Warum wir mehr fluchen sollten

Von klein auf wird uns eingetrichtert, dass wir nicht fluchen sollen. Scheiss drauf. Es gibt triftige Gründe, warum wir uns auf keinen Fall daran halten dürfen.

«Du Hurensohn!»

Ein Wort, das eine unglaubliche Wirkung hat auf alle Anwesenden. Ich bin mir sicher, dass schon Leute gestorben sind wegen diesem Wort. Dabei ist es nur ein Ausdruck! Man gibt ihn mithilfe von Stimme und Mund von sich und nichts, aber wirklich gar nichts ändert sich, nachdem er fällt. Ausser eben der Tatsache, dass der Beschuldigte kurz schwarz sieht, weil man seine Mutter beleidigt hat. Weil die Mutter ja automatisch zur Prostituierten mit Silikontitten, einer Tonne Make-Up und 12cm-High-Heels mutiert, wenn das Wort fällt. Lächerlich. Ich behaupte: Es würde der Menschheit massiv helfen, wenn wir alle mehr fluchen würden.

Fluchen lindert Schmerzen

Fluchen ist ein Ventil und tut der Seele gut. Man flucht schliesslich nicht einfach so. Man flucht um zu zeigen: Ich bin wütend, ich bin traurig, ich muss Druck ablassen! Richard Stephens, Psychologe an der Universität von Keele in England, hat herausgefunden, dass Fluchen sogar Schmerzen lindern kann. Dies, nachdem er seine Frau bei der Geburt des ersten Kindes so fluchen hörte, wie er es zuvor von ihr nicht kannte. Daraufhin liess er Probanden ihre Hände in Eiswasser halten, solange sie es aushielten und erlaubte einer Gruppe, dabei so stark zu fluchen, wie sie nur wollte. Das Resultat: Die Flucher hielten es durchschnittlich 40 Sekunden länger im Eiswasser aus als die brav Schweigenden.

Ausserdem kann ein präzise platziertes Fluchwort dabei behilflich sein, Selbstbewusstsein zu tanken, auf sich aufmerksam zu machen oder sich sogar Leute vom Hals zu schaffen, auf die man keine Lust hat. Denn viele — nennen wir sie mal «zivilisierte Bürger» — gehen automatisch davon aus, dass es sich bei fluchenden Menschen um Unterbelichtete handelt. Dabei hat Stephens ebenfalls herausgefunden, dass ein mit Fluchwörtern gefüllter Wortschatz nichts mit der Intelligenz des Nutzers zu tun hat.

Wir sind Fluchwort-Voyeure

Es gibt aber noch mehr Gründe, wieso wir mehr fluchen sollten. Ist dir schon mal aufgefallen, dass Serien oder Filme, in denen viel geflucht wird, besonders erfolgreich sind? In «Wolf Of Wall Street» wird 569 mal das Wort «Fuck» gebraucht. Das sind 3.16 «Fucks» pro Minute. Trotzdem war der Film einer der erfolgreichsten von 2013. Es scheint also niemanden zu stören, wenn Leonardo DiCaprio drei Stunden lang mit Fluchwörtern um sich schmeisst. Und er ist bei Weitem nicht der einzige: Filme wie Scarface, Casino, Goodfellas und praktisch alle Tarantino-Streifen leben von ihren unzähligen «Shits» und «Motherfuckers». Wieso ist es dann ein Problem, wenn es Normalos tun? Lächerlich.

Wir fluchen seit wir denken können

Dabei ist das Schimpfen doch schon seit Ewigkeiten in unserer Gesellschaft verankert. Schon in der Bibel wurden Menschen als «Giftschlangenbrut» oder «Otterngezücht» (Matthäus 23.33) beschimpft. Auch die alten Römer waren sehr geschickt, was das Fluchen betrifft. Der römische Dichter Catull schrieb in seinen Gedichten etwa von Bastarden («Irrumator»), Dirnen («Lupa») und dass sich Leute verpissen sollen («Perite!). Auch im Krieg wurden Fluchwörter benutzt: Die Russen etwa versahen im zweiten Weltkrieg ihre Munition mit dreckigen Schriftzügen, die die eigenen Soldaten im Kampf gegen die Gegner motivieren sollten. Fluchwörter sind also ein treuer Begleiter der Menschheit.

Lasst den «Fucks» und «Shits» freien Lauf!

Wer das Fluchen verbietet, macht es spannend. Wenn gewisse Flüche nicht die Reaktion herbeirufen würden, die sie tun, dann hätten pubertierende Kids keinen Anreiz daran, sich Wörter wie «Wichser» und «Arschloch» an den Kopf zu werfen. Oder anders gesagt: Welcher Mann ist kein «Wichser»? Jeder über 14-Jährige der jetzt mit «Ich» antwortet, ist ein Lügner und deshalb ein Arschloch. No offense.

Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Trotzdem regen sich Menschen über Fluchwörter auf, die keinerlei Auswirkungen oder Konsequenzen mit sich tragen. Oder soll mir einer erklären, wieso ein Kind aufgrund der phonetischen Aussprache von «Hurensohn» heraushört, dass die Mutter des Beschuldigten Sex für Geld anbietet. Lächerlich. Und ausserdem stossen die Kinder früher oder später in ihrer Peer-Group auf noch viel schlimmere Wörter. Man kann die Flucherei, die schon früh beginnt, also nicht verhindern. Deshalb sollten wir alle über unseren Schatten springen und öfters und bewusster fluchen. Verfickt nochmal.

Wie stehst du zum Fluchen? Lass es uns in den Kommentaren wissen.


Kommentar schreiben

28 Kommentare

André vor 2 Jahre
Fluchen soll helfen Luft rauszulassen? Mal ehrlich, da sieht man mal wie die Welt heutzutage ist. Ich bin selbst 18 aber ich kann Wut und Frust auch anders abbauen und muss das nicht nicht auf Kosten meines Umfeldes machen. Und beleidigen muss ich sowieso niemanden! Wenn ich gestresst bin schrei ich halt mal einfach laut und verletze so niemanden! Aber jemanden zu beleidigen ist ja halt cool. Passt zu 90% der heutigen Jugendlichen.
4
2
Antwort
vor 2 Jahre
"Wir befinden uns im 21. Jahrhundert." Okay, und deshalb ist es okay wenn ich jemandem ins Gesicht sage er sei ein Hurensohn? Sicher, wie cool ist das denn ständig Fluchwörter zu hören als ob man nicht normal sprechen k
2
1
Antwort
Tarome vor 2 Jahre
Also ich fluche auch wenn mir ein Missgeschick passiert. Aber eine Person fluchend zu beleidigen, ist ein absolutes No go. Jedoch finde ich die Aussage spannend, dass Fluchen Schmerzen lindert. Dies mag ja so sein, in dem Moment, wenn der Schmerz zugefügt wird. Jedoch bei einem Schmerzpatienten (bin selber betroffen) hilft dies sicher nichts, sondern schafft eher ein neues Problem im Sozialen Umfeld.
1
1
Antwort
Marie vor 2 Jahre
Mir wurde immer gesagt, eine Dame flucht nicht. Tja... Dann bin ich wohl keine Dame. Ich fluche zu viel, zu oft, andauernd und eigentlich immer.
2
2
Antwort
video
«Vine» kommt zurück und alle so «Yaaas!»

«Vine» kommt zurück und alle so «Yaaas!»

Die 10 reichsten Youtuber sind 123 Mio. wert

Die 10 reichsten Youtuber sind 123 Mio. wert

«Ich würde mir nie Kassetten kaufen!»

«Ich würde mir nie Kassetten kaufen!»

Auf ein Bier mit einem Verschwörungs­theoretiker

Auf ein Bier mit einem Verschwörungs­theoretiker