«Du bist hässlich wie Scheisse»

Verstörender Youtube-Trend: Junge Mädchen posten Videos von sich, um von Fremden bewertet zu werden. Die «Pretty or Ugly»-Clips beweisen, wie kaputt das Selbstwertgefühl vieler junger Mädchen ist.

Ein Mädchen, kaum älter als zwölf Jahre, sitzt in seinem Zimmer. Es schaut in eine Kamera und spricht leise, die Unsicherheit in der Stimme ist nicht zu überhören: «Ähm, ich mache dieses Video, um herauszufinden, ob ich hübsch oder hässlich bin. Viele sagen, ich sei hässlich und ich glaube auch, dass ich hässlich und fett bin. Also ja, sagt mir, was ihr denkt!»

Wenn man in der Youtube-Suchleiste die Begriffe «Pretty or Ugly» eingibt, spuckt einem die Videoplattform mehr als drei Millionen Ergebnisse aus. Wir sehen Videos mit dem Titel «Bin ich hässlich?», in denen Mädchen, die noch nicht mal die Pubertät erreicht haben, nach Bestätigung suchen.

«Mädchen orientieren sich an unerreichbaren Idealvorstellungen»

Bestätigende Kommentare von Wildfremden aus dem grossen, weiten Internet, die die Löcher im fehlenden Selbstwertgefühl stopfen sollen. Diese intimen Videos, in denen junge Mädchen – und gelegentlich auch Jungs – voller Scham ihre Körper vorführen, tauchten erstmals 2011 auf. Jetzt sind sie zurück – und breiten sich in Zeiten von Instagram und Facebook schneller aus denn je.

Beim Anschauen dieser Clips bricht einem das Herz. Wie kann es sein, dass junge Menschen schon so unsicher mit sich sind, dass unbedeutende Kommentare von Fremden so viel Macht über sie haben? «Ab einem gewissen Alter wird die Bewertung von anderen immer wichtiger. Junge Mädchen orientieren sich dabei aber nicht an Freundinnen, sondern an unerreichbaren Idealvorstellungen, die sie in den Medien sehen», meint Herr Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch, Chefarzt der Jugendpsychatrie Somosa. Hinter all dem stecke der Wunsch nach Vergewisserung, dass mit einem alles in Ordnung sei. Gefährlich würde es, wenn das Selbstwertgefühl völlig von dieser Bestätigung abhängig sei, erklärt uns der Arzt.

Kommentare, die das Selbstbewusstsein zerstören

Obwohl einige der Kommentare unter den Videos definitiv positiv und auch kritisch formuliert sind («Du bist noch ein Kind – was machst du hier überhaupt?» oder «Du bist wunderschön!») und das Selbstwertgefühl aufpolstern können, finden sich mindestens genauso viele, die das zerbrechliche Ego mit wenigen Worten kaputt schlagen können: «Du bist hässlich wie Scheisse», «Deine Stirn ist so gross, da könnte ich ein Haus drauf bauen» und «Bring dich um, du fette Fotze», sind nur wenige erschreckende Beispiele, die unter die Haut gehen – wie sich das in den Ohren der jungen, unsicheren Mädchen anhören muss, davon sprechen wir besser gar nicht erst.

Welche Verantwortung hat Youtube zu tragen? Laut den Richtlinien ist unter 13-Jährigen überhaupt nicht erlaubt, Videos auf der Plattform hochzuladen. Dass sich kaum einer um diese Regel schert, ist offensichtlich. Gesperrt werden die Videos nämlich trotzdem nicht. Wieso das so ist, konnte uns Youtube nicht sagen. Bisher haben wir auf unsere Nachfrage keine Antwort erhalten.

Selbst wenn Youtube die Clips löschen würde – das wäre bloss ein kleines Pflaster auf der klaffenden Wunde. Wir sollten uns lieber fragen: Wo können wir als Gesellschaft ansetzen, um jungen Mädchen und Frauen klarzumachen, dass ihr Äusseres nicht mit ihrem Wert verbunden ist? 


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86 Kommentare

GrumpyCat vor 7 Monate
Ich verstehe hier die gehässigen Kommentare nicht. Es geht hier nicht um irgend einen Feminismus-Mainstream-Kram, "...Frau will nur Bestätigung blablabla..." oder "...was ist mit uns armen Männer, blablabla...?" wie in den meisten Kommentaren (obwohl wir alle wissen wieviele frustrierte Trolls herumlungern). Es geht hier um unsichere Teenager, die quasi auf fatale Weise ihre Unsicherheit preisgeben, in der Hoffnung auf die Bestätigung, einer Perfektion nahe zu sein, die uns die heutigen Medien oder sogenannte "Influencer" auf subtile Weise aufzwingen wollen. Es ist ein normaler Prozess während der Pubertät, dass man sein eigenes Wesen und insbesondere sein Äusseres hinterfragt und herausfinden will, wie oder was man sein will (manche wissen es jetzt nicht einmal im Erwachsenenalter). Mag sein, dass das eine oder andere Mädchen und der eine oder andere Knabe bereits einen Schulschwarm hat und ihm natürlich gefallen möchte, aber grundsätzlich geht es hier nicht nur darum, jemand anderem zu gefallen, aber vor allem in erster Linie sich selber, und in diesem Alter ist es nun mal wichtig eine Bestätigung zu bekommen, dass man als "sich selber" ok ist. Ein paar machen hier in den Kommentaren auch die Eltern Verantwortlich, fragen wo diese sind um ihre Kids beim Heranreifen zu begleiten und in der psychischen Entwicklung zu unterstützen, teilweise stelle ich die selbe Frage, aber andererseits schaut Euch doch mal um: Wir leben in einer Welt, wo die moderne Kommunikation uns in Form von Social Media beinahe von allen Seiten erschlägt. Wir bekommen von allen seiten gesagt, wie oder was wir sein sollten, damit wir zur "perfekten Mehrheit" gehören. Obwohl überall Individualität gepreist wir, preisen sie alle die "gleiche" Individualität an. Man muss genau SO indiviuell sein, dass es der Mehrheit passt, andernfalls ist man out. Teenager in diesem Alter können es noch nicht differenzieren, die meisten von uns sind damals auch alle irgend einem Trend nachgerannt und haben versucht "in" zu sein, alle anderen waren Aussenseiter. Nur war es damals bei weitem nicht so extrem und unsere geographische Grenze um Stimmen und Zuspruch zu erreichen beschränkt. So egal, wie gut Eltern ein Kind erziehen, wieviel Selbstwertgefühl sie ihnen mit auf dem Weg geben, sie können nicht rund um die Uhr für die Kids da sein, nicht in der Schule neben ihnen hocken oder jede Sekunde kontrollieren was ihre Kinder mit den Kollegen machen (wo Infos nun mal ausgetauscht werden), und vor allem können sie nicht Gedanken lesen. Und wer hier laut "Internetsperre" schreit, um die Zöglinge zu schützen, der vergisst wie es ist ein Teenager zu sein: Man findet immer einen Weg, wenn man etwas will, und wenn's nur darum geht um gegen die Eltern zu rebellieren. Die einen konnten mit den Eltern über ihre Probleme reden, aber es gibt auch die in sich gekehrten Eigenbrödler, die ihre Gedanken schlicht nicht teilen wollten. Fakt ist, es gibt momentan keine richtige Lösung für dieses Problem. Auf der einen Seite hat man unsichere Menschen, die dringend nach Bestätigung schreien und deren Eltern , die meistens mit der Situation und der heutigen Informationsquellen überfordert sind (es gibt traurigerweise auch die Sparte, denen das am A**** vorbei geht), auf der anderen Seite hat man Trolls, denen es Spass macht anonym Scheisse zu labern, zu hetzen und andere zu verletzten, nur um ihr eigenes zerkratztes, frustriertes Ego zu kompensieren. Und dann gibt es noch die Normalos, die nicht viel mehr ausrichten können als ein minimaler Versuch auf positive Motivation, weil sich Hetze und Negativ-News in den Medien nun mal besser verkaufen als Gutmenschen, die einem sagen, dass man ganz in Ordnung ist wie man ist...
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Antwort von Duplo vor 7 Monate
Bravo, auf den Punkt gebracht!
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Antwort von Andy vor 7 Monate
Viele Wörter
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Antwort von x vor 7 Monate
Och Du armer... zuviel Wörter? Da musst Du es ja noch lesen und was davon verstehen?
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