«Mama, Papa – ich ziehe aus!»

Das elterliche Nest zu verlassen und das erste Mal in seine eigenen vier Wände zu ziehen, ist ein grosses Abenteuer und einer der grössten und wichtigsten Meilensteine in Richtung Erwachsenwerden.

«Es ist Mittwoch. Ich hol mir ein Eis und eine Cola und Gummibärchen und dann schau ich mir was richtig Dummes im Fernsehen an. Wer will es mir verbieten? Erwachsensein ist so geil», deklarierte letztens ein entfernter Bekannter in einem Facebookstatus.

Dominik, so heisst er, ist vor ein paar Wochen im Alter von 19 Jahren aus dem «Hotel Mama» ausgezogen und wohnt jetzt zusammen mit seinem besten Kumpel in einer kleinen Männer-WG. Als ich seinen Status lese, werde ich unweigerlich an meine erste Zeit in einer WG, ganz weit weg von zu Hause, erinnert.

Ohne Geld geht mal gar nichts

Ich verstehe seinen Enthusiasmus. Niemand fordert mit anstrengend-genervter Stimme zum «Endlich-mal-Aufräumen» oder «Lüften-weil-es-stinkt» auf. Man kann bis spät nachts laut Musik hören, Filme aller Art auf Zimmerlautstärke (oder lauter) sehen und man fühlt sich wirklich irgendwie das erste Mal so richtig erwachsen. Und, Dominik hat recht, es ist echt ziemlich geil. Zumindest anfangs.

Vorausgesetzt man hat genug Geld. Was normalerweise in dem Alter – als Student oder Lehrling – wohl eher selten der Fall ist. Mietkaution, eventuell Maklerprovision, Möbel und/oder Umzugswagen und Konsorten sind nicht billig. Im Übrigen sollte man auch einen hübschen, möglichst leeren Betreibungsauszug vorzuweisen haben. Pro-Tipp: Auch bei abbezahlten Schulden kann es ganz schön umständlich sein, diesen zu bereinigen. Trotzdem beim Gläubiger anrufen; ist dieser nett und gut gelaunt, kümmert er sich vielleicht um die Löschung.

Auf jeden Fall muss man gleich zu Beginn einen ganzen Batzen Kohle rausrücken, noch bevor man überhaupt sein neues Heim beziehen kann. Also müssen oft Mama und Papa finanziell bluten. An dieser Stelle: Dankeschön! Aber nur, weil der Umzug jetzt geschafft ist, heisst es noch lange nicht, dass man sich jetzt zurücklehnen und entspannt seine Freiheit geniessen kann.

Erwachsene kaufen sich ihr eigenes Klopapier

Jetzt kommt zuerst noch die Bürokratie. Hausratsversicherung, Haftpflichtversicherung, Internet und TV anmelden, Adresse ummelden, Post umleiten lassen. Langweilig, umständlich, leider notwendig. Wenn dann die ersten Hürden überwunden sind, bedeutet das trotzdem noch nicht den Beginn einer sorgenfreien Zeit.

Was nämlich oft nicht bedacht wird: Miete und Nebenkosten alleine decken noch längst nicht alles. Klopapier, Putzmittel, Küchen- und Badezimmerbasics und der ganze Kram muss selbst gekauft werden. Auch der Kühlschrank füllt sich nicht von selbst. Und der Spass kostet ganz schön! Da bleibt bei geringem Einkommen nicht mehr viel für Party und Shopping.

Zwischenmenschliche Reibungspunkte

Der andere grosse und wichtige Faktor ist die Wohnsituation an sich. Für den Anfang empfiehlt es sich – schon alleine aus Kostengründen – sich einen oder mehrere Mitbewohner zu suchen. Das finanzielle Risiko wird um einiges geringer, wenn man sich die anfallenden Kosten teilt.

Was jedoch nicht geringer wird, sind eventuelle Reibungspunkte. Wer putzt was, wann und wie oft? Gibt es Ruhezeiten? Wie siehts aus mit Gästen und Homepartys? Selbst wenn man vorhat mit seinem allerbesten Freund oder gar der grossen Liebe zusammenzuziehen, muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Person, mit der man Hof und Leben zu teilen gedenkt, aller Wahrscheinlichkeit nach kein steriles und gefühlsneutrales Wesen aus Plastik ist.

Gerüche, Geräusche, Flüssigkeiten

Zusammen mit tollem Gemeinschaftsgefühl und jeder Menge Spass bekommt man Körpergerüche, -geräusche, vielleicht auch –flüssigkeiten sowie das obligatorische Schamhaar auf der Klobrille gleich gratis mitgeliefert. Als Bonus erlebt man die werten Mitbewohner zwangsweise nicht nur von ihren Schokoladenseiten. Todeslaune am Morgen, Sex- oder Masturbationsgeräusche am Abend und das eine oder andere lautstarke Streitgespräch sind vorprogrammiert.

Erwachsensein ist geil, ja. Aber auch ziemlich anstrengend. Und im sorgenfreien «Hotel Mama» ist es – mit etwas Abstand betrachtet – doch am schönsten.


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36 Kommentare

AntiFB vor 2 Jahre
Das Bild finde ich falsch. Denn wenn unser Junios auszieht, werden nur Smilies und Partygesichter auftauchen. Schliesslich soll der endlich erwachsen werden und verschwinden. Weil wir ihn lieben wollen wir das so schnell wie möglich selbständig sein kann. Die Weicheier im Hause Mama sind sowas von nobodys!
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Antwort von Ana vor 2 Jahre
genau!
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Ted vor 2 Jahre
Wer hat mit 19 schulden? Wer das geschafft hat muss zuerst andere orobleme lösen als auszuziehen
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Antwort von r.g. vor 2 Jahre
@Ted, leider haben mit 19 schon diverse sehr hohe Schulden. Selbst gekaufte Geräte, die HotelMama nicht erlaubt hat, Handyrechnungen, die mit dem Lehrlingslohn hätten bezahlt werden müssen usw....
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