Ist ein altes Kondom ein teures Kunstwerk?

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Kunst, Ramsch und Scheisse? Unser Autor versuchte dieser Frage auf den Grund zu gehen und sich von einer Expertin erleuchten zu lassen.

Wir bei Tilllate sind ja grosse Fans von Kunst. Wir mögen Portraits von Justin Bieber beim Oralverkehr, superkitschige Samtbilder von Heino und extravagante Joints. Auch Rembrandt war – so im Nachhinein betrachtet – wohl ganz okay.

Viele von euch haben offensichtlich ein anderes Kunstverständnis. Zumindest schreibt ihr unter diese Texte gerne Kommentare wie «Klar, heute ist ja alles Kunst. Scheiss auf ein Blatt Papier und irgendein Depp kauft es dir für tausend Franken ab!» – Haha. Der Witz ist so ausgelutscht wie Warhols Tomatensuppe. Und die Tradition, Fäkalien in der Kunst zu verwenden, ist noch viel älter. Fun Fact: Picassos Stillleben wurden teilweise mit Kinderkacke gemalt. Soviel dazu.

Was aber bedeutet dieser Begriff denn nun wirklich? Ab wann wird aus Kacke richtige Kunst? Um das herauszufinden, besuche ich eine international angesehene Institution für zeitgenössische Kunst: Die Kunsthalle Zürich. Wer es mit seinen Arbeiten hier reinschafft, der muss sich um seinen Namen in der Szene wohl keine Sorgen mehr machen. Der perfekte Ort also, um einer Antwort auf die Frage aller Fragen ein kleines Stückchen näherzukommen.

Kein Bier mehr, stattdessen gibt es...

Die Kunsthalle befindet sich auf dem umgenutzten Löwenbräu-Areal. Die ehemalige Bierabfüllanlage ist heute einer dieser Gebäudekomplexe, die mit fünf Meter hohen weissen Wänden und einem gewaltigen Echo dazu verlocken, laut und amateurhaft Opernarien zu schmettern. Macht man aber nicht. Wenn man das Gelände betritt, merkt man nämlich selbst als Laie: Hier hält sich die seriöse, echte Kunst versteckt.

Michelle Akanji, die im kleinen Team der Kunsthalle vor allem für Kommunikation zuständig ist, drückt mir den aktuellen Ausstellungstext in die Hand. Momentan kann hier die Ausstellung «Speak, Lokal» betrachtet werden. Der Flyer klärt auf: «Das begrenzte Lokale wird – scheinbar paradoxerweise – als Ort der Autonomie und der Befreiung wahrgenommen. Es dient als Raum für Aktivismus und ‹Archivismus› und als Ort, wo Skulptur, Fotografie, Film, Architektur und Zeichnung eine messbare Relevanz entwickeln.» Ich bin jetzt zwar nicht wirklich schlauer, habe aber das beruhigende Gefühl in mir, dass es eine gute Idee war, mein Philosophiestudium abzubrechen.

Erstens: Kunst bedarf einer Erklärung

«Wir wollen die Grenzen von Ausstellungen und die Grenzen der Kunst ausloten», erklärt mir Frau Akanji. Vor eineinhalb Jahren zeigte man deshalb Bodybuilding als Kunstform, heute sind Duftverteiler, Strassenabfälle, unkompliziert gezimmerte Mini-Häuschen und historische Texte zu sehen. Die Zeiten, in denen man klassische Skills wie Malerei oder filigrane Bildhauerei benötigte, um sich Künstler schimpfen zu können, sind definitiv vorbei. «Zeitgenössische Kunst kann Malerei sein, aber auch neue Formen wie Videokunst oder Performance», weiss die Expertin. «Sie ist auch das Resultat einer Reflexion und der Auseinandersetzung mit einer bestimmten Frage.»

Duftverteiler streuen Gerüche aus Kurdistan. Ein in Cellophan eingepacktes, benutztes Kondom ist Teil einer Werkserie, für die der Künstler Yuji Agematsu Tag für Tag die Strassen Berlins nach Abfall durchsucht. Und die selbstgezimmerten Häuschen sollen der Emanzipation von Räumen dienen – in Anspielung auf die Hänger-Rüümli, in denen viele von uns ihren ersten Joint rauchten und fernab von den Eltern laut unanständige Musik hörten. Mir wird langsam der Sinn der Arbeiten bewusst und ich merke: Zeitgenössische Kunst ist nicht selbsterklärend. Die Story dahinter ist der Schlüssel.

Zweitens: Kunst ist Kunst, weil sie ein Künstler macht

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Was ist denn nun Kunst? «Ein Ansatz ist, dass Dinge, die eine Künstlerin oder ein Künstler in einem kreativen Prozess produzieren, Kunst sein müssen», erfahre ich. Das passt natürlich zur Vorgehensweise von diversen Kulturförderungsinstitutionen, die nur hauptberufliche Kulturschaffende finanziell unterstützen. Die Argumentation «Künstler sind Menschen, die Kunst machen» und «Kunst ist, was von Künstlern gemacht wird» führt zu aber nur mentalem Kreiswichsen und das bringt mich hier nicht viel weiter. Hilft wohl nur den Herstellern von Kopfschmerzmitteln.

Drittens: Kunst ist Kunst, weil Menschen sie kaufen

Eine andere, etwas logischere Annäherung an meine Frage, beruft sich auf die Anerkennung durch andere. «Nehmen wir als Beispiel einen ZHdK-Absolventen, der gerade seine erste Ausstellung präsentiert», schlägt Michelle Akanji vor. «Wenn seine Werke in einer Öffentlichkeit besprochen oder von einem Sammler gekauft werden, handelt es sich sicher um Kunst.» Zugegeben: Für eine Generation, deren harte Währung aus Instagram-Herzchen besteht, ist das gut nachvollziehbar.

Obwohl – oder wahrscheinlich gerade weil – die Ausstellung in der Kunsthalle durch sehenswerte und starke Vielfalt glänzt und meine Begleiterin ganz bestimmt genau weiss, was sie tut, fühle ich mich ein bisschen unbefriedigt. Aber immerhin lerne ich schon Mal ein paar Ansätze: Wenn du seriös Kunst machen willst, dann musst du nicht unbedingt die klassischen Künstler-Skills beherrschen, sondern dich einfach selbst als Künstlerin oder Künstler bezeichnen und deine Werke jemandem andrehen können. Und – wahrscheinlich fast am wichtigsten: Du musst einen dreiseitigen Aufsatz darüber schreiben können, weshalb die alte Zahnspange deiner kleinen Schwester die Machtergreifung der NSDAP und deren Auswirkungen auf die Zahnseideindustrie symbolisiert. Also, zukünftiger Picasso – mach dich lieber schon mal ans Tippen.


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22 Kommentare

Marcel vor 5 Monate
Kann teuer werden.Alte Kondome(gebraucht) enthalten meistens noch Sperma,auser der kluge Mann ist unterbunden.
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Antwort von Dr. Vom Zahnd vor 5 Monate
Die überleben an der luft eben nicht so lange. Und welche frau lässt sich einfach durch irgend ein gefundenes sperma befruchten? Überleg mal etwas rationeller, bevor du solche scheisse verbreitest.
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Dingdong vor 5 Monate
Kunst liegt im Auge des Betrachters. Handwerk ist was völlig anderes. Kunst allein über den Marktwert zu definieren ist dumm (demnach wären faule Kredite auch Kunst - bei näherer Betrachtung ist da sogar vielleicht was dran - oder Justin Bieber ein talentierter Sänger...). Wenn auch nur einer vor einer Sache steht und sie gibt ihm etwas: Kunst. Und wenn alle anderen anderer Meinung sind, kann man wenigstens darüber nachdenken, warum es diesem einen soviel bedeutet. Das heißt aber nicht, dass es keine schlechte Kunst gibt...
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Künstler vor 6 Monate
Die Kunst ist das als Kunst zu verkaufen
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