbst stabilisieren. Später machte ich eine Therapie, um alles aufzuarbeiten. Mein Psychiater sagte, ich hätte wahnsinniges Glück gehabt – die meisten Betroffenen leiden ihr Leben lang unter den Zwängen.

Wie geht es dir heute?
Gewisse Gedankenmuster sind immer noch da. Zum Beispiel denke ich heute noch häufig über die Chaos-Theorie und die Konsequenzen von scheinbar bedeutungslosen Zufällen nach: Wenn ich mein Haus nur eine Sekunde später verlasse, werde ich vielleicht von einem Bus überfahren. Auf solchen Überlegungen basierten meine Zwänge bereits als Teenie. Aber ich habe es grösstenteils im Griff.

«Grösstenteils»?
Vor einigen Jahren führte ich eine Beziehung, in der ich so verliebt war, dass ich wieder eine ähnliche Verlustangst wie bei meiner Katze entwickelte. Zum Beispiel musste ich meine Freundin meist mehrere Male küssen, wenn wir uns verabschiedeten. Sobald ich einen falschen Gedanken hatte, während sie mir einen Abschiedskuss gab, bekam ich Angst, dass dies der letzte sein könnte. Im Vergleich zu meinem ersten Schub war das zwar harmlos, ich glaube aber, sie hat es manchmal genervt. Eventuell war es sogar ein Faktor bei unserer Trennung.

Aber im Alltag belasten dich die Zwänge nicht mehr?
Nein, ich funktioniere völlig normal und kann problemlos arbeiten und ausgehen. Die paar Ticks, die ich noch habe – ich muss zum Beispiel immer kontrollieren, ob meine Wohnungstüre auch wirklich verschlossen ist — sind glücklicherweise relativ normal und nicht mehr wirklich krankhaft. Es gibt keinen Leidensdruck, der bei der Diagnose von psychischen Störungen elementar ist. Trotzdem ist mir bewusst, dass die Krankheit in einer labilen Phase jederzeit zurückkommen könnte. Aber damit muss ich wohl leben.

*Name geändert


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37 Kommentare

KG vor 12 Tagen
Danke für diesen wichtigen Artikel! Der Begriff Zwangsneurose ist allerdings überholt, man spricht heute von Zwangsstörung oder Zwangserkrankung.
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Antwort
Antwort von Ekeltoni vor 12 Tagen
Der begriff persönlichkeitsgestört, der des öfteren für mich verwendet wird, ist auch überholt. Man sagt heute verhaltenskreatiff😂 muaaaahahahaha.......aber mach ich deswegen einen aufschräi für sensibilisierung??!
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Ich vor 12 Tagen
Ich kenne das leider auch. Es bestimmt meinen Alltag. Putzen bis zum umfallen. Jeden einzelnen Tag. Mehrere stunden 😞 ich will nicht. Doch ich muss.
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Antwort von Frage vor 11 Tagen
Was passiert, wenn du es nicht machst?
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