«Schweigend drang mein Vergewaltiger in mich ein»

Mit 15 Jahren wurde Gina T. von einem väterlichen Freund, der mehr als doppelt so alt war wie sie, gegen ihren Willen entjungfert. Lange gab sie sich selbst die Schuld dafür.

Ich komme gleich zur Sache. Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag wurde ich vergewaltigt. Damals waren meine Eltern getrennt, mein Vater war nicht mehr bei uns und mein Stiefvater brannte durch und war von einem Tag auf den anderen weg. Unterbewusst habe ich wohl nach einer Vaterfigur gesucht und bin auf die Masche von dem Mann, der mir meine Würde genommen hat, reingefallen.

Er war mir vollkommen fremd, sprach mir eines Tages einfach auf der Strasse an und sagte genau die richtigen Dinge. Er verstand meine Situation schnell und schaffte es, mich zu fesseln, mich durch meine Unzulänglichkeiten und Verlustängste an sich zu binden.

Er machte sich in meinem Leben breit und spielte sich als guter Freund auf, als «grosser Bruder». Ich war wie abhängig von ihm, seiner Meinung, seiner Anwesenheit. Aber er zwang mich, unsere Freundschaft geheim zu halten, er sagte immer, meine Mutter würde es nicht verstehen. Man würde versuchen, uns auseinander zu bringen. Er war immerhin alt genug, um mein Vater zu sein.

Körperliche Gewalt war nicht nötig

Es dauerte nicht lange, ein paar Treffen an neutralen Orten nur, bis ich bald alleine mit ihm in seiner Wohnung sass. Ich hatte es geahnt, wollte es aber nicht wahrhaben, dass er mehr für mich sein wollte, als nur ein väterlicher Freund und Vertrauter. Er küsste mich, ganz plötzlich. Völlig angewidert schreckte ich zurück und wischte mir den Mund mit dem Handrücken ab. Anstatt beschämt zu sein, wurde er aggressiv. Er liess mich wissen, dass ich doch diejenige gewesen sei, die Andeutungen und Annäherungsversuche gemacht hätte.

Dann drückte er mich zu Boden, legte sich auf mich. Ich versuchte ihn wegzuschieben, ohne Erfolg. Ich konnte mich nicht wehren, zu tief war der Schock, der Ekel vor diesem Mann und vor mir selbst. Sein ganzes Gewicht ruhte auf mir und ich konnte mich nicht bewegen. Schweigend drang er in mich ein. Körperliche Gewalt musste er nicht anwenden. Ich war gelähmt. Es war mein erstes Mal.

Falsche liebe für den falschen Freund

Er wusste genau, was er tat und noch besser wusste er, wie er mich dazu bringen konnte, an mir selbst zu zweifeln. Er konnte mich davon überzeugen, dass ich in ihn verliebt war und dass ich alles provoziert und genau so gewollt hatte. Ich glaubte ihm, denn ich wusste es nicht besser.

Um die schreckliche Wahrheit nicht zu sehen, habe ich die Szene idealisiert, genau wie ich ihn idealisiert hatte. Ich fing an, Wohlwollen und irgendwie sogar so etwas wie falsche Liebe für meinen Vergewaltiger zu spüren. Vielleicht als Schutzmechanismus, der mich vor der Realität bewahren sollte.

Wie ein eitriger Abszess

Ein Gespräch mit Lydiane Bouchet, Psychologin und Koordinatorin bei CTAS (Genfer Verein für Opferhilfe), hilft mir, diese Reaktion zu verstehen: «Der Angreifer schafft eine Atmosphäre des Vertrauens, um dem Opfer seelisch so nah wie möglich zu kommen. Er schafft eine Art Leinwand um dich herum, die dir Sicherheit vorspiegelt und einem aktuellen Bedürfnis entspricht.»

Auf der Opfer-Seite, würden die Betroffenen versuchen, einen gefühlten Kontrollverlust durch falsche Realitätswahrnehmung auszuloten. Das geschehe häufig, indem die Verantwortung für etwas übernommen wird, das nicht in der eigenen Hand liegt. So war das auch bei mir. Erst Wochen nachdem er mich missbraucht und anschliessend gestalkt und belästigt hatte, konnte ich endgültig mit ihm brechen. Dafür musste ich sogar meine Telefonnummer wechseln, so hartnäckig war er.

Es hat allerdings auch danach noch sehr lange gedauert, bis ich vollständig erkannt habe, dass ich missbraucht wurde. Ein paar Jahre tatsächlich. Erst, nachdem ich die Kraft gefunden hatte, die Wahrheit zu akzeptieren, konnte ich abschliessen. Laut Frau Bouchet haben wir es in meinem Fall mit einer Art Dissoziation zu tun. «Das Ereignis ist wie eine Infektion im Körper. Du wolltest es isolieren, um den Rest des Körpers zu schützen. Ein Teil bleibt isoliert wie ein Abszess bis zu dem Tag, an dem man ihn behandelt und den infizierten Eiter ablässt.»

Misstrauen, Ängste, Selbstmordgedanken

Die Psychologin erklärt, dass die Nachwirkungen eines solchen Traumas von Faktoren wie der Persönlichkeit und dem Alter des Opfers, der Häufigkeit und Art des Missbrauchs und dem Grad der Perversität des Täters abhängt. Opfer leiden oft unter akutem Stress und später posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Dies kann zu Schlaf- und Essstörungen, Depressionen, selbstverletzendem Verhalten und sogar suizidalen Tendenzen führen.

Ich für meinen Teil erkenne heute, dass dieser Mensch tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen hat. Albträume, vorübergehende Ängste, gestörte Selbstwahrnehmung und Misstrauen gegenüber Männern im Allgemeinen. Ich weiss heute, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen, was passiert ist. Nicht nur, um selbst zu heilen, sondern auch um anderen Opfern zu helfen und ihnen den Mut zu geben, sich Hilfe zu suchen und den giftigen Abszess in ihren Seelen endlich loszuwerden.


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86 Kommentare

Tsss vor 29 Tagen
Leider werden immer noch die Töchter gelehrt keine Opfer zu werden anstatt dass den Söhnen beigebracht wird keine Täter zu sein.
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Antwort von DaDave79 vor 28 Tagen
Eine Lehrerin meines alten Schulhauses hat 20 Jahre lang 14 bis 16 jährige Schüler verführt....soviel dazu.
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Jana vor 30 Tagen
So traumatisch und belastend das Erlebnis für die Frau bestimmt war: Ich habe in der momentanen Diskussion etwas Mühe damit, dass der Begriff "Vergewaltigung" schon fast inflationär benutzt wird. Soweit ich das beurteilen kann, liegt im beschriebenen Fall ein Fall von Ausbeutung bzw. evtl sexueller Nötigung vor (wobei sich zweiterer Eindruck auch erst mit der Aufarbeitung der Geschehnisse vom Opfer entwickelt haben kann - was eine Beurteilung dann tatsächlich schwierig macht). Und ja, hier betreibe ich tatsächlich Täterschutz: Ein Täter soll für das hart bestraft werden, was er wirklich begannen hat und nicht pauschal als Vergewaltiger abgestempelt werden. Ich empfinde einen solchen Gebrauch des Begriffes Vergewaltigung als Affront gegen alle, welche tatsächlich eine gewalttätige Vergewaltigung erlebt haben. Denn so eine körperliche und seelische Grausamkeit ist tatsächlich noch was ganz anderes, als was wir in der momentanen Diskussion als "Vergewaltigung" vorgesetzt bekommen.
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Survivor-Man vor 1 Monat
Ich habe im Alter von sechs Jahren einen sexuellen Uebergriff meines Vaters erlebt, den ich bis im 2. Quartal dieses Jahres verdrängt habe. Zudem habe ich, wie meine Geschwister, später seelische Uebergriffe meiner dominanten Mutter erlebt, wurde also von beiden Elternteilen entmannt. Ich habe jahrzehntelang schwer darunter gelitten. Ich bin froh, dass dieses Erlebnis mit meinem Vater endlich aufgetaucht ist - es ist eine Befreiung und eine Erklärung für soviel Leid, das ich erlebt habe. Ich bin endlich frei und daran, in der Mitte des Lebens endlich frei leben zu können. Ich habe beide Elternteile mit den Geschehnissen konfrontiert - beide können bisher nicht dazustehen. Aber ich bin wenigstens endlich frei und ich habe MItgefühl mit all den Menschen, egal ob Mann oder Frau, welche Aehnliches erlebt haben. Ja, es ist für mich ein Wunder, dass ich so gut durchgehalten habe und dass es mir so gut geht, denke aber auch all dienjenigen, welche solche Erlebnisse nicht überlebt, bzw. teilweise bis ans Lebensende darunter leiden. Ich wünsche allen viel Kraft
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