Diese Hardcore-Studis bauen sich ein eigenes Wohnheim

Studenten in Heidelberg fehlt es an Wohnungen. Um Abhilfe zu schaffen, baut sich eine Gruppe Hochschüler darum gerade ein eigenes Wohnheim.

Vorgeheuchelte Bewerbungen schreiben, in 100 Meter langen Schlangen vor einer Wohnung anstehen und trotzdem nur Absagen bekommen – Wohnungssuche ist oft richtig scheisse. Vor allem für Studenten, die nicht gerade viel verdienen. In der deutschen Stadt Heidelberg sieht die Lage aber noch etwas beschissener aus als bei uns in der Schweiz. Da kämpfen 7000 Studenten jedes Jahr um gut 1000 Wohnplätze.

Während einige Studis aber ständig nörgeln, bauen andere sich ganz einfach ein eigenes Wohnheim. So wie Henrik und eine Gruppe junger Studenten und Berufstätiger aus der Stadt.

«Meine Freunde haben auch mal in einem Keller geschlafen»

Unter dem Projekt «Neues Collegium Academicum» will der 27-jährige Physikstudent zusammen mit seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen ein Wohnheim schaffen, das der Wohnungsnot Abhilfe schaffen will. «Am Anfang ihres Studiums haben einige meiner Freunde auch mal provisorisch in einem Keller gehaust, weil sie keine Unterkunft gefunden haben», erzählt uns Henrik. Das Heim, das Ende 2019 fertiggestellt werden soll, löst mit seinen 176 Wohnplätzen zwar nicht das Problem der Wohnungsknappheit in Heidelberg, doch ist es immerhin ein Anfang.

Auch in Sachen Gemeinschaftsleben will das Konzept der ehrenamtlichen Gruppe mehr Möglichkeiten schaffen als bisher angeboten. Das Wohnheim soll Studierenden und Bewohnern aus der Umgebung als Treffpunkt dienen. Die Grundprinzipien lauten dabei: Selbstverwaltung, Bildung und Nachhaltigkeit. Die künftigen Bewohner und Bewohnerinnen sollen also selbstständig entscheiden können, was mit ihrem Wohnraum geschieht und dabei möglichst ressourcenarm und genügsam leben.

Grosser Zuspruch

Mit drei Gebäuden, in denen nicht nur ein Café, sondern bald auch Räume für die eigene Verwendung der Studis – wie auch Werkstätte zur Veloreparatur oder dem hauseigenen Garten – geplant sind, ist das Projekt aber nicht für jeden Studenten geeignet, da die Selbstverwaltung zusätzlichen Aufwand bedeutet. Leute, die sich für Ego-Lern-Sessions oder Stunden des Selbstmitleids einfach nur im Zimmer verkriechen wollen, suchen sich da lieber eine private Wohnung. «Unter den gut 40'000 Studenten in Heidelberg wird es aber bestimmt einige geben, die sich da gerne einleben möchten», sagt Henrik. Der Zuspruch sei nämlich gross.

Und wie bekommt man nun einen Platz im neuen Wohnheim, für den man gut 350 Franken bezahlt? Das Belegium, eine Instanz des Wohnheims, das aus ausgewählten Studenten der Bewohnerschaft besteht, sortiert also zuerst Bewerbungen vor. An einem Tag der offenen Tür können die einzelnen WGs dann aus dem Pool von Anwärtern ihr neues Gspändli aussuchen. Ganz im Sinne der Selbstverwaltung. Wer sich also nicht gut verkaufen kann oder sich als Einzelgänger entpuppt, hat wohl nur wenig Chancen.

Bald auch eine Bar oder ein Kino?

Finanziert wird das Projekt durch Bundesfördermittel, Bankkredite, Direktkredite und Spenden – weshalb Henrik und der Rest der Gruppe auch heftig Werbung dafür machen, um den für Mitte nächsten Jahres geplanten Bau nicht im letzten Moment abblasen zu müssen. Da es derzeit aber danach aussieht, dass sich der Plan der engagierten Studenten bald in die Realität umsetzen lässt, findet der 27-Jährige: «Ich hoffe, dass unser Projekt Pilotcharakter haben wird, um ökologisch nachhaltigen kostengünstigen Wohnraum auch in anderen Städten zu schaffen, der neben dem Wohnen weitaus mehr bieten kann.» Vielleicht steht auf dem nächsten erarbeiten Plan dann auch eine Bar oder eine Bühne für nächtliche Karaoke-Blamagen.


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7 Kommentare

vor 3 Monate
wen das so einfach wäre hätten wir kleine familie auch ein eigenheim gebaut weil es immer schwieriger wird was günstigeres zu finden !das meiste ist heut zu tage schon eigentumsstandart
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Papa Staat vor 3 Monate
ja sorry, der Staat muss eben noch ein paar Häuschen und Unterkünfte mit WLan für ein paar Asylis bauen. Da bleibt halt kein Geld für die eigene Jugend um die zu unterstützen.
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Lisa vor 3 Monate
Es ist schon alles gebaut, die bauen gar nichts. Innen eine Wohnung ein bisschen zu renovieren kann ja auch jeder. Das ist doch keine Meldung wert. Allerdings bin ich verblüfft, dass die so viel Freizeit haben. Angeblich müssen die immer arbeiten wenn sie nicht studieren, weil das Geld sonst nicht reicht.
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Antwort von Henrik vor 3 Monate
Liebe Lisa, schön, dass Du den Artikel zu unserem Projekt gelesen hast. In der Tat kann durch reines Lesen dieses Artikels der Eindruck entstehen, dass wir “gar nichts” bauen und “ein bisschen renovieren”. Jedoch ist dem nicht so. Die Projektgruppe besteht schon seit Anfang 2013. Seitdem haben wir sehr viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt. Am Anfang mussten wir zunächst eine Absichtserklärung der Stadt für den Verkauf eines Grundstücks auf einer der Heidelberger Konversionsflächen bekommen. Mit einem guten Konzept konnten wir in einem mehrjährigen Prozess nicht nur die Stadt und den Gemeinderat für unser Projekt gewinnen, 2015 wurden wir zudem zum Projekt der Internationalen Bauausstellung Heidelberg gekürt. Danach ist sehr viel passiert, wir haben eine GmbH sowie einen Verein gegeründet und zusammen mit einem Architekten und vielen Fachplanern einen Planungsentwurf erarbeitet. Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, der nicht nur günstiges Wohnen ermöglicht, sondern auch als Treffpunkt dient und Raum für Kultur sowie selbstbestimmte Bildung schafft. Dies in einer möglichst ökologischen nachhaltigen Weise umzusetzen ist unser Anspruch. Der Neubau, den wir planen ist als vierstöckiger Holzbau vorgesehen und wird damit einer der größten mit einer rein aus Holz geschaffenen Primärkonstruktion Deutschlands. Nachdem wir für das Projekt, das ca. 15 Millionen Euro kosten wird, schon größere Beträge ausgegeben haben, wurde diese Woche dafür der Bauntrag eingereicht. Neben dem Neubau planen wir zwei Bestandsgebäude umzuabuen, eines davon soll zu einem selbstverwalteten Cafe werden, das andere später Raum für ein Orientierungsstudium für Schulabgänger bieten. Wenn Du mehr über unser Projekt erfahren willst, kannst Du gerne auf unserer Webseite collegiumacademicum.de/ vorbeischauen. Bezüglich Deiner Aussage zu "so viel Freizeit": ein Großteil der Mitglieder*innen unser Projektgruppe muss neben dem Studium arbeiten und verwendet viel Freizeit z.B. Wochenenden für die ehrenamtliche Arbeit an unserem Projekt. Andere sind schon mit dem Studium fertig, haben gearbeitet und leben nun von Erspartem um mehr Zeit für die Projektarbeit zu haben. Ich finde es persönlich sehr gut, dass es in unserer Gesellschaft noch Menschen gibt die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich für soziale oder ökologische Dinge einsetzen. Ein Großteil der Personen die dieses Projekt ins Leben gerufen haben, taten dies in dem Wissen nie darin wohnen zu werden. Sie taten und tun es, weil sie daran glauben, damit langfristig einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten - auch wenn es nur ein kleiner Schritt ist. Viele Grüße Henrik aus der Projektgruppe Collegium Academicum
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