«Meine Schwester legte sich nackt in mein Bett»

Arian* (21) erlitt jahrelanges Mobbing, psychische Demütigungen und sexuelle Übergriffe in seiner streng religiösen Familie. Unserem Redaktor hat er seine Geschichte erzählt.

Ich weiss noch kaum etwas über den jungen Mann, mit dem ich mich heute treffen darf, um mehr über sein Leben und seine dramatische Kindheit und Jugend in einer muslimisch-orthodoxen Einwandererfamilie aus Mazedonien zu erfahren. Nur so viel: Gewalt, sowohl körperliche als auch seelische, soll seinen Alltag beherrscht haben.

Ich treffe Arian in einem Restaurantgarten im Zürcherischen Schwamendingen. Der hübsche 21-Jährige ist auf den ersten Blick recht unauffällig. Seine grossen, lieben Augen blicken aber wachsam umher und verraten eine innere Unruhe. Ob das nun an der Nervosität liegt, weil er sich mit mir – einem ihm völlig Fremden, dem er seine Geschichte mitteilen soll – trifft, oder er durch seine Erfahrungen in konstanter, unterschwelliger Angst lebt, kann ich nicht beurteilen.

Mit 13 der erste Selbstmordversuch

Arians Stimme ist unaufdringlich und relativ leise, aber doch klar und gefasst. Er erzählt überraschend nüchtern und emotionslos von seinem Leben, das von Depressionen, Mobbing und Missbrauch geprägt war, als wäre er nur ein stiller Beobachter gewesen und nicht selbst das Opfer. Eine gewisse Distanz zu seiner Vergangenheit zu halten scheint ein Teil des Verarbeitungsprozesses zu sein, der heute seinen Alltag dominiert. Seine Woche verbringt er in einer Tagesklinik, in der er mit Kunst und Ergotherapie soziale Kompetenzen erarbeiten, Traumata verarbeiten und Selbstständigkeit erlernen soll.

«Meine Familie ist sehr religiös – muslimisch», erfahre ich. Seinen ersten halbherzigen Suizidversuch hat Arian mit gerade mal 13 hinter sich – er schluckt Tabletten. Zu gross ist der Druck für den Jungen, der mit seiner Homosexualität auf sich alleine gestellt ist. «Es ist nichts passiert, ich hatte nur Bauchweh und musste dann kotzen.» Ein Hilfeschrei.

Zwangsheirat und nackte Schwester

An ein direktes Outing ist nicht zu denken: «Meine Eltern hätten mich sofort rausgeworfen – oder Schlimmeres.» So beginnt er aus Frust zu essen, bringt in seinen schwersten Tagen 135 Kilo auf die Waage. In der Schule wird er gemobbt, sein Vater rät ihm, sich mit Fäusten zu wehren. «Auf einmal war ich der fette Schlägertyp», erinnert er sich.

Zuhause verschlimmert sich die Situation. Obwohl es nie ausgesprochen wurde, schöpft Arians Familie wohl Verdacht. Seine Eltern stellen ihm Mädchen – Töchter von mazedonischen Freunden – als potentielle Ehefrauen vor. Ein richtiger Mann müsse heiraten und eine Familie zeugen, so gehört sich das, so will es die Religion. Als sich eines Nachts seine älteste Schwester nackt zu ihm ins Bett legt und ihn berührt, ist eine Grenze erreicht.

Knapp überlebt

2013 – mittlerweile ist Arian 17 Jahre alt und durch depressionsinduzierte Appetitlosigkeit 60 Kilo leichter – ein erneuter Versuch, sich das Leben zu nehmen. «Diesmal hab ich mir vorgenommen, ich werde es jetzt durchziehen», gesteht er. «Das sollte das Ende sein.» War es aber nicht – eher im Gegenteil. Wieder bleibt er am Leben, wenn auch nur knapp. Aus dem Ende wird ein Neuanfang. Er outet sich noch im Spital bei seiner Familie und kehrt nie mehr nach Hause zurück.

Bis zu seiner Volljährigkeit kommt Arian in einem betreuten Wohnheim unter, danach in einer WG. Seine Familie sieht er nie wieder. Bis auf ein paar Anrufe seiner Mutter, in denen sie ihn bittet, doch wenigstens mal Sex mit einem Mädchen auszuprobieren, dann würde er schon wieder auf den «richtigen Weg» zurückfinden, besteht auch kein Kontakt mehr. «Mir fehlen zwar eine Vater- und Mutterfigur. Aber das waren meine Eltern nie, darum ist es nicht so schlimm für mich. Ich hasse die beiden nicht, aber ich wünsche ihnen auch nichts Gutes.»

Positiv in die Zukunft

Noch versucht der junge Mann, die Vergangenheit zu bewältigen, um dann positiv In die Zukunft blicken zu können. «Ich hoffe, ich kann bald eine Ausbildung als Florist anfangen. Das ist mein Traumberuf!», schwärmt Arian. Und auch für die Liebe ist er offen: «Ich bin nicht gern alleine. Den Richtigen habe ich aber noch nicht kennengelernt. Aber keine Eile – eins nach dem anderen.»

*Name geändert


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272 Kommentare

Zeynep vor 2 Monate
Es tut mir so leid, was der arme Junge durch machen musste. Ich bekam echt Tränen, denn die Geschichte erinnerte mich stark an mein eigenes Leben. Meine Eltern sind auch streng religiös und haben es ebenfalls übertrieben. Ich wurde beobachtet, gestalkt und seelisch wie körperlich misshandelt. Ich wünschte, dass sie mich besser beobachtet hätten, als ich noch klein war. Denn als Kleinkind wurde ich von einem Fremden körperlich misshandelt. Mein Vater war 500 Meter entfernt von der Tat. Ich konnte es ihnen bis heute nicht sagen. Ich musste mit Depressionen kämpfen und als ich versuchte, mir das Leben zu nehmen, wusste ich, dass ich mich für ein anderes Leben entscheiden musste. Durch die Hilfe des Staates, konnte ich ein neues Leben anfangen. Mit zwei tollen Mitbewohnern, teile ich nun eine WG. Mir geht es besser, obwohl ich meine Geschwister vermisse. Der Kontakt zu ihnen wurde mir verboten. Ich hassen meine Eltern nicht, denn sie sind immer noch meine Eltern. Ich weiss nur, dass das Verhalten von ihnen so ist, wie sie ist, weil sie in der Türkei aufgewachsen sind und somit die Kultur und Religion strenger nehmen, als wir Kinder der 2. Generation. Ich hoffe, dass sich in der Zukunft die ausländischen Eltern mehr Mühe geben, uns Kinder zu verstehen. Denn wie der Junge und ich, sollte niemand mit 21 Jahren so viel durchgemacht haben.
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Marcel K. vor 2 Monate
Mein Sohn war vor kurzem noch Tolerant. Seit er mit Albanern hängt fängt er auch an mit diesem diskriminierungsschei***. Alles das nicht deren Vorstellungen entspricht wird schlechtgemacht. So habe ich meinen Sohn nicht erzogen! Ich hatte bis jetzt nichts gegen Albaner, aber wenn deren Einstellung solche Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, dann geht mir das definitiv zu weit!
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Antwort von Ausgewanderter vor 2 Monate
Und da wundern sich die Albaner warum keiner die mag. Als Nachbarn ein Albtraum, Laut, arrogant und unzivilisiert. Kannst ja nicht ein Tag in der Schweiz herumlaufen ohne diese Sprache zu hören - Furchtbar!
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Antwort von Hans vor 8 Tagen
HAHAHA das gleiche deke ich auch über Schweizer... sie sind überall und nur am motzen!
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