«Niemand würde sich seine Narben entfernen lassen»

Für ein Projekt zweier junger Schweizerinnen ziehen Freunde und Fremde blank: Sie zeigen ihre Narben und erzählen, woher die Verletzungen stammen.

Die meisten von uns besitzen wohl irgendwo eine Schramme vom blutig endenden Kletterausflug auf ein Klettergerüst oder eine etwas schwerwiegendere Narbe, die nicht nur von kindlichem Leichtsinn stammt. Während einige sich von ihren kleinen und grossen Kratzern gebrandmarkt fühlen, sehen andere das Überbleibsel ihrer Verletzungen vielmehr als Erinnerungsstück.

Für das Projekt «Gezeichnet» fotografierten die beiden jungen Schweizerinnen Claudia Gschwend und Karin Zweidler Freunde und Fremde mit verheilten Wunden und fragten nach der jeweiligen Geschichte dahinter. Statt sich aber auf Schnitte von Papierrändern und Nähnadelunfälle in der Handarbeit zu beschränken, zeigen die beiden 26-Jährigen vielmehr die wohl verletzlichsten Momente der Fotografierten – wie etwa Narben von schweren Autounfällen vom Selbstfindungstrip auf Neuseeland, das Resultat eines verkackten Tricks auf dem Snowboard, das nun auf einem Bauch prangt, oder Spuren der Selbstverletzung.

«Der Redebedarf war gross»

«Es ist interessant, hinter die Fassaden der Menschen zu blicken», erzählen die St.Gallerin und Zürcherin. Und Narben seien eine gute Methode dazu. «Viele Menschen haben zwar irgendwo eine verheilte Wunde, doch es steckt viel mehr dahinter als nur das Überbleibsel einer alten Verletzung.» Statt immer nur perfektionierte Portraits zu gestalten, wollten Claudia und Karin mit ihrem Projekt zeigen, dass auch Narben etwas Ästhetisches sein können.

Die Modelle für ihr Projekt haben die zwei jungen Frauen online mittels eines Inserates gefunden: «Tatsächlich haben sich ziemlich viele Menschen darauf gemeldet. Der Redebedarf war offensichtlich gross.» Nebst stigmatisierten mit grösseren Fetzen wortwörtlich eingefleischter Erinnerungen, sind aber auch Menschen mit weniger auffälligeren Kratzern auf die Macherinnen zugekommen. Darunter finden sich etwa ein kleiner Schnitt im Finger – wie ihn wohl die meisten von uns Millennials vom Avocado-Schneiden kennen – oder eine Schramme vom Schaukelunfall aus Kindestagen.

«Die Narben sind ein Teil von ihnen»

Obwohl die beiden kreativen Köpfe auch mit dem Gedanken spielten, banalere Wunden miteinzubeziehen, entschieden sie sich schliesslich für Narben-Bilder von Menschen mit tragischeren Hintergründen. Und obwohl die Teilnehmer des Projektes durch den kleinen Makel am Körper ständig an schicksalhaftere Tage erinnert werden, will ihn keiner loswerden: «Niemand würde seine Narbe entfernen lassen, wenn es eine Möglichkeit dazu gäbe. Denn sie hat jeden einzelnen von ihnen geprägt.» Und sie gehört schliesslich genauso zum Körper wie die krumme Nase oder der übermässig grosse Zeh am linken Fuss.

Einzig die beiden fotografierten Frauen, deren Arme nur so von Narben ihrer Selbstverletzung übersät sind, würden gerne etwas daran ändern. «Sie hätten die Striche gerne etwas symmetrischer», so Claudia und Karin. Irgendwie eigenartig und dennoch verständlich – schliesslich sehen sie die Spuren ihrer Vergangenheit wohl täglich.

Menschen, die sonst nichts gemeinsam haben, hätten sich durch das Projekt verbunden gefühlt: Ein cooler Snowboarder mit vernarbtem Bauch, ein alter Schlagerliebhaber mit Spuren einer schweren Verbrennung über den ganzen Oberkörper und sich selbstverletzende junge Frauen. Und auch wir fühlen mit, selbst wenn unsere Narben nicht ganz so ausgeprägt sind.


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44 Kommentare

Glücksbringer vor 5 Monate
Wir sind alle Kunstwerke! Gezeichnet vom Leben. ~Namaste
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Antwort von m.k. vor 5 Monate
Oh, weise Worte.
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Antwort von m.k. vor 5 Monate
Sorry, falsches Video😃
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Antwort von Tine vor 4 Monate
der Oberkörper meines Lebensgefährten in seiner vom Leben geschaffenen Gestaltung ist einmalig. Keine schnöde, glatte Haut, sondern wild geschwungene plastische Strukturen, wie es kein Künstler vermag,
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