Maturaarbeit wird Sprachrohr für Hip-Hop-Szene

Das Schweizer Hip-Hop-Magazin «Lyrics» begann als Maturaarbeit und ist heute das Sprachrohr der CH-Szene und Medienpartner des Openair Frauenfeld – dank der harten Arbeit eines 22-Jährigen.

Das erste Mal traf ich Elia Binelli, den Typen hinter dem «Lyrics»-Magazin, an der Albumrelease-Party von Genetikk in Berlin. Damals war er ziemlich entspannt drauf. Klar, ein bisschen in Berlin feiern und eine fette Rap-Show ansehen – das kann man ziemlich relaxt angehen. Für den 22-Jährigen ist das mittlerweile aber eine Seltenheit. Gerade wenns um Hip-Hop geht.

Üblicherweise ist er nämlich ziemlich auf Draht. Dieses Wochenende – am Openair Frauenfeld – ganz besonders. Denn was vor drei Jahren als Maturaarbeit in seinem Kinderzimmer begann, hat sich zu einem Medienpartner des grössten Hip-Hop-Festivals von Europa gemausert. Eine reife Leistung.

Wer macht denn heute noch Print?

Doch beginnen wir von vorne. 2014 plante Binelli seine Maturaarbeit: Ein Print-Magazin für die Schweizer Hip-Hop-Szene – das bisher einzige seiner Art. «Ehrlich gesagt: Die Idee war eigentlich strohdumm», sagt er. Man muss nicht in der Medienbranche arbeiten, um zu wissen, dass gedruckte Zeitungen und Zeitschriften am Aussterben sind. Deswegen startete er damals auch mit wenig Ambitionen: «Ich hatte nie den Plan, das Magazin gross aufzuziehen», sagt Binelli. «Eigentlich wollte ich nur eine gute Note abkassieren und fertig.»

Aber die erste Ausgabe kam gut an. Zu gut, um sie einfach im Archiv der Kanti Büelrain in Winterthur versauern zu lassen, wie viele andere Maturaarbeiten, die halbgar vom Bienensterben oder Tupacs Tod berichten. 500 Exemplare des ersten «Lyrics» versandte Binelli gemeinsam mit seinem Kollegen Severin Gamper, der heute noch fürs Layout zu ständig ist.

Street Creds erarbeiten

«Natürlich gab es auch ein paar alteingesessene, konservative Hip-Hop-Szenis, die mit uns nicht so schnell warm wurden», sagt Binelli. In einer Szene, die grundsätzlich gerne mal ein bisschen Ellbogen zeigt – «sie lebt schliesslich auch von der Competition» – muss man sich zuerst mal Street Credibility erarbeiten. Gerade wenn man seit Anfang zwanzig mit der Idee daherkommt, man könne ein Sprachrohr für den CH-Rap erschaffen, dürfte man es wohl schwer haben.

«Aber es gibt halt niemanden anderen, der sich der Szene in dieser Form annimmt», sagt Binelli. «Deshalb funktioniert das Magazin wohl gut.» Wenn man ihn hier am «Lyrics»-Stand am Openair Frauenfeld trifft, begreift man auch rasch wieso. Er besitzt ein Händchen fürs Zwischenmenschliche, versteht die wirtschaftlichen Grundlagen genau so gut wie Instagram-Filter und last but not least: Er und seine Crew arbeiten verdammt hart.

Grosses «Lyrics»-Universum

Neben den vier jährlichen «Lyrics»-Ausgaben mit je rund 80 Seiten und einer Auflage von 6000 Exemplaren pflegt seine Crew auch eine aktualitätsbezogene «Lyrics»-Page, organisiert ein Festival, dreht Musikvideos für Rapper, vergibt CH-Hip-Hop-Awards und derzeit besucht Binelli auch gerne Schulen, um jungen Kids Rap-Workshops zu geben.

Der Hustle ist hart: Binelli arbeitet rund um die Uhr fürs «Lyrics». Unterstützt wird er von rund fünfzehn Freiwilligen und Emanuel Ernst, der ihm beim Organisatorischen unter die Arme greift. Erst nach drei Jahren springt dabei etwas Geld heraus, mit dem er sich das Überleben finanzieren kann. Davor mussten er und seine Freunde ziemlich viel Geld investieren, damit das Magazin anläuft. «Aber ich lerne dabei verdammt viel», sagt Binelli. «Studierende müssen sich auch Schulbücher kaufen und verdienen kaum etwas. Solange ich also etwas tun kann, was mir am Herzen liegt, finde ich es vollkommen okay, nur wenig Kohle zur Verfügung zu haben.»

«Einfach machen»

Während morgen alle Hip-Hop-Fans das Openair-Gelände verlassen und ins Real Life zurückkehren, hört der Struggle für Binelli noch lange nicht auf. Schliesslich kommt bald die nächste Ausgabe, der nächste Videoclip, der nächste Hip-Hop-Workshop. «Viele Leute in meinem Alter haben zwar viel Energie, aber stellen damit doch nichts an. Vielleicht sehen sie die Möglichkeiten auch gar nicht», sagt Binelli. «Ich hingegen möchte einfach etwas reissen. Nicht nur weil wir mittlerweile gegenüber der Hip-Hop-Szene eine Verantwortung tragen – sondern auch weil ich den Job einfach liebe.»


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18 Kommentare

Mythos CH Hip Hop Szene vor 4 Monate
Diese Szene existiert so nicht. Da wo sie den Namen verdient, bekommt ihr nichts mit. Wenns ganz hoch kommt, tötet La Base mal kurz in diesem peinlichen Staatsradiofernseh-"Cypher"...
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CHRAPFAN vor 4 Monate
Dieses Format hab ich mir am Anfang mit heftiger Vorfreude gegönnt und durfte dann feststellen, dass es sich, wie Veranstalter und Manager in der Schweiz, immer nur auf die gleichen 8 Namen reduziert. Mehr typische Schweizerische Vätterlischeisse als wirklicher Journalismus. Da ist man besser informiert, wenn man selber nach Perlen im CH Rap diggt...
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Antwort
oder nein oder wie oder was vor 4 Monate
ein Thor wer böses denkt
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Antwort
Slick Nick vor 4 Monate
"Ein Print-Magazin für die Schweizer Hip-Hop-Szene – das bisher einzige seiner Art" Lieber Autor Jahrgang 2000 oder was?
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Antwort
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