Dürfen Behinderte ans Kreuz genagelt werden?

Das Ensemble des «Theater Hora» besteht aus IV-zertifizierten geistig behinderten Menschen. Wir sprechen mit einer der Schauspielerinnen über skandalöse Auftritte, Träume und Trisomie 21.

Das erste Mal sehe ich Julia Häusermann bei einer Premiere im Zürcher Schauspielhaus. Und zwar auf der Bühne. Als Jesus inmitten der Jünger beim letzten Abendmahl. Twerkend mit nacktem Arsch zu einem Michael-Jackson-Song. Und im grossen Finale ans Kreuz genagelt, langsam und grausam totgefoltert.

Die 24-Jährige steht derzeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen des «Theater Hora» für das Skandalstück «Die 120 Tage von Sodom», umgesetzt von Kultregisseur Milo Rau, auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler von «Hora» haben viel gemeinsam. Sie lieben und atmen das Theater, gehen voll in ihren Rollen auf und sind allesamt echte Rampensäue.

Ein bunter Haufen voller Profis

Dass sie unter einer IV-zertifizierten «geistigen Behinderung» leiden, scheint nebensächlich. Ist es auch. Man merkt: Auf der Bühne sind sie Profis. Herrn Raus Inszenierung, die im Vorfeld international kontrovers diskutiert wurde und nach der Premiere ein eher verhaltenes Echo hallen liess, lebt alleine durch den Enthusiasmus des Hora-Ensembles. Ich will ehrlich sein: Wären da nicht Julia und der Rest ihrer Truppe gewesen, hätte ich die zwei Stunden, die das Stück dauert, lieber zum Schlafen verwendet.

Heute, gut zwei Wochen nach der Premiere, darf ich die Horas wiedersehen und auch persönlich kennenlernen. Ich bin ein bisschen aufgeregt, als ich in ihrem Probesaal in der Roten Fabrik in Zürich ankomme. Obwohl die Vorstellungen der «120 Tage» noch bis 12. März auf dem Programm stehen, laufen hier die Proben für «Gott» – das neue Kapitel des Langzeitprojektes «Freie Republik Hora» – auf Hochtouren. Im Mittelpunkt stehen hier eigenständige Regiearbeiten der geistig behinderten Ensemblemitglieder, die sich mit dem Thema eines höheren, allmächtigen Wesens auseinandersetzen.

Während sich der Rest des bunten Haufens zu einer witzigen (aber mitreissenden) Playlist aus Timbaland- und Beatrice-Egli-Songs tanzend aufwärmt, setzt sich Julia zu mir. Sie sei jetzt bereit für das Interview.

Hallo Julia. Danke, dass du dir Zeit nimmst für mich.
Bitte.

Fangen wir ganz vorne an, oder? Wie bist du zum Theater gekommen?
Ich habe schon in der Schule angefangen, Theater zu spielen und dann 2010 die Ausbildung bei Hora gemacht. Die Schauspielausbildung. Seitdem bin ich hier dabei.

Also ist die Schauspielerei dein Hauptberuf?
Ja, ich bin Schauspielerin. Und das wird immer so bleiben. Ich bin schon ein Star aber ich will auf der ganzen Welt bekannt sein. Viel reisen und Leute kennenlernen. Ich liebe es, Risiko einzugehen. Wäre auch gern Polizistin, aber das das geht leider nicht.

Du könntest ja mal eine Polizistin spielen? Oder hast du eine andere Traumrolle?
Ich möchte auch fiese Rollen spielen, Bösewichte. Oder eine reiche Tussi und mit Männern flirten, wie in «Verbotene Liebe».

Zurzeit hast du einen wichtigen Part im Schauspielhaus. Dein Charakter wird sogar ans Kreuz genagelt und gefoltert. Das ist schon ziemlich hart. Wie viel Überwindung kostet dich das?
Das ist cool! Ich bin Profi, muss mich nicht überwinden. Ich habe auch nie Lampenfieber!

Ich merke schon, du geht total auf in deinem Job. Hast du nicht sogar einen Preis gewonnen?
Ja. In Berlin, den Alfred-Kerr-Darstellerpreis. Weil ich so gut schauspielern kann. Da war auch Geld drin. Ich spare viel, aber ich sage dir nicht warum. Ich heirate bald. (Julia zeigt stolz ihren Verlobungsring)

Oh, gratuliere! Wer ist denn der Glückliche? Hast du ihn auch hier kennengelernt?
Ja, in der Schule – es hat sofort gefunkt. Er ist sehr hübsch und sexy und er kann sehr gut mit dem ÖV fahren.

Das ist schon mehr, als ich mir oft zu wünschen wage. Du hast in einer Aufführung von Goethes «Faust» schon Gott gespielt. Das Stück, das ihr jetzt probt, heisst auch «Gott». Kannst du mir verraten, worum es geht?
Gott ist immer da, ich sehe ihn nicht, aber ich fühle ihn. Ich möchte «Jurassic World» machen, das ist sehr emotional und hat viel Action.

Stimmt eigentlich. Können wir über Trisomie 21 reden?
Down-Syndrom.

Down-Syndrom. Ist es dir lieber, wenn man es so nennt?
Ich will als Mensch gesehen und angesprochen werden, nicht als Behinderte. Ich fühle mich wohl wie ich bin, ich arbeite hart und lebe wie jeder andere Mensch.

Also beeinflusst oder beeinträchtigt dich bei deiner Arbeit oder in deinem Alltag nichts?
Nein, gar nicht.

(«Circle of Life» von Elton John setzt ein, Julia beginnt im Sitzen mitzutanzen und wird sichtlich unruhig, blickt sehnsüchtig zu ihren Kollegen, die immer noch konzentriert beim Aufwärmtraining sind.)

Du musst jetzt langsam zur Probe, oder? Wollen wir uns verabschieden?
Ja gut.

Ein Weilchen bleibe ich noch, schaue bei den Proben zu. Die Horas sind Feuer und Flamme und übertrumpfen sich gegenseitig mit Ideen für ihr neues Stück. Julia möchte heute 16 Minuten lang die Bühne haben, um zu üben. Das seien ungefähr 4 Justin-Bieber-Songs, erfahre ich.

Zwischen 25. und 30. April finden die Aufführungen von «Gott» im Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich statt.

(Titelbild: Bei einer Probe im Schauspielhaus Zürich. Am Kreuz: Julia Häusermann © Stefan Bläske)


Kommentar schreiben

51 Kommentare

Nuts vor 5 Monate
Der behinderten hype der letzten jahrzehnte ist blöd.
6
3
Antwort
zeta vor 5 Monate
Klar gleiches Recht für alle!
5
0
Antwort
Ja logisch vor 5 Monate
Auch Behinderte wollen genagelt werden.
5
3
Antwort
martin sörensen vor 5 Monate
Habe eine Behinderung und bin ganz klar dafür dass man nicht immer diese Unterschiede macht. Schon nur die Frage ob das korrekt ist, zeigt mir wiedermal dass ich mich nicht behindert fühle muss, weil viele Menschen, welche als gesund gelten, eine gröbere Störung als ich haben. Aber zum Glück nehm ich sowas nicht alzu persönlich und kann mit Humor und Sarkasmus darüber schmunzeln (-:
17
0
Antwort
Eure Trauer-Posts sind pure Heuchelei

Eure Trauer-Posts sind pure Heuchelei

«Adios, Tiermörderin! Jetzt kannst du in der Hölle jagen!»

«Adios, Tiermörderin! Jetzt kannst du in der Hölle jagen!»

Ein Stadtgirl versucht sich am Wandern

Ein Stadtgirl versucht sich am Wandern

«Meine Lieblingsfarbe ist Hitler»

«Meine Lieblingsfarbe ist Hitler»