«Ich bin ein Mensch, keine Behinderte»

Wir sprachen mit Schauspielerin Julia Häusermann, dem Star des Ensembles des «Theater Hora», über skandalöse Auftritte, Träume und Trisomie 21.

Dieser Artikel erschien am 25. Februar 2017 unter dem Titel «Dürfen Behinderte ans Kreuz genagelt werden?». Im Zuge des Welt Down-Syndrom Tages 2018 zeigen wir euch eine leicht aktualisierte Version.

Das erste Mal sah ich Julia Häusermann vor rund einem Jahr im Zürcher Schauspielhaus. Und zwar auf der Bühne. Als Jesus inmitten der Jünger beim letzten Abendmahl. Twerkend mit nacktem Arsch zu einem Michael-Jackson-Song. Und im grossen Finale ans Kreuz genagelt, langsam und grausam totgefoltert.

Die 24-Jährige stand damals mit ihren Kolleginnen und Kollegen des «Theater Hora» für das Skandalstück «Die 120 Tage von Sodom», umgesetzt von Kultregisseur Milo Rau, auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler von «Hora» haben viel gemeinsam. Sie lieben und atmen das Theater, gehen voll in ihren Rollen auf und sind allesamt echte Rampensäue.

Ein bunter Haufen voller Profis

Dass sie unter einer IV-zertifizierten «geistigen Behinderung» leiden, scheint nebensächlich. Ist es auch. Man merkt: Auf der Bühne sind sie Profis. Herrn Raus Inszenierung, die im Vorfeld international kontrovers diskutiert wurde und nach der Premiere ein eher verhaltenes Echo hallen liess, lebt alleine durch den Enthusiasmus des Hora-Ensembles. Ich will ehrlich sein: Wären da nicht Julia und der Rest ihrer Truppe gewesen, hätte ich die zwei Stunden, die das Stück dauert, lieber zum Schlafen verwendet.

Gut zwei Wochen nach der Premiere durfte ich die Horas wiedersehen und auch persönlich kennenlernen. Ich war ein bisschen aufgeregt, als ich in ihrem Probesaal in der Roten Fabrik in Zürich ankam. Ich durfte bei einer Probe-Session dabeisein! Im Mittelpunkt standen eigenständige Regiearbeiten der geistig behinderten Ensemblemitglieder, die sich mit dem Thema eines höheren, allmächtigen Wesens auseinandersetzten.

Während sich der Rest des bunten Haufens zu einer witzigen (aber mitreissenden) Playlist aus Timbaland- und Beatrice-Egli-Songs tanzend aufwärmte, setzte sich Julia zu mir. Sie war bereit für ein Interview:

Hallo Julia. Danke, dass du dir Zeit nimmst für mich.
Bitte.

Fangen wir ganz vorne an, oder? Wie bist du zum Theater gekommen?
Ich habe schon in der Schule angefangen, Theater zu spielen und dann 2010 die Ausbildung bei Hora gemacht. Die Schauspielausbildung. Seitdem bin ich hier dabei.

Also ist die Schauspielerei dein Hauptberuf?
Ja, ich bin Schauspielerin. Und das wird immer so bleiben. Ich bin schon ein Star aber ich will auf der ganzen Welt bekannt sein. Viel reisen und Leute kennenlernen. Ich liebe es, Risiko einzugehen. Wäre auch gern Polizistin, aber das das geht leider nicht.

Du könntest ja mal eine Polizistin spielen? Oder hast du eine andere Traumrolle?
Ich möchte auch fiese Rollen spielen, Bösewichte. Oder eine reiche Tussi und mit Männern flirten, wie in «Verbotene Liebe».

Zurzeit hast du einen wichtigen Part im Schauspielhaus. Dein Charakter wird sogar ans Kreuz genagelt und gefoltert. Das ist schon ziemlich hart. Wie viel Überwindung kostet dich das?
Das ist cool! Ich bin Profi, muss mich nicht überwinden. Ich habe auch nie Lampenfieber!

Ich merke schon, du geht total auf in deinem Job. Hast du nicht sogar einen Preis gewonnen?
Ja. In Berlin, den Alfred-Kerr-Darstellerpreis. Weil ich so gut schauspielern kann. Da war auch Geld drin. Ich spare viel, aber ich sage dir nicht warum. Ich heirate bald. (Julia zeigt stolz ihren Verlobungsring)

Oh, gratuliere! Wer ist denn der Glückliche? Hast du ihn auch hier kennengelernt?
Ja, in der Schule – es hat sofort gefunkt. Er ist sehr hübsch und sexy und er kann sehr gut mit dem ÖV fahren.

Das ist schon mehr, als ich mir oft zu wünschen wage. Du hast in einer Aufführung von Goethes «Faust» schon Gott gespielt. Das Stück, das ihr jetzt probt, heisst auch «Gott». Kannst du mir verraten, worum es geht?
Gott ist immer da, ich sehe ihn nicht, aber ich fühle ihn. Ich möchte «Jurassic World» machen, das ist sehr emotional und hat viel Action.

Stimmt eigentlich. Können wir über Trisomie 21 reden?
Down-Syndrom.

Down-Syndrom. Ist es dir lieber, wenn man es so nennt?
Ich will als Mensch gesehen und angesprochen werden, nicht als Behinderte. Ich fühle mich wohl, so wie ich bin, ich arbeite hart und lebe wie jeder andere Mensch.

Also beeinflusst oder beeinträchtigt dich bei deiner Arbeit oder in deinem Alltag nichts?
Nein, gar nicht.

(«Circle of Life» von Elton John setzt ein, Julia beginnt im Sitzen mitzutanzen und wird sichtlich unruhig, blickt sehnsüchtig zu ihren Kollegen, die immer noch konzentriert beim Aufwärmtraining sind.)

Du musst jetzt langsam wieder zur Probe, oder? Wollen wir uns verabschieden?
Ja gut.

Ein Weilchen blieb ich noch sitzen, schaute bei den Proben zu. Die Horas waren Feuer und Flamme und übertrumpften sich gegenseitig mit Ideen für ihr neues Stück. Julia, ganz die Diva, verlangte die Bühne 16 Minuten lang für sich alleine zu haben, um zu üben. Das seien ungefähr 4 Justin-Bieber-Songs, erfahre ich.

Wer das Hora-Ensemble (diesmal leider ohne Julia) live erleben möchte, kann das kommenden Sonntag, am 25. März 2018, tun. Und zwar im Stück «Baby I Want You_Remake» um 15 Uhr im Casino-Saal Aussersihl.
 


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74 Kommentare

E.M. vor 3 Monate
Habe auch eine Behinderung und bezeichne mich trotzdem als "behinderter Mensch". Das Wort "behindert" ist nie negativ wenn man es mit positiven Gedanken benutzt!
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Swissman vor 3 Monate
Alle Menschen sind irgendwie behindert.
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Silvia Grob vor 3 Monate
Super Schauspielerin, eigentlich keine Schauspielerin, sie spielte sich selbst.gute Erfahrung.
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Sandro vor 3 Monate
Okay,du bist ein behinderter Mensch.Zufrieden?
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