Ich habe mich noch nie so unwohl gefühlt

Von einem lässig runtergeleierten Vortrag kann unsere Redaktorin nur träumen. Sie schiebt Panik, wenn sie fremden Menschen gegenübertreten muss. Deshalb musste sie für uns auf der Strasse singen.

Jedes Mal, wenn ich mich öffentlich emotional entblössen muss – egal ob beim Vortrag vor der Uni-Klasse oder dem morgendlichen Meeting im Büro – könnte ich heulen. Der Puls rast schneller als beim alljährlichen Joggingausflug, mein Hirn verabschiedet sich komplett und die Farbe in meinem Gesicht gleicht dem lodernden Höllenfeuer, das mir gerade Schweissperlen auf die Stirn zaubert.

Was ich damit sagen will: Mich öffentlich in den Mittelpunkt zu stellen, gleicht für mich einem Ritt in ein eigens für mich kreiertes Verderben. Ich hasse es. Als mein Chef also beschliesst, mich an meine Grenze zu bringen, mir eine Lektion in Sachen Angstüberwindung zu erteilen und ans Zürcher Seebecken zu schicken, um mich dort gesanglich auszukotzen, zeige ich ihm kurzerhand den Mittelfinger. Gedanklich, zumindest.

Zurück in den langweiligen Büroalltag

Versteht mich nicht falsch, Singen ist eine meiner grössten Leidenschaften. Mein Geträller bleibt normalerweise aber eine Sache zwischen mir und den vier Wänden, die mich umgeben. Dem Nachbarn vielleicht noch, aber that’s it. Ich bin selbstkritisch und derart perfektionistisch veranlagt, dass Zuhören eigentlich nie erlaubt ist.

Mit Kamera, Mikro, Gitarre und einem sozialen und musikalisch talentierten Mitarbeiter im Gepäck mache ich mich aber trotzdem auf den Weg zur Zürcher Seepromenade. Dort, wo dutzende Menschen gerade ihre Mittagspause verbringen. Ich sehne mich zurück an die langweiligeren Tage im Büro, denn ich bin verdammt nervös und verfluche gerade meinen offensichtlich etwas masochistisch veranlagten Boss.

Grösster Fan und schärfster Kritiker

Ich weiss nicht, ob ich gleich hinter den nächsten Baum kotzen oder doch lieber einen Tequila-Shot runterkippen will. Schliesslich schiessen aber weder die Überreste vom Salat, den ich über Mittag kaum runtergekriegt habe, aus mir raus, noch ein alkoholischer Mutmacher in mich rein. Bauchschmerzen habe ich trotzdem. Hab da mal von stressinduzierten Geschwüren gelesen – so eines habe ich mir garantiert gerade eingefangen.

Zu meiner Erleichterung fängt es auf dem Weg zur Sing-Sang-Hölle gerade an zu regnen – danke Petrus, ich schulde dir glaub ein Bier. Statt vor eine Riesenmeute kritischer Zuhörer, platzieren wir uns darum in die Nähe eines älteren Herren, der auf einer kleinen Bank sitzt. Wie sich herausstellt, wird er nach meinem privaten Mini-Konzert sowohl mein grösster Fan, als auch mein schärfster Kritiker.

«Du sitzt da wie ein Gipfeli»

Alles Mutzusprechen vom gutmütigen Arbeitskollegen, der mich auf der Gitarre begleitet – übrigens danke Dave, dir schulde ich wohl auch ein Bier – scheint nichts zu nützen. Die Bauchschmerzen werden immer stärker, meine Hände zittern und ich klammere mich bestmöglich an die im Wind wehenden Songtextblätter. Den Blickkontakt mit dem Einmannpublikum im regenbedingt spärlich besuchten Park vermeide ich so gut wie möglich und halte lieber angespannt Ausschau nach anderen Spaziergängern, die bitte ja nichts vom Gesang hören.

Statt allerdings wie erwartet keinen Ton rauszukriegen, ist die Nervosität nach der ersten Strophe von «Sitting on the Dock of the Bay» fast vollkommen verflogen. Zwar liefere ich keine girlbandwürdige Performace ab, sondern sitze laut dem werten Herr auf der Bank vielmehr «da wie ein Gipfeli» – aber hey, I did it. Auch wenn die Töne nicht immer ganz sitzen, gebe ich nun sichtlich entspannter drei weitere Schnulzen zum Besten.

Trotz der mehr oder weniger gelungenen Aktion, bezweifle ich allerdings, dass ich die Tortur ein zweites Mal durchleben würde. Zu gross waren vor dem Auftritt die Nervosität und die Panik, zum Gespött der Anwesenden zu werden. Ich bin schlicht und einfach nicht geschaffen dafür.


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11 Kommentare

M. K. vor 3 Monate
Aber es war ja gar kein Publikum da... Wieso diese Nervosität?
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Antwort
cervello vor 3 Monate
oh mann!!
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Antwort
Zombie vor 3 Monate
Hmmmm??? Zombie steht gerade zwischen zwei junge Damen in der Mitte! Die einte Dame heisst Lorena Mancino und die andere Lena M. Landrut!! Vom Gott der Musik, hat Zombie den Auftrag gekriegt zu entscheiden, welche der beiden Damen die bessere Stimme hat. Zombie überlegt nicht lange und geht zu Lorena hin, verbeugt sich und küsst Ihre Pfote und sagt : Liebe Lorena, Deine Stimme klingt fast so ähnlich wie die von Gloria Gaynor nur singst Du in einer tieferen Octave, wo natürlich auch keinesfalls schlecht ist, trainiere deine Stimme sogut es nur geht, danach klingst Du noch besser, Complimenti!!! Dein Chef ist absolut kein Maso, Er ist ein spezieller Mensch wo das Singtalent in Dir entdeckt hat und es nur gut gemeint hatte, Dich am See zu schicken damit Du dort den sogenannten " Schähmgeist " eventuell überwinden könntest! Und was ist dabei passiert? Hat dich jemand ausgelacht? Hab ich in deinem Video absolut nicht bemerkt! Ist es möglich dass Du dich für dein Talent schähmst? Quattsschhh, Du kannst es doch ganz gut! Falls Du der Meinung bist, dass Du vor dem Singen noch Alk trinken musst, dann kannst Du aber ganz sicher sein, dass Du danach alle Singstrofen in den Wind schiesst und eher anfägst zu jodeln 😃!! Lorena, wenn Du Artikeln verfassen kannst, dann kannst Du aber sicherlich auch ohne Schähmung singen, die Kraft liegt in Dir drinn, finde Sie und sei stolz darüber, ich wünsche Dir auf jeden Fall nur das Beste!!! Ich lade für Dich extra noch eines meiner Lieblingsliedern weltweit hoch und hoffe, dass ich deinen Tag damit verschönert habe, Dankeschön für dein Zuhören, tanti auguri carrissima!!
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Antwort
Kati vor 3 Monate
Das ist ja zum fremdschämen!
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