«Der Kapitalismus ist barbarisch!»

Wir haben uns mit Harald, einem jungen Schweizer Kommunisten, über Ausbeutung, Vorurteile und die Bedeutung von Sozialismus in Europa unterhalten.

Harald ist 26, wohnt in Zürich, ist Fussballfan und arbeitet in einem sozialen Beruf mit Kindern zusammen. Ausserdem ist er in der Kommunistischen Jugend aktiv. Wir haben den jungen Mann bei einer PdA-Veranstaltung im Gemeindezentrum Wipkingen getroffen, weil wir wissen wollten, was Jugendliche im heutigen Europa dazu  bewegt, sich politisch so extrem zu positionieren.

Hallo Harald! Was bedeutet Kommunismus heute eigentlich genau und wie kann er in der heutigen Zeit bei uns im reichen, privilegierten Europa umgesetzt werden?

Im Kapitalismus, im gegenwärtigen Gesellschaftssystem, richtet sich alles nach den Interessen der Unternehmer und Reichen. Es ist so, dass die Reichen von der Ausbeutung der Arbeitenden leben. Ohne Armut gibt es keinen Reichtum.

Wer ist denn in Europa reich?
Es ist eine sehr kleine Minderheit, wie in jedem kapitalistischen Land. Während der Grossteil hart arbeiten muss, um durchs Leben zu kommen, lebt eine kleine Minderheit in riesigem Überfluss.

Kannst du konkreter werden?
Wer die Möglichkeit Menschen für sich arbeiten zu lassen und sie auszubeuten als Freiheit betrachtet, der müsste konsequenterweise auch Sklaverei als eine Form wirtschaftlicher Freiheit verteidigen. Klar, das ist als Provokation gemeint. Es gibt Unterschiede. Man besitzt bei der Lohnarbeit minimale Rechte und man kann sich auswählen, von welchem Unternehmen man ausgebeutet wird. Aber der Ausbeutung selbst kann man nicht entkommen, weil man arbeiten muss, um zu überleben.

Mit welchen Vorurteilen habt ihr zu kämpfen?

Eines der am verbreitetsten Vorurteile ist, dass der Kommunismus eine Diktatur sei, während uns von allen Seiten eingetrichtert wird, dass mehrere Parteien automatisch Demokratie bedeuten. Im schweizerischen Nationalrat gibt es genau eine oppositionelle Stimme: Der Vertreter der Partei der Arbeit, der einzigen Partei im Parlament, die das herrschende System grundsätzlich ablehnt.

Wie passen iPhone, Netflix und Marx zusammen - geht das überhaupt?

Technischer Fortschritt ist etwas Tolles, das man dazu benützen könnte, das Leben aller zu verbessern und zu erleichtern. Durch das Internet kann man mit Menschen kommunizieren, die weit weg sind, und sich schnell informieren. Man könnte die Demokratie ausbauen. Doch im Kapitalismus führt das zu völlig anderen Entwicklungen. Menschen werden entlassen und durch Maschinen ersetzt. Mit dem Handy muss man ständig erreichbar sein, falls sich der Arbeitsplan ändert und steht unter Dauerstress. Und auf Demokratie wird verzichtet. Stattdessen besitzen Konzerne wie Google und Facebook unglaublich viel Macht und überwachen uns ständig.

Ist Kapitalismus per se abzulehnen?
Absolut. Das ist ein Gesellschaftssystem, bei dem sehr wenige Reiche auf Kosten der Arbeitenden leben. Es richtet sich grundsätzlich alles danach, die Profite der Unternehmer zu erhöhen. Dabei wird auf Menschen und die Umwelt keine Rücksicht genommen. Millionen verhungern, obwohl für 12 Milliarden Nahrungsmittel produziert werden. Millionen sterben an heilbaren Krankheiten, weil die Unternehmen diese so teuer verkaufen, dass sich die Menschen diese nicht leisten können. Der Kapitalismus ist barbarisch!

Schliessen sich Luxus und Sozialismus gegenseitig aus? Was ist Luxus?
Das hängt von der Definition von Luxus ab. Da man Luxus nicht messen kann, ist es meiner Meinung nach sehr relativ. Brauche ich eine Villa und einen Privatjet, um im Luxus zu leben? Oder ist es nicht bereits ein Luxus, wenn die Kinder eine gute Ausbildung bekommen, wenn nichts für die Gesundheitsversorgung bezahlt werden muss, wenn man am Arbeitsplatz mitbestimmen kann und man eine angemessene Wohnung zu hat, die nicht gleich ein Drittel des Lohns auffrisst? Der Sozialismus bietet diesen Luxus, statt ihn denen, die Geld haben, vorzubehalten. Vorausgesetzt man braucht dazu keinen Privatjet.

Welche Themen sind euch besonders wichtig?

Da die Arbeitenden in unserer Gesellschaft ausgebeutet werden, stellen wir uns konsequent auf ihre Seite. Wir kämpfen gegen Rassismus, Homo- und Transphobie. Für die Gleichstellung der Frauen. Für faire Bildungschancen und gegen das Zwei-Klassen-Gesundheitswesen. Für Mindestlöhne und bessere Löhne allgemein. Für gesunde Nahrung, die nicht mit Pestiziden verseucht wird, für einen schonenden Umgang mit der Umwelt. Für bezahlbare Mieten und einen kostenlosen ÖV.

Welche konkreten Ziele habt ihr?
Wir stehen für die Interessen der Arbeitenden ein und haben dabei eine klare Haltung. Wir akzeptieren auch das kleinere Übel nicht. Wir müssen die Menschen und insbesondere die Jugendlichen organisieren, damit sie an den Kämpfen teilnehmen und sich mehr wehren.

Gibt es einen Unterschied zwischen linker und rechter Gewalt?
Klar gibt es den. Während bei linker Gewalt die Scheiben von Banken eingeschlagen und Parolen gesprayt werden, richtet sich die rechte Gewalt gegen Menschen, die nicht in das Weltbild der Rechten passen. Migranten und linke Aktivisten werden angegriffen. Oder sogar getötet, wenn man sich ansieht, was Rechtsextreme auf der ganzen Welt immer wieder anrichten.

In welchen Situationen ist Gewalt zu rechtfertigen?
Beispielsweise wenn die Bevölkerung unterdrückt und verfolgt wird, so wie es den Kurden in der Türkei geht oder wenn ein Staat faschistisch wird. Aber auch wenn gegen die Arbeitenden Gewalt angewendet wird – etwa wenn Demonstrationen oder Streiks angegriffen werden – soll man sich wehren dürfen. Es hängt aber immer sehr von der Situation ab und wer das Ziel der Gewalt ist.

Die meisten kommunistischen oder sozialistischen Staaten haben nicht wirklich bewiesen, dass das System so funktionieren kann. Woran liegt das?

Es gab Rückschläge, was beim Aufbau eines neuen Gesellschaftssystems selbstverständlich ist. Aber Kuba ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie der Sozialismus funktioniert und weiterentwickelt wird. Trotz dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa und der Wirtschaftsblockade durch die USA konnten Errungenschaften wie das kostenlose Bildungs- und Gesundheitssystem verteidigt werden. Und aus all diesen Erfahrungen für den nächsten Aufbau des Sozialismus werden wir unsere Lehren ziehen.


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