Angst vor der Lehre? Hatten wir auch

Schlechtes Zeugnis, Unsicherheit bei der Berufswahl, langweilige Schnuppertage: Lehrstellensuche ist ein Krampf – davon können auch wir ein Liedchen singen.

Die Lehrstellensuche ist ein Weg in eine ungewisse Zukunft und eine mühselige Angelegenheit: Wie es dir heute geht, erging es uns als Teenager auch. Julians Zeugnis war sein grösstes Problem auf der Lehrstellensuche. Maja legte nach ihrer Ausbildung eine Karriere-Kehrtwende ein. Ronny wurde bei der Schnupperlehre schikaniert. Lisa dachte über einen Lehrabbruch nach. Wir wollen dir mit unseren Erfahrungen die Wahl nach einer Lehre etwas erleichtern und beantworten die Fragen, die uns damals schon beschäftigt haben.

Für welche Lehre soll ich mich entscheiden?

Maja: Ganz wichtig: Hör auf dein Herz. Und sei offen für jegliche Tipps von deinen Eltern, deinen Lehrern und Freunden. Lass dich aber auf keinen Fall von jemanden beeinflussen. Horche in dich rein, überlege dir, wo deine Stärken liegen und was dir Spass macht. Eine Schnupperlehre kann dir helfen, wenn du dich zwischen mehreren Lehren nicht entscheiden kannst. Übrigens haben meine Eltern dafür plädiert, dass ich das KV machen soll. Ich aber entschied mich fürs Haareschneiden – auch wenn fast niemand Verständnis für meine Wahl hatte.

Ist die Lehre für meine ganze berufliche Zukunft entscheidend?

Maja: Nein, auf keinen Fall. Die Lehre legt zwar den Grundstein deiner beruflichen Zukunft. Es ist aber nicht in Stein gemeisselt, dass du den Rest deines Lebens nur diesen einen Beruf ausüben musst. Ich habe eine dreijährige Lehre zur Coiffeuse absolviert. Nach der LAP hatte ich keine Lust mehr aufs Haareschneiden. Dank einer Weiterbildung und etwas Biss bin ich im Alter von 28 Jahren in meinem Traumjob angekommen – in dem der Journalistin.

Musst du direkt nach der Oberstufe eine Lehre machen?

Julian: Wenn du das Gefühl hast, dass du noch nicht bereit für die Berufswelt bist, lass dich nicht dazu drängen. Ich bin aus der Oberstufe gekommen, als ich gerade 15 Jahre alt geworden bin. Ich wusste nicht wirklich, wohin der Weg gehen soll – auch weil meine Noten nicht berauschend waren. Im zehnten Schuljahr hat sich bei mir dann ein Knopf gelöst. Einerseits gaben mir neue Lehrer und Mitschüler neuen Schwung, andererseits verschwand meine Leseschwäche. Plötzlich war ich Klassenbester, statt mich gerade mit genügenden Noten über Wasser halten zu müssen.

Gewährt eine Schnupperlehre immer Einblick in den Alltag eines Lehrlings?

Ronny: Nein. Ich warte noch heute, 23 Jahre später, auf die Entschuldigung der Verantwortlichen meines einzigen Schnuppermoments. Diese sollte lauten: «Sorry, wir haben dir ein Teil deines Lebens gestohlen.» Ich verbrachte vier Tage in einer Zweigstelle eines nationalen Industriekonzerns und mühte mich mit der stoischen Ruhe der kaufmännischen Abteilung sowie deren Mitarbeitern ab. Mir wurden Aufgaben übertragen, bei denen sogar ein Primarschüler unterfordert gewesen wäre: Ordner sortieren, Papier beigen, Ordner sortieren, Listen sortieren, Ordner sortieren oder Kopien anfertigen. Die anfängliche Ehrfurcht vor dem so ernsten Berufsalltag schlug bereits nach einem Tag zuerst in Langeweile, dann Verzweiflung und schliesslich in Rebellion um. Statt Dinge zu sortieren, fing ich an, mich über die grauen Büromäuse lustig zu machen. Sie amüsierten sich prächtig, vermissten mich später («Du bisch de luschtigscht Schnupperschtift gsii.») und ich wusste: Eine kaufmännische Ausbildung? Nur über meine Leiche.

Lass dich nicht von Absagen unterkriegen

Julian: Bewerbungen zu schreiben, ist eine mühsame Fleissarbeit, die sich manchmal nicht auszahlt: Erste Wahl sind bei gewissen Firmen immer die Musterschüler. Ich habe in der Oberstufe knapp 50 und im zehnten Schuljahr noch mal so viele Bewerbungen geschrieben. Daraus resultierten gerade mal ein Vorstellungsgespräch: Weil dieser Lehrmeisterin mehr an der Persönlichkeit als an den Noten lag, habe ich die Lehrstelle schliesslich auch erhalten. Dazu hat sicher etwas Glück gehört, aber bei einer Chance von 1:100 gelingt dir auch ein Treffer für eine Lehrstelle.

Während der Lehre: Soll ich sie durchziehen oder abbrechen?

Lisa: Es gab sie. Die Arbeitstage, an denen ich mich unter meinem Pult verstecken, mich selbst umarmen und in Embryo-Stellung vor meinen Aufgaben verstecken wollte. Tage, an denen ich mir lieber die stinkigen Socken meines Bruders über den Kopf gezogen hätte, als bei der Arbeit aufzutauchen. Meine Mitstiften und –schüler sangen das gleiche, traurige Lied. Dabei waren unsere Lehrstellen rückblickend wunderbar. «Einen Durchhänger» nannten es meine Eltern. Das sei völlig normal. Kein schöner Ausblick aufs Erwachsenwerden, dachte ich mir. Ich sprach mit meiner Mutter über das Abbrechen meiner Lehre. Für die Entscheidung musste ich auf etwas zurückgreifen, was in diesem Alter am schwierigsten ist: Vernunft. Werde ich schlecht behandelt? Widerspricht die Arbeit meinen Wertvorstellungen? Das war alles nicht der Fall und ich hielt durch. Und bin selbst jetzt – 16 Jahre später – immer noch etwas stolz darauf.


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37 Kommentare

Barbarella vor 2 Jahre
Die Lehrzeit und Ausbildungsplatzsuche war bei mir (vor 15 jahren) die schwierigste Zeit in meinem Leben. Bin ein sehr organisierter Mensch weshalb mir meine Mutter zum KV riet, doch alle Lehrer und Ausbilder meinten ich sei zu schlecht in Mathe ich soll lieber in den Detailhandel. Naiv wie ich war machte ich das und hatte immer merh Angst am Morgen aufzustehen weil Verkauf nun mal überhaupt nicht mein Ding ist. Nach einem Jahr bekam ich üble gesundheitliche Probleme und brach die Lehre ab. Hab dann doch eine KV Lehre gefunden (plötzlich hat die Seknoten niemand mehr interessiert da ich shcon ein lehrjahr hinter mir hatte). Die KV Lehre war kein Zuckerschlecken da ich schlechte Ausbilder hatte aber ich habs (mit nochmaligem Firmenwechsel) durchgezogen und bestanden. Falls jemand meint ihr müsst in Mathe gut sein fürs KV, das stimmt nicht, denn im KV hat man Buchhaltung und keine algebra usw. Merkt euch, die Zeit der Lehrstellensuche und die Lehrzeit ist die schwierigste Zeit im Leben. Wenn ihr durchhaltet wird es danach besser.
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Stolzer Handwerker vor 2 Jahre
Ich habe vor 5 jahren eine Lehre auf dem Bau als Maurer EFZ abgeschlossen. Diesen Schritt bereue ich bis heute nicht. Denn es gibt mit einer solchen Basis so viele Möglichkeiten sich weiterzubilden. Heute habe ich einen abschluss einer höheren Fachschule. Mithilfe dieser ausbildung zum Mauere und def weiterbildung habe ich keine mühe eine Stelle zu finden. Denn gute Handwerker sind immer gefragt.
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Vladan Ugrica vor 2 Jahre
Un ganz ehrlich zu sein, ich hab den Fehler begangen und eine Ausbildung in der Informatik angefangen. Mir jeden Tag eingeredet:" komm scho das schafsst du, ist ja nur noch 3,2,1,1/2Jahr bis zum Abschluss." Leider sehe ich zu spät das es ein RIESEN Fehler war. Heute habe ich mich beim lokalen Fotographen beworben und mache mich dann auf den weg zum infotag. Weil ich einfach keinen "BOCK" mehr habe auf den Stress mit meinen Eltern. Ich suche immer noch ein Praktikum als Frontend-developer aber die noten sprechen in eine zu laute Sprache in einem Logikberuf wie diesem als dass ich eine reale chance hätte. Hört an erster Stelle immer zuerst auf euch selbst. Danach auf FREUNDE und dann auf eltern und lehrer. Die Eltern sind gute Ratgeber aber es kann gut sein das Sie noch nach einer Positionslogik von vor 30 Jahren denken. In dem Sinne viel Glück und gutes Gelingen 😃
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lisavogt vor 2 Jahre
Danke für eure besorgten Hinweise. Das Bild wird geändert. Gruss aus der Redaktion.
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