Ich war sieben Tage lang ohne Spiegelbild unterwegs

Viele von uns machen gerne mal ein Selfie. Unsere eher narzisstische Redaktorin übertreibts aber auch damit. Deshalb haben wir sie gezwungen, für eine Woche auf ihr eigenes Spiegelbild zu verzichten.

In einer Zeit, in der Selfies wichtiger sind als Landschaftsfotografien, Schmink-Tutorials mehr Views generieren als die Tagesschau und das Zugfester zur Betrachtung des eigenen Gesichts dient, steht fest: Wir haben den Gipfel des Narzissmus erreicht. Leider gehöre auch ich eher zur Sorte Mensch, die die Kamera des iPhones auf sich selbst richtet und schon mal ins Fenster blickt, um die eigene Visage zu betrachten. Ich mag mein Gesicht einfach und als Kontrollfreak ist es mir wichtig zu wissen, wie andere Menschen mich physisch wahrnehmen.

Damit soll für eine Woche Schluss sein. Kein Spiegel, kein Selfie, kein Blick auf spiegelnde Flächen.

Tag 1 und 2: Die Zicke erwacht

Alles fühlt sich an wie der erste Schultag. Die Vorfreude auf was Neues, gemischt mit panischer Angst. Genervt verschwinde ich morgens im Badezimmer und verbringe das Zähneputzen damit, die Kacheln unserer Toilettenwand zu zählen. 78 Stück sind es. Mein Freund muss schliesslich kontrollieren, ob die Gesichtscreme auch schön verteilt ist. Schminken? Ain’t nobody got time for that! Als meine bessere Hälfte mir bei der Verabschiedung ein «Du gsehsch wunderschön us» mit auf den Weg gibt, quittiere ich es mit einem barschen «Die Wuche bruchi eifachd kei Kompliment, okay?!» Sorry an dieser Stelle, Büsi.

Die paar Tramstationen zur Redaktion gleichen einem satanischen Hürdenlauf. Denn wie ich jetzt realisiere, besteht die Welt nur aus reflektierenden Flächen, denen es jetzt auszuweichen gilt. Mit Anstrengung überstehe ich die beschwerliche Reise und lande bei der Arbeit – mit einer echt miesen Laune.

Und als ich mich, wie ein Auto beim Rückwärtsparkieren, in den Lift navigiere, weil – wer hätte es gedacht – sich auch ein verdammter Spiegel darin befindet, können sich meine Kollegen vor Lachen kaum mehr halten.

Sobald ich während den ersten beiden Tagen des Experiments irgendwo eine reflektierende Fläche sehe, zucke ich hastig zusammen oder schaue panisch weg. Dass ich «Angst» vor meinem eigenen Spiegelbild habe, finde ich krass. Prinzipiell fühle ich mich wie ein modriger Lumpen, der schon viel zu lange über unserem Wasserhahn in der Küche hängt. Der Hahn spiegelt natürlich auch.

Tag 3 und 4: Arbeitskollegin mutiert zu Visagistin

Nachdem ich mich bis zu einem gewissen Grad mit meinem spiegelfreien Dasein abgefunden habe, will ich mir wiedermal Schminke ins Gesicht schmieren. Einfach weil ich den Prozess vermisse. Vor allem aber will ich wissen, wie es ist, spiegellos Cremchen ins Gesicht zu hauen und mit Wimperntusche an meine wehrlosen Augen heranzugehen. Das Schwierigste: Wo schaut man hin, wenn man keinen Spiegel hat?

Für den Lidstrich legt dann noch meine grandiose Arbeitskollegin Hand an und voila: Schon passt das. Allgemein merke ich an Tag drei und vier des Experiments, dass ich viel beschwingter durch die Welt gehe und nicht die ganze Zeit nach dem Handy krame, um Selfies zu schiessen. Ich höre meinen Mitmenschen aktiver zu.

Tag 5: Spieglein, Spieglein an der Wand

Warum wir uns gerne ansehen und ab an und mal einen Blick in eine spiegelnde Fläche werfen, erklärt mir Roberto Sansossio, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und Geschäftsleiter des Sozialzentrums Höfe. 

Warum schauen wir uns selbst gerne an? 
Nicht alle schauen sich selbst gerne an. Manche Frauen schauen in den Spiegel und mögen nicht, was sie sehen. Männer sind mit sich selbst ein bisschen grosszügiger. Wenn wir uns im Spiegel betrachten aktiviert sich im Regelfall und zum Glück einen positiven Mechanismus: Das Bild im Spiegel wird unbewusst ästhetisch korrigiert.

Warum werfen wir den Tag durch immer wieder einen Blick in spiegelnde Flächen, um uns anzuschauen? Es gibt Personen, welche überdurchschnittlich grossen Wert auf das Aussehen legen. Immer wieder einen Blick in spiegelnde Flächen zu werfen, dient gerade diesem Zweck. Selbstverständlich gibt es jedoch auch viele Menschen, die vollkommen unbewusst oder auch zwecklos einen Blick in spiegelnde Flächen werfen. 

Wieviel Narzissmus ist okay, wann ist es zu viel? Wenn wir von einer gesunde Portion an Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Willensstärke sowie Image-Pflege meinen, dann dürfen wir bestimmt ein bisschen «narzisstisch» sein. Wenn jedoch Narzissmus die Existenz einer Person dermassen beeinflusst, dass alle menschlichen Beziehungen irgendwie  gestört sind, dann ist eine psychopathologische Abklärung erforderlich.  

Tag 6: Scheiss auf den Spiegel

Das Wochenende steht an und ich habe mich mit Freunden verabredet. Geputzt und gestriegelt stehe im Gang meiner Wohnung, allerdings ungeschminkt. Und schon ist mein Freund zur Stelle wie ein schillernder Retter in der Not, bewaffnet mit Schminkspiegel und Eyeliner. Der Gute versucht, mein Gesicht wunderschön zu bemalen. Das Ganze endet aber eher in einem abstrakten Picasso-Gemälde. Klar siehts witzig aus. So darf ich mich aber nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Darum nochmals abschminken und auf erfahrene Skills der Freundin an der Party zurückgreifen. Alles halb so wild. Auch so merke ich, dass ein Samstagabend ohne Schminke kein Weltuntergang und der Clubbesuch völlig reibungslos verläuft. Sowieso habe ich andere Prios als mein Aussehen und im Club ist es ja eh dunkel. Zudem muss ich niemanden beeindrucken, realisiere ich. Am frühen Morgen schminke ich mich schliesslich müde Pi mal Daumen ab.

Tag 7: Hallo, alter Freund.

Der D-Day der Anti-Reflektion ist gekommen und ich freue mich, dass diese verschissene Woche vorbei ist. Denn nach dem vergangenen Abend fühle ich mich wie eine Zahnbürste, an der noch tausend Überreste kleben, da mein halbherziges Abschminken noch einige Überbleibsel hinterlassen hat. Ich husche zum Spiegel – psychisch darauf eingestellt, dass mir ein Troll aus der Hölle entgegenstarrt. Doch stattdessen blickt mir mein vertrautes Ebenbild entgegen. Leicht verändert, aber alles beim Alten sozusagen.

Und jetzt? Bin ich bescheidener oder weniger selbstverliebt? Ja. Denn in den darauffolgenden Tagen merke ich, dass ich nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfalle und bin weniger gestresst, was mein Aussehen betrifft. Im Tram schaue ich effektiv aus und nicht ins Fenster, wenn mal der Lidstrich nicht perfekt sitzt, dann ist das okay und mein Fotoalbum ist mit mehr Bildern von meinen Freunden statt mit Selfies gefüllt.

Natürlich ist meine Eitelkeit nicht gänzlich verflogen. Ein bisschen Selbstverliebtheit kann nie schaden. Doch ich kann jetzt etwas reflektierter mit ihr umgehen und dem Spiegel auch mal problemlos den Rücken kehren.


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11 Kommentare

Melissa vor 4 Monate
Hmmmm....es gibt auch interessante Experimente mit dem Spiegel. Kürzlich habe ich mich weinend vor den Spiegel gesetzt und mir dabei in die Augen geschaut und an einem bestimmten Punkt war es, als ob ich etwas sehe das weint, doch ich bin das nicht, so als ob das Spiegelbild ein Bild dessen ist, was ich glaube in dem Moment zu sein. Ich habe mir auch schon, als ich wütend war, über den Spiegel in die Augen geschaut und auch da ist dasselbe passiert, an einem bestimmten Punkt wurde mir bewusst, nicht das zu sein, was mir da entgegenblickt in Form von Wut. Dann haben sich meine Augen im Spiegelbild total verändert und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl nicht ein Bild von mir zu sehen, sondern mich, jenseits der Vorstellung wer ich glaubte zu sein, oder glaubte sein zu wollen oder zu müssen. Das war ein sehr magischer Moment!
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Antwort von Ralf Berger vor 3 Monate
Sag mal Melissa ? nimmst du Drogen ?
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Zombie vor 4 Monate
Ich war einst mal ein Hobby Chemiker, besser gesagt ein Hobby Allchemist, es machte mir unglaublichen Spass Sachen zu analisieren, wo man mit blossem Auge absolut nicht sehen kann, deshalb hatte ich ein paar Laborutensilien und ein sehr teures Mikroskop, wo ich früher beim damaligen Laden hinter dem Lochergut " Christoffel Labortechnik " besorgt hatte danach holte ich mir aus der damaligen WERNLE Drogerie beim Rennweg, die besten Chemikalien mit dem unterschriebenen Giftschein des Kreisbüros der Gemeinde Albisrieden / Altstetten. Was mich am meisten Spass machte, waren die Schminkfarben und allgemeine Bakterien selber zu erforschen und dazu stellte ich immer eine spezielle Lösung her, mit der ich danach gewisse Eisenteile in Farben oder auch Nahrung finden konnte, diese war die Lösung von Kaliumhexacyanidoferrat 2, in anderen Worten, gelbe Blutlaugensalzlösung. Das alles machte ich, weil ich schon seit immer in meinem Blut ein wahrer, ehrlicher Maskenbildner bin und ich wollte auf Nummer SICHER gehen, dass die Farben für meine Latexmasken auch 100% Bakterienfrei sind! Nun zum Artikel hier, die Redaktorin ist in meinen Augen eine Heldin! In der Tat, werden Frauen schon sehr früh im Kindesalter, aufgrund der Barbies oder Medien darauf hingewiesen, wie eine Frau UNBEDINGT aussehen muss. Sie werden mit einer Automation von künstlicher Schönheit und Glanz sofort in die Welt der Schminke hineingezogen und wenn man durch Züri läuft, sieht man viele Damen die manchmal auch wirklich übetrieben geschminkt rumlaufen und andere Damen wo mit etwas weniger Schminke rumlaufen. Aber man sieht so selten in der Stadt Züri hier, Damen die sich nicht im geringsten schminken. Das Ihr Freund im guten gemeinten Sinne, Ihr noch die Schminkutensilien vor Ihrer Nase brachte, ist zwar eine nette Geste, beruht aber grundsätzlich auf gar keine Bedeutung, denn entweder liebt Er Ihr Herzchen und so Sie sowie Sie ist oder dann eben nur das " Abstrakte Picasso Gemälde " aber ich bin mir sicher, das Er Sie so liebt wie Sie ist, sonst wäre Er ja wohl kaum Ihr Freund! Die Kosmetikindutrie ist heutzutage ein Milliardengeschäft und nicht selten werden auch aus armen toten Tieren, die man dafür vorher geopfert hat, daraus Schminkfarben hergestellt. Das ganz Schreckliche in dieser Schminkssache ist, dass die meisten Frauen so etwas nicht einmal wissen und es wird Ihnen psychologisch noch reingeredet, dass Diese alles reine Naturfarben seien, das passiert meistens bei den etwas billigeren Schminkartikeln aus anderen Ländern. Da ich ja, wie schon gesagt, seit immer ein Maskenbildner bin, verstehe ich alle Frauen, die ansonsten Spass daran haben in Farbkästchen mit Farben rum zu experimentieren durchaus, habe aber auch absolut nix dagegen, wenn sich eine Dame gar nie schminken will. Noch etwas zu den allgemeinen Schminkfarben, ich empfehle allen Damen und auch gewisse Männern, Die sich gerne ab und zu Mal schminken, die professionellen Schminkutensilien und Farbpaletten von der Firma KRYOLAN oder GRIMMAS, weil Diese nähmlich wirklich aus der pflanzlichen Natur aus enwtickelt worden sind, doch Diese kosten auch ein kleines Vermögen, weil Diese grundsätzlich für Theater und Film enwtickelt werden aber dennoch, sind Diese absolut naturell und halten sogar unter Wasser und um Diese danach wieder abzuschminken reichen grundsätzlich die Abschminktüchern von Nivea, man kann aber auch die Kryolanabschminke dazu verwenden! Aber etwas muss dazu gesagt werden, egal an welcher Stelle des Körpers und des Gesichtes geschminkt wird, Farben halten die Poren der Haut zu, deshalb sollte man sich als Frau, auf diesen Artikel besonders konzentrieren und versuchen sich sowenig wie es nur möglich ist, zu schminken, denn Dies wird dann die Haut der Damen und auch bei gewissen Männern eines Tages mal Danken! Eine persöhnliche Mitteilung für die Redaktorin : Liebe Dame, ich finde Dich Klasse und das Du eine richtig gute Einstellung hast, deshalb kannst Du Dich auch ohne Schminke lieb haben und genau auf DASSS kommt es im Leben einer Dame darauf an, mach nur weiter so und sollte es Dein Freund auch nur einmal wagen, Dich zum schminken zu überreden, wenn Du gerade mal keine Lust darauf hast, dann schminke Du Ihn an Deiner Stelle hehe ich wünsche Dir noch das Beste!!! Danke für Eure Aufmerksamkeit, Euer Dr. Jacob Tess Freudstein alias Zombie 😃!!!
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Antwort von MArtin vor 4 Monate
Aha der Herr Zombie Hobby Chemiker, Maskenbildner & Doktor und plaziert noch geschickt Schleichwerbung. Sorry zieht bei mir nicht XD
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