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Ich bin der Grösste – oder doch nicht?

Selbstüberschätzung ist keine gute Idee, weder auf dem Fussballplatz noch wenns ums Geld geht. Doch schon ein bisschen Bescheidenheit kann Wunder wirken.

Illustration: Marcel Reich

Neun Siege, null Niederlagen. Bereits wurde bei der Fussballnati von «Weltklasse» geredet. Davon, dass man jeden Gegner schlagen kann. Doch dann kriegt man in Lissabon eins auf den Deckel und kann sich die direkte WM-Qualifikation abschminken.

Klar, Portugal ist ein Top-Team. Doch mit etwas Abstand wird man das Gefühl nicht los, dass mehr drin gelegen hätte. Hätte man sich bloss mehr reingehängt. Doch wer will es Shaqiri und Co. verübeln? Nach der beispiellosen Siegesserie zuvor wurde die Illusion übermächtig, dass man alles im Griff hat.

Den lieben Gott spielen

Hochmut kommt nicht nur auf dem Sportplatz vor dem Fall. Grössenwahn begegnet uns in allen Lebenslagen. Sogar in Situationen, die man realistisch betrachtet gar nicht beeinflussen kann, will man oft den lieben Gott spielen. Kontrollillusion heisst der wissenschaftliche Ausdruck für die Überzeugung, objektiv eindeutig nicht beeinflussbare Vorgänge trotzdem kontrollieren zu wollen. Man ist schliesslich der Grösste – oder doch nicht?

Ein Beispiel dafür sind Glücksspiele. Mal ehrlich: Wer von uns hat nicht schon mit einem besonderen Ritual versucht, die richtigen Lottozahlen heraufzubeschwören? Dabei ist die Wahrscheinlichkeit eines Sechsers immer gleich klein. Egal ob man glaubt, Wärmestrahlen über bestimmten Zahlen auf dem Lottozettel zu fühlen oder nicht.

Der Affe an der Börse

Das Allmachts-Phänomen wurde in den 70ern an der Harvard Universität wissenschaftlich untersucht. Dabei fand man heraus, dass Kontrollillusionen immer dann am stärksten ausgeprägt waren, wenn die Teilnehmer selbst in das Glücksspiel eingreifen konnten – respektive glaubten, eingreifen zu können. Doch die Gewinnchancen waren immer gleich.

Die schlechte Nachricht: Für Grössenwahn anfällig sind wir auch beim Geld. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang das Experiment mit dem Affen an der Börse. In Untersuchungen haben Forscher nachgewiesen, dass ein Schimpanse bei Anlageentscheidungen selbst noch so gewieften Börsenhaien überlegen ist. Das Problem sind wir. Unser Gehirn macht uns zwar intelligent – aber auch anfällig für Selbstüberschätzung.

Warnsignale missachtet

An der Börse kann das teuer werden. Allzu schnell legt man sich eine Vorstellung von der Funktionsweise und der Entwicklung der Märkte zurecht. Verständlich, vor allem wenn man eine Glückssträhne erlebt hat. Wir neigen dazu, Gewinne als Ausweis unserer eigenen Genialität zu interpretieren. Oder wir glauben, gewinnbringende Trends in der Zukunft einfach wiederholen zu können. Doch auch Genies können ganz schön auf die Welt kommen.

Tatsache ist: Wenn es zu gut läuft, wird man leichtsinnig. Das gilt für den Fussball wie für die Finanzen. Die Illusion, alles im Griff zu haben und sogar beeinflussen zu können, verleitet zur Selbstüberschätzung. Man blendet Warnsignale aus und bleibt von sich überzeugt, selbst wenn der Schaden bereits angerichtet ist. 

Kleiner Trost: Es geht allen gleich. Schuld ist unsere Psyche mit ihrer Anfälligkeit auf Selbsttäuschung. Denn eine positive Einstellung und ein gesundes Selbstvertrauen sind durchaus etwas Nützliches. Schliesslich will man im alltäglichen Überlebenskampf – im Büro oder auf dem Sportplatz – nicht auch noch gegen sich selbst antreten müssen.

Nüchtern in der Euphorie

Doch wie verhindert man, dass man auf den GW kommt? Am besten, indem man sich den psychologischen Fallen bewusst wird. Wer die Grenzen der eigenen Einflussnahme akzeptiert und eine Situation auch in der Euphorie nüchtern betrachtet, hat gute Karten. Das hat nichts mit Fatalismus zu tun, sondern mit Bescheidenheit. Und die hat noch nie jemandem geschadet. 

Auch bei Investitionen sollte man daran denken, dass die grössten Fehlerquellen die eigene Wahrnehmung und die eigenen Emotionen sind. Wer sich für den Grössten hält, fällt auf die Schnauze. Umgekehrt kann man dank einer gesunden Portion Realismus auch mit ernsthaften Themen wie Alter und Vorsorge besser umgehen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass man eine WM-Qualifikation auch in der Barrage schaffen kann.


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4 Kommentare

Ueli B vor 18 Tagen
Das sollten unsere Politiker auch mal lesen und über sich selbst und ihr Handeln nachdenken.
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Antwort
Drehdichnichtum vor 19 Tagen
Der Artikel erinnert mich während dem lesen an meine Mutter wenn sie mich mit Geschichten zumüllt die ich schon gefühlte 10'000 mal gehört habe.
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Peter vor 22 Tagen
Ein "Knopf" für den Schleudersitz 😃 und den auch nur vorne beim Piloten 😃
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Schimpansen besser vor 22 Tagen
Sofort alle die Fondsmanager durch Affen ersetzen - oder sind die schon?
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