Die Angst, ein langweiliger Massentourist zu sein

Unsere Art zu reisen hat sich drastisch verändert: Generation Y verabscheut den Mainstreamtourismus und setzt dafür lieber auf szenige Underground-Erlebnisse.

Noch nie waren wir vernetzter als wir es heutzutage sind: Für schlappe hundert Franken können wir uns mit Billigfluglinien in andere Zeitzonen katapultieren lassen, um fremde Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen. Wir wollen keine stinknormalen Ferien mehr – wir wollen erleben, wollen reisen.

Dafür verzichten wir auf klassische Sehenswürdigkeiten, die vielen von uns zu klischeebeladen sind: Ob der Eiffelturm in Paris, die Verbotene Stadt in Peking oder der Buckingham Palace in London – wer will schon die immer gleichen langweiligen Schnappschüsse einfangen und sich mit seinem Schiefer-Turm-von-Pisa-Selfie auf Instagram zum Vollidioten machen, wenn er den heissesten Scheiss der lokalen Undergroundszene entdecken und Insider-Tipps ausprobieren kann? Willkommen im Phänomen des «Post-Tourismus».

Der Berliner Kulturwissenschaftler Joahnnes Novy sieht darin die Auswirkungen eines veränderten Begriffs unseres Reisens: «Die Grenzen zwischen Tourismus, Mobilität, anderen Freizeitformen und dem Arbeitsleben sind zunehmend verschwommen. Im Grunde befinden wir uns in einer Zeit nach dem Massentourismus, im Post-Tourismus. Wir sind also alle Touristen – die ganze Zeit», erklärt er im Interview mit «Deutschlandradio Kultur».

Leben, essen und feiern wie die Einheimischen

Der neue Reisetrend dreht sich vor allem um Authentizität und fängt schon damit an, dass wir uns lieber ein heimeliges Airbnb-Apartment buchen als im nächstbesten Stadt-Hotel unterzukommen. Es reicht nicht mehr, die Stadt zu entdecken – wir wollen bitteschön auch so leben, wohnen, essen und feiern wie Einheimische, weil wir uns bewusst vom Massentourismus abgrenzen wollen.

Es gibt gute Gründe, die gegen den klassischen Tourismus sprechen: Manche möchten einfach nicht von Touristengruppen überrannt werden und sich an Aussichtsplattformen die Beine in den Bauch stehen. Post-Touristen möchten entdecken und erleben – ohne Plan und Zeitdruck. Das bestätigt uns auch Sandra Studer, Mediensprecherin des Reiseunternehmens «Globetrotter»: «Wir merken, dass die Leute persönlicher reisen wollen, um in Berührung mit anderen Kulturen zu kommen, an ihre Grenzen zu gehen und sich selbst wieder zu spüren.»

Post-Tourismus macht die Stadt kaputt

Doch ironischerweise seien es laut Novy gerade die Post-Touris, die zwar für eine Aufwertung der Stadtviertel, steigende Umsätze und neue kulturelle Einflüsse sorgen. Gleichzeitig seien sie aber auch mitverantwortlich dafür, dass die ursprüngliche Stadt verschwindet. Stichwort Gentrifzierung: Wohnraum wird durch Ferienunterkünfte blockiert, Restaurants reihen sich an Restaurants und immer mehr Anwohner müssen nach und nach das Feld räumen, damit das beliebte Underground-Viertel für die Armada von Rollkoffern und das feierwütige Partyvolk genug hergibt.


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11 Kommentare

Ursprünglicher Römer vor 6 Monate
Stimmen tut höchstens dass die neuen Einflüsse durch all die massentouris und die riesige immigration dafür sorgen, dass die eigentliche Stadt mehr und mehr verschwindet.. War erst grade in rom und dort gibt's jetzt keine einzige RICHTIGE italienische Bar mehr, nur noch hallal döner/pizza(?!!)-buden, die aber von bangladeshi geführt werden.. Die Römer leben daneben in einem paralleluniversum und haben abseits ihre eigene kultur. Wenn man weg von dummen touristen, Dönerbuden, all den fake-caffès, die soja-latte anbieten, all den immer wieder exakt gleichen souvenirläden vom chinesen, will, muss man unweigerlich 20 minuten laufen. Nicht mal einen anständigen kaffee bekommt man noch in der innenstadt.. Eine schande. Und ja, essen, kann man überall. Und zwar überall die gleichen 30 römischen spezialitäten. In jedem noch so kleinem cafe kann man vom antipasto bis zum secondo alles haben. Natürlich convience aus der mikrowelle.. Leckaaaah
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Antwort von BitteWas vor 6 Monate
Na na, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Gerade die heutige Technik (z.B. TripAdvisor) ermöglicht es, die Touristenfallen auszusortieren und wirklich gute Restaurants auch ohne Ortskenntnisse zu finden. In Rom kann ich das Picola Bucca und das Bernini empfehlen, beide liegen mitten in den Touristengebieten und trotzdem wirklich gut. Also ich finde, das eigentliche Rom gibt es sehr wohl und der Tourismus gehört einfach zu einem gewissen Grad zu Rom. Und wenn man mit offenen Sinnen durch Rom wandert, sieht man es auch. Dass es viele Touristen gibt, deren Hauptbeschäftigung das Starren aufs Smartphone und das Schiessen von Selfies zu sein scheint, ist mir auch aufgefallen - die sehen vieles natürlich nicht, sie wollen es wahrscheinlich auch gar nicht sehen. Aber wenn man will, kann man in Rom viel schönes sehen und sogar mit Einheimischen reden. Ich empfehle, möglichst früh raus - 5 Uhr oder früher, dann ist die Stadt noch frisch und still und kaum Touristen unterwegs. Besonders in der Villa Borghese ist es dann unglaublich angenehm. Ich jedenfalls konnte stundenlang in der Pferderennbahn sitzen und dem Gras beim Wachsen zuschauen.
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gogg vor 6 Monate
Bin ich froh, hab ich keine sozialen Netzwerke. Da muss ich mir wegen dummen Selfies keinen Druck machen und niemandem beweisen, wie toll meine Ferien waren und wie ach so geil mein Leben ist. Ist doch eh alles nur Show. Einfach hingehen, alle andern mal vergessen und einfach geniessen. Gibt nichts besseres für die Ferien.
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Jan vor 6 Monate
Deshalb besuche ich diesen Sommer Chernobyl!
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