Wanda: Warum ich meine Lieblingsband heute hasse

Die österreichische Band Wanda war für unseren Redaktor der Soundtrack für einen seiner schönsten Lebensabschnitte. Mittlerweile verachtet er seine früheren Helden – aus Gründen.

Kennst du das? Du triffst einen alten Freund, der dir einmal viel bedeutet hat und stellst fest, dass du den Typen eigentlich nicht mehr ausstehen kannst. Oder dir begegnet ein früheres Gspusi und du fragst dich, wie du diesen Menschen nur jemals dermassen verehren konntest. Dasselbe ist wohl den meisten von uns auch schon mit Bands passiert – zu Beginn der Karriere glaubt man noch, hier einen Höhepunkt der Musikgeschichte zu hören und mit jedem weiteren Album wird man skeptischer, bis man sie irgendwann nicht mehr ausstehen kann.

Wanda. Die Rüpel-Truppe, die gemeinsam mit Bilderbuch dafür sorgte, dass wir Österreich als Musiknation erstmals seit Falco wieder ernst nahmen. Vergangenen Freitag ist ihr drittes Werk «Niente» erschienen und ich kann mit meinen einstigen Helden schlichtweg nichts mehr anfangen.

Durch die rosarote Brille

Lass mich zuerst kurz erklären, was mir Wanda früher bedeuteten. Es war 2014 und alle gröhlten im Chor «Amore!». Mit Lederjacke, versoffenem Gesang und simplen aber trotzdem irgendwie poetischen Lyrics verdrehten die fünf Wiener auch mir den Kopf. In der Zeit sah ich etwa fünf Wanda-Shows und jede einzelne war sensationell. Besonders geblieben ist mir ein Auftritt am Openair St. Gallen: Sonntagmorgen, ich sturzbetrunken und spontan so richtig bescheuert verknallt – in eine Frau, die zwar nicht meine daheimgebliebene Freundin war, aber das ist eine andere Geschichte – und hatte den Spass meines Lebens.

Dann kam der Zweitling «Bussi», der sich bereits ein bisschen wie der berüchtigte Morgen danach anfühlte: Zwar gab es auch da zwei, drei Nummern, die mich richtig flashten, die Magie verblasste allerdings bereits. Zu dieser Zeit wurden auch die ersten Negativstimmen laut und Wanda-Bashing unter Musikinteressierten plötzlich zur Mode. Ich sperrte mich dagegen, fast wie jemand, der an einer gescheiterten Beziehung festhält, obwohl alle merken, dass die Luft raus ist.

Der Melancholiker im Bierzelt

Und jetzt also «Niente». Ich hab mir alle Mühe gegeben, dem dritten Wanda-Album etwas abzugewinnen, hörte es mehrfach kopfschüttelnd durch und stellte letzten Endes schweren Herzens fest: Das hier ist einfach nur noch Müll. Alle Ecken und Kanten, die Wanda einst ausmachten, sind nun komplett verloren gegangen. Mit stumpfsinnigen Nummern wie «Weiter, Weiter» und «Lieb Sein» werden sie endgültig zur Bierzelt-Truppe. Ein Verdacht, den ich bereits hegte, als ich bei meinem bisher letzten Wanda-Konzert plötzlich zwischen Hausfrauen und ranzigen Provinz-Proleten tanzte.

Abgesehen davon, dass sich ihre Zielgruppe veränderte, sind Wanda mittlerweile nur noch die Kopie einer Kopie einer Kopie. Und zwar im wörtlichen Sinne: Die Wiener zitieren sich auf «Niente» permanent selbst. Überall verstecken sich Refrenzen auf ihre früheren Alben. Grundsätzlich ist es in Ordnung, wenn Künstler gewisse Schlüsselmotive haben, die sie immer mal wieder verwenden – Wanda schiessen aber klar über das Ziel hinaus.

Allgemein sind die Lyrics auf «Niente» so richtig dümmlich, was mich vor allem enttäuscht, weil ich Frontmann Marco Wanda in mehreren Interviews als scharfsinnigen und gebildeten Melancholiker kennenlernte. Der Typ hätte doch eigentlich mehr zu erzählen, denke ich ständig.

«Auseinandergehen ist schwer»

Wanda sind also nicht nur unnötig (noch) massentauglich(-er) sondern auch einfältig geworden. Das schlimmste daran: Die Band ist sich dessen vollkommen bewusst. Als ich sie zum allerersten Mal live sah, kurz bevor sie durch die Decke gingen, sagte Marco Wanda zum Abschluss der Show: «Wir arbeiten bereits an unserem zweiten Album. Es wird zwar nicht mehr so brillant, dafür wird es sich gut verkaufen.» Dreieinhalb Jahre später sitze ich also hier und fühle mich leicht verarscht. Ich hätte es wissen müssen.

Es gibt zwei Momente auf «Niente», die mich aufrichtig berühren: Zum einen die traurig schöne Single «0043», die mit sanften Streichern und unschuldig hohem Gesang tatsächlich eine neue Richtung einschlägt. Ausserdem wäre da noch das grosse Finale «Ich Sterbe», in welchem es Marco Wanda doch noch einmal gelingt, dass die eigentlich banale Hookline dank seiner verzweifelten Performance durch Mark und Bein geht. Ganz zum Schluss wird sein Gesang zu einer lärmig verzerrten Delay-Schlaufe und ich will gegen eine Wand hauen, weil die Band offensichtlich zu solchen Eskapaden fähig wäre, aber bewusst darauf verzichtet.

«Auseinandergehen ist schwer», heulte Marco Wanda auf dem Debüt. Es fällt mir nicht leicht aber es ist wohl wirklich an der Zeit, meine frühere Lieblingsband aufzugeben. Und wer weiss – eines Tages sehen wir uns vielleicht wieder und das Feuer entfacht erneut. Bis dahin erinnere ich mich halt an die gute alte Zeit. Amore!


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13 Kommentare

marie curie vor 4 Tagen
Ich sehe es ganz anders: alle drei Alben sind auf ihre Art und Weise super und Niente ist ganz in Gegenteil nicht lieblos, sondern nur viel Köpfchen geschrieben und komponiert. sich abzuwenden, nur weil einem ein Album nicht passt und einem die Fans nicht mehr passen, ist ziemlich intolerant.
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Matthias vor 5 Tagen
Versuchs mal mit VOODOO JÜRGENS Titel: Heite grob ma tote aus ... und du liebst sie noch mehr, die östnachbarn 😃
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vor 5 Tagen
Mag das neue Album auch nicht vom ersten bis zum letzten Ton, aber ich bin halt ein Fan - der Kopf sagt: 'Niente' - das Herz sagt immer noch: 'Amore'.
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Advocatus Diaboli vor 5 Tagen
Das ist mir persönlich nur bei einer Band bisher passiert, und zwar Opeth. Die ersten 8 Alben sind super, dann kam mit "Watershed" das erste ziemlich unspektakuläre Album und ab dem Stilwechsel von Death Metal zu 70er-Jahre Prog. Rock ging das ganze den Bach herunter. Das Lustige daran ist ja, dass ich auch grundsätzlich Fan von 70er Prog. bin, aber was Opeth da abliefern ist Valium in Reinkultur und verglichen mit Grössen wie ELP, Yes oder King Crimson ist das Zeug nicht zu gebrauchen. Schade. Allerdings bleiben die früheren Alben, speziell "Ghost Reveries" und "Damnation", nach wie vor in Dauerrotation.
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