Wie kriege ich mein Leben wieder in den Griff?

Ständige Verzweiflung und Existenzängste: Unsere Redaktorin steckt in der Midlife-Crisis für Mittzwanziger und findet nicht mehr raus. Was hilft gegen das Gefühl des Verlorenseins?

Jung, erfolgreich, sexy. Äh sorry, da muss ich wohl in der Tastatur verrutscht sein. Ich meinte natürlich jung, erfolgreich, unzufrieden. Wer sich nämlich mit einer Quarterlife Crisis rumschlägt, würde sich am ehesten mit diesen Worten beschreiben. Ich auch. Statt mit tonnenweise Prosecco auf meinen baldigen Uni-Abschluss anzustossen, schiebe ich Panik.

Meine Motivation liegt irgendwo zwischen meiner Schmutzwäsche und dem leeren Altglas der letzten Homeparty, meine Laune tummelt sich gleichermassen irgendwo im Keller und meine momentane Existenz lässt sich gerade nur mit einem Wort beschreiben: Orientierungslosigkeit. Ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben vor einem riesigen, ziemlich unbefriedigend wirkenden Fragezeichen: Was nun?

Die Quarterlife Crisis ist nicht erfunden

Was stelle ich jetzt mit meinem Leben an? Statt den ersten Schritt ins richtige Erwachsenenleben zu machen, zieh ich mir den ganzen Tag Netflix-Serien rein und suche Ablenkung in alkohollastigen Nächten. Ich bin an einem Zeitpunkt angelangt, an dem keine Eltern und keine Behörden mich zum Lernen zwingen und vorschreiben, was im Leben als nächstes ansteht. Irgendwie schön, irgendwie beängstigend.

Wer jetzt mötzlet, dass man mit blutjungen 25 Jahren garantiert noch keinen Grund hätte, depressiv zu werden, sollte jetzt ganz kurz mal still sein. «Krankheiten, die nur bei Erwachsenen vorgekommen sind, treten mittlerweile immer mehr im Kindesalter auf», erzählt uns Kinder- und Jugendpsychologe von Pro Juventute Urs Kiener. Die Quarterlife Crisis gibts also wirklich. «Diese Vorverschiebung von Problemen ist insbesondere auch auf die Zunahme von Optionen zurückzuführen, die letztendlich zu einer Komplexität des Lebens und in der Folge zu Unsicherheit führen», so Kiener.

Zu viele Möglichkeiten

Und wieso bin gerade ich so anfällig auf diese seelischen Tiefpunkte? «Eine solche Krise erfolgt meist, wenn es zu Lebensbrüchen kommt.» Bei jungen Erwachsenen also, die etwa vor Übergangen wie dem Berufseinstieg und dem Auszug von Zuhause stehen würden. Passt ja eigentlich ganz gut als Erklärung für meine momentane Lage. «Plötzlich stehen dem Jugendlichen alle Möglichkeiten offen, aber auch die Verpflichtungen nehmen zu», so Kiener. Und wir fühlen uns unsicher.

Wieso gerade die – Achtung – Generation Y oftmals unter den Umständen leidet, erklärt uns der Psychologe folgendermassen: «Früher gab es nur (einige) wenige Unterschiede zwischen den Lebenswelten der Generationen. Heute ist das anders.» Das Jugendalter, welches die Eltern erlebt haben, würde sich stark von dem der Jugendlichen unterscheiden. Das Resultat: «Den jungen Erwachsenen fehlen die Rollenvorbilder und schliesslich die Orientierung.»

Frustration, Identitätskrise, Depression

Wer noch immer an der Existenz der Quarterlife Crisis zweifelt, hier bitteschön: «Unsicherheit und Orientierungslosigkeit können auch schlimmere Konsequenzen mit sich ziehen», so Kiener. Die dadurch ausgelöste Frustration könne etwa in einer Identitätskrise resultieren, die schliesslich auch zu einer Depression führen könne.

Und wie komme ich nun wieder aus diesem schwarzen Motivationsloch, ohne gleich ärztliche Hilfe hinzuziehen zu müssen? «Bei einer Krise besteht die Gefahr, dass die betroffene Person nur noch die Krise selbst im Blickwinkel hat und alles andere um sich herum ausblendet», sagt der Experte. Oft helfe ein Gespräch mit einem nahestehenden Freund, das aufzeigt, dass es noch weitere Aspekte im Leben gibt, an denen man sich orientieren kann. «Auch ein vertrauliches Gespräch bei der Telefonberatung 147 kann unsere Gedanken aus der negativen Spirale führen und darin unterstützen, Ressourcen und Stärken zu entdecken, auf welchen wir bauen können», so Kiener. Ganz im Sinne von Stärken kennenlernen, um das Selbstwertgefühl zu steigern, ist bei mir darum jetzt Zukunftsplanung statt im Selbstmitleid versenken angesagt. Yay.


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54 Kommentare

Benjamin Button vor 6 Tagen
Sorry, es hat nie jemand gesagt, es sei einfach. Aber warscheinlich wird uns jungen genau das durch netflix & social media vermittelt... also, beweisst, dass ihr das internet im gruff habt und nicht das internet euch. Und ebe; es hät no nie eine gseit, es sig eifach!
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Chlapf Anchopf vor 6 Tagen
Die Jungen werden nicht nur dümmer , sie werden auch immer dünnhäutiger. Wenn dann noch linke Ideale dazukommen wird es richtig mühsam.
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Dein anderes Ich vor 7 Tagen
Gar nicht. Lass einfach den Griff los...
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Walti vor 7 Tagen
.... zieh ich mir den ganzen Tag Netflix-Serien rein....... Das habe ich mir auch schon gedacht, dass ihr solche Redakteure habt, welche den ganzen Tag Netflix schauen! Genau so sind dann auch die Artikel. - Übigens, bei mir hat damals vor vielen Jahren eine veritable Psychotherapie (mit Couch und so) wirklich geholfen.
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