«Ich pinkle der Jugend bewusst ans Bein»

Viele Jugendliche sind lethargisch geworden – keine politische Haltung, keine Wut, keine Rebellion. In «Lasst die Alten sterben» sucht der Berner Regie-Newcomer Juri Steinhart nach Gründen.

Seit «Züri brännt» sind 37 Jahre vergangen. Die meisten, die Anfang der Achtzigerjahre an den Jugendunruhen teilnahmen, leben heute als angepasste Erwachsene und die Wut von damals verblasst als nostalgische Erinnerung in einem hübsch gestalteten Fotoalbum. Heute rebelliert die Jugend kaum noch. «Tanz dich frei», «Occupy» – alles nur kurzlebige Bewegungen, die zwar Potenzial gehabt hätten, letzen Endes aber relativ schnell wieder abflachten.

Der Berner Regisseur Juri Steinhart sucht in seinem Spielfilm-Debüt «Lasst die Alten sterben» nach Gründen für diese Lethargie. Wir haben ihn in der Roten Fabrik in Zürich zum Gespräch getroffen.

Wie nimmst du die heutige Jugend wahr?
Im Film gehe ich davon aus, dass junge Menschen weniger politisch sind als früher – und davon schliesse ich mich selbst nicht aus. Statt am Handy sass ich einfach vor dem Fernseher.

Was glaubst du denn, warum Jugendliche nicht mehr rebellieren?
Wenn der Funke fehlt, der das Feuer entfacht, gibt es keine Revolution. Und meine These ist, dass die Reibung mit den Eltern oder der Gesellschaft allgemein fehlt, deshalb sind Jugendliche gar nicht mehr wütend.

Vielleicht gibt es einfach zu wenig Dinge, über die man sich aufregen könnte.
Ja, früher war das einfacher, weil die Jugend mit einem gewissen Groll auf die Strasse ging: «Meine Eltern sind dumme Spiesser, die Gesellschaft akzeptiert meine langen Haare und die zerrissenen Jeans nicht.» Da geht man viel schneller randalieren. Heute leben wir aber in dieser Zuckerwatten-Welt. Die Politik nimmt auch jede Revolution vorweg.

Wie meinst du das?
Sobald die Politik feststellt, dass die Jugend unzufrieden ist, gibt sie ihnen etwas Kleines, das gerade reicht, damit niemand auf die Strasse geht – aber eigentlich ändert sich im Grossen und Ganzen nichts.

Was spielen die sozialen Medien für eine Rolle?
Die haben bestimmt vieles verändert. Man hat da ja auch nur Freunde – keine Feinde. Ausserdem sieht man nur die News-Feeds, die man selbst für richtig erachtet. Jeder selektioniert selbst und bastelt sich seine eigene Welt, die ihm passt. So kann natürlich keine Reibung entstehen.

Es ist aber auch schwierig geworden, zu provozieren.
Es gibt wirklich fast keine Tabus mehr, die man brechen könnte. Ich glaube aber gerade mein Film provoziert zu einem gewissen Grad: Man darf eigentlich nicht gegen Kinder und nicht gegen Alte schiessen. Der Titel «Lasst die Alten sterben» bleibt deshalb vielen im Hals stecken. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob man immer in die Extreme gehen muss, um Emotionen auszulösen. Vielleicht kann man auch mit subtilen Elementen etwas bewegen. Es braucht nicht immer die brachiale Keule.

Laut Studien nimmt die Jugend auch weniger Drogen und hat weniger Sex. Wie erklärst du dir das?
Das mit dem Sex liegt wohl einfach an den Pornos. Vielen reicht es offenbar, sich einen runterzuholen. Und der Verzicht auf Drogen kommt wahrscheinlich vom Gesundheits-Fanatismus: Über Jahre hat man uns eingetrichert, dass Drogen uns kaputt machen und wir früh sterben werden.

Gesunde Ernährung, Yoga und perfekte Selfies – es geht nur noch um Selbstoptimierung. Da ist kein Platz mehr für Drogen.
Ja, und so betrachtet hat das Bundesamt für Gesundheit gute Arbeit geleistet – immerhin auf körperlicher Ebene. Dafür verarmen wir geistig.

Was sagst du zum neuen Bünzlitum? Jugendliche gehen Wandern, Angeln und Stricken. Woher kommt das?
Vielleicht ist es die Suche nach Identität. Andererseits spielt wohl auch dieser Event-Gedanke mit: Man weiss nicht, was man mit seiner Zeit anfangen soll und füllt diese Leere irgendwie aus. Wenn jemand angeln geht, will er das einfach ausprobieren – ich glaube aber nicht, dass er dann zum leidenschaftlichen Angler wird. Und letzten Endes möchte man sich mit solchen Experimenten wohl auch abheben und speziell wirken.

Dann liegt die Provokation im Unprovokativen.
Kann sein. Richtig provokativ wäre es, ein Gewehr zu nehmen und einen Hirsch zu erschiessen.

WTF?!
Provokation ist ja das Bedürfnis, eine Reaktion zu erhalten. Wenn man wirklich provokativ sein will, muss man den Hirsch also erschiessen. Wer das nicht schafft, sucht diese Reaktion mit unprovokativem Verhalten wie stricken und angeln. Schlussendlich geht es aber bei beidem nur um Anerkennung.

Was ist denn die beste Reaktion, die Jugendliche auf deinen Film haben können?
Dass sie Stellung beziehen und sich vielleicht auch aufregen. Dass sie sagen: «Geht’s eigentlich noch?! Wir sind gar nicht so apolitisch, wie du uns darstellst.» Das wäre cool. Schliesslich pinkle ich ihnen bewusst ein bisschen ans Bein.


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15 Kommentare

Supporter vor 9 Tagen
Super Interview. Zeigt ziemlich den Zeitgeist von 15 - 15 Jährigen (vielleicht auch noch drüber und drunter) bei welchen ich mich auch dazu zähle. Erlebe das teilweise an mir selber und besonders an meinem direkten Umfeld wie Freunde und Bekannte. Da ist der Revolutionsgedanke bei ein paar Tüten zu Hause auf dem Sofa. Mir gefällt der Typ, schaue mir den Film bestimmt an. Mit seinem letzten Satz vergreift er sich wohl, ich glaube nicht das es viele gibt die ihm widersprechen werden. Hoffentlich gibt es bei einigen eine kleine Reaktion wieder mehr an gewaltfreie Demos zu gehen oder mal wieder seine direktere Meinung kundzutun. Das wäre schön.
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Otto Frost vor 9 Tagen
Rebellion um der Rebellion Willen hat mich nie interessiert. Mit Erfolg rebelliert haben wohl immer nur die Gut-Situierten. Sie konnten sich die Hörner abstossen und wurden anschliessend wohlwollend als verlorene Söhne und Töchter wieder in die Arme der Gesellschaft aufgenommen. Jene aber, die sich wirklich gegen Unrecht aufgelehnt haben, kamen seit jeher knallhart unter die Räder – völlig unbemerkt von den Hobby-Rebelliofashionisten.
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Leandro vor 10 Tagen
Sich Einen runterholen spart Alimente und macht Spass.Als Boy hast du nur noch die Kondome.O.K. später auch noch die Steri.
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Zombie vor 10 Tagen
Hmm? Uiii was ich da cooles lese, sehr guter Artikel Dankeschön!! Züri brennt hehe den sollte ich noch original auf Videokassette irgendwo im Keller haben, wenn nicht dann habe ich den schon längst auf DVD überspielt damals!! Ja mich gab es zu dieser Zeit auch, der gute alte Züri Film produziert vom Videoladen ZH !!! In der Tat, sollte man mehr originelle Schweizer Filme aus vergangenen Jahren in die Kinos bringen, damit die heutigen Jugendlichen mal sehen können, was wir alles sehr hart erleben und für unser Dasein extrem kämpfen mussten, denn wir hatten nicht im geringsten eine supergute Toleration, oh nein das definitiv nicht! Wer damals dabei war, weiss sehr genau wovon ich da rede!! Das heute alles cool und objektiv und jeder ist gleich der andere bei manchen Jugendlichen an der Tagesordnung ist, ist durchschaubar!! Aber das die meisten Kids es heute gut und wohlhabend haben, so haben Sie sowas auch nur UNS zu verdanken, weil wir wie gesagt, bevor die heutigen Jugendlichen auf die Welt waren mit Händen und Füssen wehren mussten daher ist es auch klar das es nie eine Art Dankeschön geben wird! Ich war einer der Rebellen, doch nicht gegen gegen den Staat oder Polizei sondern gegen Menschen, die mir schlechtes antaten, gegen DIEEEEEEEEEEEE war ich und zwar total, man zog mich aufgrund meines Filmgeschmackes von fiktive Horrorfilme immer in den Dreck, ich war nun mal seit immer kein Mainstreamer und kein Modefolger sondern tat das wo mein Herz und Verstand wollte und wer das damals auch tat, der war ein Aussenseiter und wurde nur ewig in den Dreck gezogen, von den Aelteren und auch Gleichaltrige, wo dachten Uebermenschen zu sein!! Zuhause, In der Schule wurden wir von den Lehrern / innen dauernd geschlagen wenn wir was falsch machten, wir Italos aber auch unsere Schweizer Kumpels, später in der sogenannten Lehrstelle hatten wir rein gar nix zu melden und mussten nur Befehle befolgen ansonsten gab es die sofortige Kündigung, kein Lehrlingssorgetelefon, kein grossartiger Schutz, NIX ( Ausser für Kids aus reicheren Familien )!!! Klar rebellierten sich damals viele Jugendlichen, absolut verständlich!! Da ja manche ( MANCHE aber noch lange nicht ALLE ) von den heutigen Jugendlichen weder Anstand noch weniger Respekt vor uns Aelteren haben und wir für solche tatsächlich nur schon fast tot sind, so hat sich ein kluger Kopf namens Juri Steinhart selber an den Eiern gefasst und eine fabelhafte Satire gegen solche abgefilmt, weil Juri ein kleines Genie ist und die Tatsachen realistisch angeht, Bravo Juri!!! Daher ist der Titel " Lasst die Alten sterben " völlig gerechtfertigt und passt absolut zu der Menthalität von manchen Jugendlichen von heute!! Denn würde es heute eine Art Krieg da in ZH geben, dann sind genau diese Sorte von Jugendlichen die allerersten wo sich lieber die Kugel geben würden anstatt für ihr Dasein kämpfen zu wollen, tja zu solchen kann man dann nur noch sagen : Lebe für nix oder stirb für etwas 😃 !!! Persöhnliche Mitteilung für Juri : Hey Gevatter, ig bi ä lou aber Du bisch gschid hehehe verzeihung ich weiss nicht mehr wie man klug auf bernerisch sagt 😃!!! Stadt Bern ist so oder so cool und historisch und du bist ein kleiner Genie davon, ich finde deine satirischen Gedanken toll und hoffe dass du mit deinem Film auch einen guten Erfolg haben wirst, mage es dir nur gönnen, das Leben von uns Künstlern egal in welcher Branche war seit immer nur ein reiner Kampf, ich lade für dich noch ein Lied hoch um dir den Tag und Wochenanfang zu vergrinsen, alles Gute kleiner Spielberg!!!! Besten Dank für die Aufmerksamkeit, euer Arni alias Zombie 😃 😃 😃 !!!!
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