«Verpiss dich, Mann! Ich hab null geschlafen!»

Der Komponist Max Richter spielte vergangenes Wochenende sein achtstündiges Stück «Sleep» – vor einem Publkum, das in Ikea-Betten zu schlafen versuchte.

Samstag, kurz nach 22 Uhr:
Als ich die Halle 622 in Oerlikon betrete, ist mein erster Gedanke «Der Geruch kommt mir bekannt vor!» – und tatsächlich: Es riecht nach Ikea, dem Hauptsponsor des Abends. Dieser unverwechselbare Duft nach Holz, Kunststoff, Kaufrausch und Verzweiflung, den wir alle nur zu gut kennen, erfüllt den Ort, an dem heute das kulturelle Highlight des Sommers stattfinden soll. Hipster, Blogger, Kulturfans aus der ganzen Schweiz versammeln sich eine Nacht, um sich in ihre elegantesten Pyjamas zu werfen träumend der Musik von Max Richter zu lauschen.

Wie ein fancy Ferienlager

Der weltbekannte britische Komponist gibt eines seiner berühmt-berüchtigten Schlafkonzerte. Und der Name ist Programm. Das Publikum darf sich in extra aufgestellte Betten legen, während der Künstler mit Ensemble sein Stück «Sleep» zum Besten gibt. Das Werk dauert genau acht Stunden und ist – was auch sonst – ein Schlaflied. Die Musiker spielen die gesamte Zeit ohne Pause durch, während die Gäste dazu aufgefordert werden, ruhig einzuschlafen. Gehört wohl zur Performance.

Auch mir wird ein kuscheliges Nest angeboten, ich lehne dankend ab. Ferienlager waren immer mein Albtraum und ich habe wirklich keine Nerven dafür, meine Kindheitstraumata hier, inmitten einer riesigen Menge Fremder, wieder aufleben zu lassen. Ausserdem kann ich ganz gut darauf verzichten, mir die Schlafgeräusche und -gerüche anderer Leute reinzuziehen. Ich werde also bei Gelegenheit abhauen und mich zuhause ein Weilchen hinlegen. Das Konzert dauert ja lange genug und man kann jederzeit wiederkommen.

Beim ersten Date miteinander ins Bett

Kurz bevor um Mitternacht das Spektakel losgeht, sind alle Schlafstätten mit erwartungsvollen Fans gefüllt. Ich treffe sogar einen alten Kollegen, der doch wirklich die geniale (?) Idee hatte, sein Date hierher auszuführen. Eine kultiviertere Art, jemanden beim ersten Treffen ins Bett zu kriegen, kann ich mir bei bestem Willen nicht vorstellen. Chapeau!

Die Musik setzt ein, das Licht wird auf ein Minimum gedimmt und schon nach der ersten Viertelstunde bereue ich meine Entscheidung nicht, mich gegen eine Übernachtung hier ausgesprochen zu haben. So interessant das Konzept auch sein mag und so angesehen Herr Richter in der Musikwelt auch ist – ich kann mir schwer vorstellen, dass das man bei diesem doch sehr monotonen und vor allem unglaublich lauten Gespiele eine gute Portion erholsamen Schlafes finden wird. Aber wer weiss? Vielleicht bin ich auch nur ein ganz fürchterlicher Kunstbanause. Ich mache mich mal auf den Heimweg...

Sonntag, ziemlich genau 7 Uhr 30:
Nicht wirklich ausgeschlafen, aber immerhin nach einer Nacht in den eigenen vier Wänden, bin ich zurück am Ort des Geschehens. Schon beim Ankommen höre ich die Musik durch die dicken Wände der Halle. Es ist noch immer das gleiche Lied, die gleiche Melodie, wie gestern. Nicht per se unangenehm, aber auf die Dauer wohl etwas nervtötend. Erinnert mich ein bisschen an die CDs, die sich meine Mama Anfang der 2000er in ihrer Esoterik-Ambient-Ayurveda-Phase immer gekauft hat. Die hatten dann so klingende Namen wie «Shiva Chillout» oder «Buddha Lounge».

Die meisten Leute im Saal scheinen schon (oder noch immer?) wach zu sein. Eigentlich hatte ich vor, mir ein paar persönliche Eindrücke durchgeben zu lassen und Fotos zu schiessen. Das Problem: Kaum jemand hat Lust, sich nach einer wohl ziemlich schlaflosen Nacht mit Morgenmundgeruch, zerknautschtem Gesicht und schlechter Laune für die Zeitung ablichten zu lassen. Die Reaktionen auf mein Aufkreuzen bewegen sich zwischen «Ja, es war ganz  … interessant. Nein, bitte nicht filmen. Bitte auch keine Fotos!», «Lassen Sie mich in Ruhe!» und «Verpiss dich, Mann! Ich hab null geschlafen!»

Ich nehms einfach mal nicht persönlich. Hätte selbst vermutlich viel ausfallender reagiert. Was auffällt: Der Enthusiasmus hält sich in Grenzen. Einen vor Glücksseligkeit debil grinsenden Superfan, den das Erlebnis in neue Sphären katapultiert hat und der sein Leben nun vollkommen überdenken will, suche ich vergebens. Der Grundtenor geht allgemein eher in Richtung: «Schlecht geschlafen, gebt mir Kaffee!»

Schwedische Smoothies vs. Respekt und Anstand

Um Punkt acht Uhr hört die Musik dann unvermittelt auf, eine fast unheimliche Stille tritt ein. Nach einigen verwirrten Augenblicken, in denen irgendwie niemand genau weiss, was eigentlich los ist, gibts dann doch noch den wohlverdienten Applaus für den Klassik-Superstar und sein Team. Viele aus dem Publikum stürmen schon das Frühstücksbuffet mit schwedischen Smoothies, während sich Max Richter und Ensemble noch standesgemäss verbeugen. Ein bisschen respektlos, wie ich finde. Das Buffetstürmen, nicht das Verbeugen. Acht Stunden Musik vor dem wohl schläfrigsten Publikum aller Zeiten spielen – ohne Pause! Das ist in der Tat eine Leistung.


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8 Kommentare

Tough Rough vor 2 Monate
Tja, da will jemand "cool" sein und uns sagen: ha, ich muss doch nicht wirklich da sein und kann trotzdem drüber labern! Ist aber vor allem doof, irgendwie spätpubertär. Wer in so jungen Jahren nicht mal den "Mut" (haha) aufbringt so etwas Aussergewöhnliches wie dieses Konzert (oje, inklusive Schlafgeräusche fremder Menschen!) mitzuerleben, tut mir leid. Ihr werdet wohl bald noch vor dem Tramfahren Angst kriegen oder nicht mehr in die Migros gehen (dort hats imfall fremde Menschen! Die machen Geräusche!). Nackt schlafen tut ihr ja auch nicht, wie es anderswo zu lesen ist...
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Hank T. vor 2 Monate
Meine Güte...ich kann nicht schlafen wenn andere mit dabei sind... bünzliger geht's ja kaum, auch wenn's der Autor selber nie zugeben würde, oder könnte. Dann nach Schlaf in eigenem Bett über etwas urteilen an dem man nicht mal selber teilgenommen hat (da man zu bünzlig ist), ist dann schon sehr schwach.
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Sebo t vor 2 Monate
Auf watson wird der gleiche event gabz anderst bewertet. Aber reife Leistung, etwas zu bewerten, an dem man nicht mal teilnahm.
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Schlafmütze vor 2 Monate
Vielleicht sollte man sich auf die Sache einlassen, bevor man darüber schreibt. Oberflächlicher geht's ja wohl nicht.
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