«Anschreien schreckt die Täter meist schon ab»

Arschklapser im Club und Begegnungen mit obskuren Gestalten in der ÖV. Unsere Redaktorin hat genug davon und besuchte deshalb einen Selbstverteidigungskurs.

Die Übergriffe an der vergangenen Silvesternacht in Köln lieferten Anstoss für zahlreiche Diskussionen. Weltweit äussersten sich Frauen über mangelnde Sicherheit in der Öffentlichkeit. Und dies zurecht. «Fast jede Frau auf der Welt wurde schon belästigt», erzählt mir Silvia Bren, Trainerin der Selbstverteidigungsorganisation Pallas.

Auch ich, 23, gehöre dazu. Um dem nächsten sexlüsternen Macho im Club oder auf der Strasse eine korrekte Tracht Prügel verpassen zu können, besuchte ich letzte Woche zum ersten Mal einen Selbstverteidigungskurs.

Sich wehren soll gelernt sein

Trotz anfänglich kurzer Enttäuschung, meine Schlagkünste nicht an einem lebensgrossen Michelin-Männchen testen zu können, starte ich guten Mutes in den Kurs. Die restlichen sechs Kursteilnehmerinnen – logo, Männer haben hier nichts zu suchen –  sind freundlich und anfangs noch genauso unbeholfen wie ich.

Von 16-jährigen Schülerinnen bis 50-jährigen Mamis möchten sich scheinbar alle in Sachen Selbstverteidigung informieren. Zurecht. «Seit den Übergriffen in Köln, bei denen zahlreiche Frauen sexuell belästigt wurden, gab es einen regelrechten Ansturm auf unsere Homepage», erzählt mir Silvia Bren. Es regen sich vor allem Institutionen wie Schulen, Eltern- und Turnvereine, die Kurse anbieten möchten.

Nur leichte Berührungen bedrücken mich schon

Der Kurs startet sanft. Ein Gespräch. Ein Spaziergang durch den Raum. Annäherungsversuche. Unsere Trainerin fragt stets nach unserem Gemütszustand, will, dass wir uns in die Lage verängstigter, belästigter Frauen hineinversetzen. Während dem Rollenspiel merke ich: Von Fremden angefasst zu werden, sei es nur eine kurze Berührung an der Schulter, fühlt sich alles andere als gut an. Mir ist nicht wohl und ich probiere mich von ihrem Körperkontakt zu lösen.

Männer sind Belästiger – zumindest für die Dauer des Kurses. Deshalb zeigt uns Silvia Bren nach einer ersten Einführung Tricks, um sich möglichst einfach aus dem Griff eines solchen zu lösen. Und das geht erstaunlicherweise ganz einfach – wenn man nur weiss wie. Aus dem Würgegriff drehe ich mich elegant aus, bei Schlagübungen bewege ich mich so flink wie Jackie Chan in «Rush Hour 1, 2 und 3» zusammen und mit dem Fuss trete ich so hart zu, dass kein männliches Schienbein heil bleiben würde.

Schreie stärken unser Selbstbewusstsein

Silvia Bren motiviert uns zu schreien, unseren Schlägen damit noch mehr Kraft zu verleihen. Nach wenigen Übungen rast mein Puls als wäre ich gerade beim CrossFit. Ich fühle mich stark. Und bin erstaunt über die Wirkung der eigentlich lächerlich einfachen Tipps. Wie mir meine Trainerin erklärt, ist aber nicht die Technik von Bedeutung. «Vielmehr zählt es, Lösungen zu finden, im Notfall Aussenstehende zu mobilisieren und Selbstbewusstsein auszustrahlen.» Seine Meinung zu äussern, und zwar in einem höflichen, aber bestimmten Tonfall, kann Täter bereits abschrecken.

Wider Erwarten treten wir aber nicht nur in Kissen. Ein Grossteil des Kurses unterhalten wir uns. Im Gespräch ermutigt uns Silvia Bren dazu, unsere Eindrücke zu äussern, Hemmungen zu überwinden und uns vor allem in kritischen Situationen bedenkenlos zu wehren. «Frauen sollen gestärkt aus dem Kurs gehen». Und tatsächlich fühle ich mich sicherer, als ich den Trainingsraum verlasse. Statt wie bis vor kurzem noch einen Übergriff – sei es nur ein aufdringlicher Blick im Bus – hinzunehmen, kenne ich nun die Grenze zwischen einer harmlosen Situation und einer Belästigung. Und würde darauf reagieren.

Das Schwein, das mir neulich am helllichten Tag am Zürcher Hauptbahnhof einen Arschklapser verpasste, würde ich heute ganz sicher nicht mit einem beschämten Lachen davonkommen lassen.

Wenn du Interesse an einem Selbstverteidigungskurs hast, dann informiere dich unter Pallas.


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30 Kommentare

JustMe vor 1 Jahr
So ein Blödsinn. Nicht umsonst trainiert man jahrelang um etwas zu "können" und seinen Reflex richtig zu benutzen. Meist wird man auch von einer Kleingruppe angegriffen und kaum von einer einzelnen Person. Wg. einem "Arschklapser" würde ich auch nie (!) zuschlagen, sondern höchstens einen dummen Spruch loslassen. Man kämpft, wenn es um sein Leben geht, sonst hat man dies zu vermeiden.
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Antwort von Eva vor 1 Jahr
Nehme an du bist ein Mann. Leider kein ganzer Mann. Die richtigen Männer unterstützen ihre Frauen auch bei Übergriffe die nicht lebensbedrohlich sind: sie wissen was Anstand und Respekt ist und sind stolz wenn ihre Frau, Mutter oder Tochter sich wehren
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Antwort von Soso vor 1 Jahr
Ich nehme an du bist eine Frau. No offence aber das ist wieder einmal typisch. Natürlich sollte man sich nicht einfach so von Fremden betatschen lassen. Aber die Frage ist dabei auch WIE man reagiert. Und wieso zur hölle sollte ich da gleich zuschlagen (zudem ich es als Frau ja wirklich nicht auf einen Kampf ankommen lassen sollte)? JustMe hat nicht gesagt man soll sich das ganze gefallen lassen und hat vollkommen Recht mit dem was er sagt
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Antwort von Soso vor 1 Jahr
Ich nehme an du bist eine Frau. No offence aber das ist wieder einmal typisch. Natürlich sollte man sich nicht einfach so von Fremden betatschen lassen. Aber die Frage ist dabei auch WIE man reagiert. Und wieso zur hölle sollte ich da gleich zuschlagen (zudem ich es als Frau ja wirklich nicht auf einen Kampf ankommen lassen sollte)? JustMe hat nicht gesagt man soll sich das ganze gefallen lassen und hat vollkommen Recht mit dem was er sagt
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