«Um 4 Uhr aufzustehen, ist eine Tortur!»

Angeblich sei das Leben von Frühaufstehern besser. Unser Redaktor versucht mit Hilfe von Expertentipps seinen Schlafrhythmus umzustellen.

Am Wochenende gehe ich gerne dann nach Hause, wenn die armen Leute vom Brezelkönig am Bahnhof bereits seit drei oder vier Stunden einige der besten – weil: man muss nichts dafür tun – Anti-Kater-Mahlzeiten verkaufen. Die Gründe dafür sind stimmungs-, sound- oder substanzabhängig  – und spielen hier eigentlich gar keine grosse Rolle. Was eine Rolle spielt: Montags muss ich mich, wie die meisten Nicht-Kunststudenten, um eine Zeit aus dem Bett quälen, zu der ich am Tag zuvor noch eine Runde Shots ausgegeben habe.

Meinen Mitarbeitern zuliebe («Montags ist er ein bisschen ein Arschloch») nahm ich mir vor, ein wenig an meinem Schlafrhythmus zu schrauben und ab sofort ein Morgenmensch zu sein. Natürlich nicht ohne auch die Wissenschaft zu konsultieren – denn zumindest was die Büroatmosphäre betrifft, handelt es sich hier um ein Hochrisiko-Experiment.

Morgenmensch vs. Abendmensch

«Ja, es gibt den Morgen- und den Abendmenschen», erklärt Esther Werth, Leiterin des Schlaflabors Neurologie der Klinik für Neurologie in Zürich. «Seinen biologischen Rhythmus etwas zu verschieben ist möglich, aber es ist wichtig zu wissen, dass man aus einem Abendmenschen nicht einfach einen Morgenmenschen machen kann.» Der Schlafrhythmus sei genetisch verankert, passe sich aber leicht durchs Älterwerden an. 

Das heisst: Die Genetik legt mir schon Mal ein paar Hürden in den Weg. Aber das stört die Trans-Community ja auch nicht und man kann heute sogar bei der Geschlechtsangabe auf Facebook sein, was man will. Also sollte ich auch ein verdammter Morgenmensch sein können. Werth empfiehlt dafür eine schrittweise Umstellung und das Vermeiden von hellem Licht – insbesondere von Bildschirmen – am Abend und von Lichtexplosionen am Morgen.

Schlafprobleme

Am ersten Abend liege ich um 21 Uhr im Bett – entgegen der Empfehlungen der Expertin rund drei bis vier Stunden früher als gewohnt –, versuche einzuschlafen und weil das nicht funktioniert, versuche ich ein paar der klassischen Einschlafhausmittel: Klassik-Musik, Tee mit Honig, ein Podcast über erotische Harry-Potter-Fanfiction.

«Stress und Sorgen, das ‹Nicht-Abschalten-Können›, Schmerzen, Medikamente, sehr unregelmässige Bettzeiten oder zu viel Tagschlaf sind Faktoren, die zu Schlaflosigkeit beitragen können», sagt die Schlafforscherin. Potentielle Lösungen fürs Problem sind also stark individuell. In meinem Fall galt: Die Zeit heilt alle Wunden.

Vier Uhr morgens

Ein Normalschläfer, der normalerweise zwischen 22 und 24 Uhr pennen geht, braucht regelmässig sieben bis acht Stunden Schlaf, weiss die Wissenschaft. Wenn ich mich nach den ersten Nächten gegen vier Uhr aus dem Bett quäle, habe ich das Gefühl, mit meiner inneren Uhr einen guten Deal ausgemacht zu haben. Die Überlegung, vielleicht einfach etwas «vorzuschlafen», muss ich leider ebenfalls verwerfen. «Vorschlafen für mehrere Tage geht nicht», erklärt Werth. «In einem gewissen Rahmen kann man aber etwas ‹vorschlafen›, dies aber nur in einem engen Zeitfenster.»

Zu Beginn der Aktion kann ich mich wirklich noch nicht mit meinem neuen Leben anfreunden. Ich habe zwar viel Zeit, um morgens im Bett ins Handy oder am Küchentisch in die Leere zu starren, aber wirklich produktiv bin ich nicht. Wäre ich sportbegeistert, würde ich jetzt wohl Joggen oder Eiweissdrinks schlürfen oder was auch immer solche Menschen üblicherweise zu solch unchristlichen Uhrzeiten tun. So verplempere ich die ersten Tage den Morgen aber nur mit Blödsinn.

Ein Rhythmus?

Nach drei Tagen wage ich einen Morgenspaziergang um halb fünf, fühle mich dabei nicht viel aktiver, als wenn ich um die Zeit vom Ausgang heimstolpere. Trotzdem habe ich das wohlige Gefühl, mein Leben hart im Griff zu haben. Die Abendstunden, in denen ich eher mit Freunden etwas unternehme oder kreativen Kram mache, fehlen mir nach einer Weile. Dafür erledige ich Dinge, die ich ansonsten während der Arbeitszeit gemacht hätte: Mit der Post via Mail über ein Paket streiten, Spam-Mails löschen, mein Bankkonto checken. Ausserdem bin ich bereits topfit, wenn ich das Büro betrete.

Das heisst: Die ganze Angelegenheit hilft eher meinem Arbeitgeber als dem individuellen Wohlbefinden – gleich wie die meisten Initiativen von FDP oder SVP. Ausserdem decken sich meine Erfahrungen mit den Resultaten aus der Forschung: Nachdem die Umgewöhnungszeit vorbei ist, fällt es mir nach einer Woche laufend schwerer, den aufgesetzten Morgenmensch-Rhythmus beizubehalten. Jetzt bin ich nur froh, wieder bis zwei Uhr nachts an Kram arbeiten zu können, statt um halb fünf am Morgen meine Kaffeetasse zu Tode zu starren.
 


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23 Kommentare

Matti vor 1 Monat
Ich gehe ins Bett wenn ich müde bin (zwischen 21.00 und 21.30) und stehe auf wenn ich von alleine erwache (zwischen 04.30 und 05.00) Wecker habe ich keinen und das funktioniert seit Jahre und ich fühle mich sehr wohl dabei. Am Wochenende kann es sein, dass sich das ganze ein wenig verschiebt.
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Hansi vor 1 Monat
Einfach mal durch machen, dann klappt es auch mit dem rechtzeitigen einschlafen
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Sara vor 1 Monat
Wenn ich frei hab schlafe ich zwischen 15 und 20 Std
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Hulk vor 1 Monat
Stehe jeden Morgen um 04:15 h auf. Zum teil auch um 03:30 h habe kein Problem damit. Gehe immer um die gleiche Zeit ins Bett zwischen 21:00 und 21:30 h
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