17-Jähriger sieht jeden Tag tote Menschen

Kevin Huguenin ist mit gerade mal 17 einer der jüngsten selbstständigen Bestatter Europas. Wir haben ihn in Biel besucht, um herauszufinden, wieso er lieber Leichen schminkt als in den Ausgang geht.

Kevin Huguenin ist anders als der Durchschnittsjunge in seinem Alter. Während andere Siebzehnjährige sich mit ungeliebten Matheaufgaben rumschlagen und die Wochenenden damit verbringen, sich Mut anzutrinken, um jemanden für eine Nacht abschleppen zu können, besteht Kevins Alltag aus Leichentransporten, Urnen- und Sargverkäufen und der Organisation von speziellen Trauerfeiern.

Mit 15 machte sich der geschäftstüchtige Bieler als einer der jüngsten Bestatter Europas selbstständig – und die Geschäfte laufen gut. Heute, nach noch nicht mal drei Jahren, betreibt er schon drei Büros und hat Aufträge aus der ganzen Schweiz. Sein Markenzeichen: Freundliche, helle und leichte Beerdigungen, ohne viel Pathos und traditionelle, schwarze Todessymbolik.

Als wir an einem leicht verschneiten Tag das Office in Biel besuchen, öffnet er uns in eleganter Anzughose und blauem Hemd die Tür – Businessman durch und durch. Feste Arbeitszeiten hat er nicht, er ist 24 Stunden am Tag erreichbar. Immer passend gekleidet zu sein ist also wichtig. Man weiss ja nie, wann der nächste Kunde anruft – gestorben wird schliesslich immer.

Kevin, wie alt bist du jetzt genau und seit wann bist du Bestatter?
Ich bin noch 17. Gegründet habe ich mein Unternehmen im Jahr 2014, da war ich 15.

Wie kam es dazu?
Mich hat das Gebiet schon immer interessiert. Als ich zehn war, starb mein Götti und ich fand das ganze Rundum beim Begräbnis sehr faszinierend. Seitdem wollte ich den Beruf immer ausüben.

Welche Ausbildung hast du?
Ich habe die Schule kurz vor dem Abschluss abgebrochen und mich dann selbstständig gemacht. In der Schweiz gibt es keine geregelte Lehre zu meinem Beruf. Hier kann also theoretisch jeder sagen: «Ich bin jetzt Bestatter».

So wie du.
Ja, genau. Ich habe mir eigentlich alles selbst mithilfe von Büchern und dem Internet beigebracht. Meine Mama hat mich auch von Anfang an sehr unterstützt. Heute habe ich einen Festangestellten und mehrere Freelancer, die mir zum Beispiel beim Tragen und Dekorieren helfen.

Wie hat dein Umfeld reagiert? Familie und Freunde und so?
Die meisten haben mir gesagt, ich spinne komplett. Wenige haben mich da ernstgenommen. Aber jetzt wo sie merken, dass ich mich wirklich reinhänge und es auch läuft, stehen eigentlich alle hinter mir.

Und die Konkurrenz? Also andere Bestatter? Wie stehen die dazu, dass da auf einmal so ein junger Typ daherkommt?
Die Konkurrenz ist hart und es gibt einen starken Wettbewerb auf diesem Gebiet. Neue Kontrahenten werden da nicht gern sehen. Ist auch schon vorgekommen, dass ich nachts einen Anruf bekommen habe, ich solle einen Toten aus einem sehr abgelegenen Gebiet abholen. Und dann stellte sich heraus, dass man mir damit einen Streich spielen wollte. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen.

Was findest du so faszinierend an deinem Job?
Jeder Mensch ist ein Individuum, auch im Tod. Das macht es so interessant. Zudem besteht meine Arbeit zum Grossteil aus Kontakt mit Lebenden und deren Wünschen für die Beerdigung. Es ist ein bisschen wie Eventorganisation. Alles muss stimmen.

Du hast täglich mit Toten und vor allem den trauernden Angehörigen zutun. Wie nahe geht dir das?
Ich habe wie so einen Schutzkreis um mich herum aufgebaut. Wir als Bestatter dürfen nicht mittrauern. Aber wir sollten mitfühlen. Die Schicksale berühren mich natürlich trotzdem oft.

Träumst du schlecht von Leichen?
Nein, nie. Es ist ja mein Traumberuf, kein Alptraum. Es ist eine grosse Ehre für mich, die Angehörigen zu begleiten und die Aufgaben für die Beerdigung übernehmen zu dürfen.

Was sind deine Aufgaben genau? Was bietest du an?
Bei mir gibts Rundumservice. Von Urnen und Särgen, über Abholungen, Überführungen, Einbettungen, Aufbahrungen bis hin zu Schminke, Dekoration und Todesanzeigen eigentlich alles. Ich übernehme auch gerne Spezialwünsche wie Berg- und Waldbestattungen.

Wer schminkt die Toten? Du selbst?
Ja, das mache ich selbst. Je nach Wunsch der Angehörigen. Ich habe mir das selbst beigebracht und hatte Anfangs Hilfe von meiner Mutter und einer Kosmetikerin. Eine lebendige Person habe ich noch nie geschminkt, immer nur Tote. Dafür gibt es spezielles Make-up, da die Haut von Verstorbenen ja kalt ist und sich die Textur verändert.

Übernimmst du nur Christen?
Nein! Ich mache keinen Unterschied, ich schliesse niemanden aus. Hatte auch schon Kunden aus verschiedensten Religionen. Es ist sehr spannend, über andere Kulturen und deren Eigenheiten zu lernen. Moslems zum Beispiel werden immer Richtung Mekka begraben. Und Katholiken sind manchmal ein bisschen spezieller, pompöser.

Was kostet so eine Bestattung bei dir?
Ich möchte, dass sich jeder ein würdevolles Begräbnis leisten kann. Deshalb biete ich Pauschalangebote an, die kosten zwischen 1900 und 2500 Franken. Da ist der Sarg auch schon mit inbegriffen.

Verdienst du gut am Geschäft mit dem Tod?
Ich kann gut davon leben und die laufenden Kosten decken. Aber es variiert natürlich, wie das eben so ist bei Selbstständigen. Manchmal habe ich fünf Beerdigungen im Monat, dann mal 15.

Was ist das Unangenehmste an deinem Job?
Eigentlich gar nichts. Ich mache sogar die Steuererklärung gern! Der Beruf ist so abwechslungsreich, ich liebe jeden Aspekt.

Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so in seiner Arbeit aufgeht. Gäbe es eine Alternative für dich, wenn das mit dem Bestattungsinstitut nicht mehr funktionieren sollte?
Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, es ist eben mein Traumberuf, hinter dem ich mit Herz und Seele stehe. Ich glaube sogar, wenn man mir beide Beine amputieren müsste, würde ich noch weiterarbeiten.

Hast du eine Freundin? Wie kommt dein Job bei den Mädchen so an?
Im Moment bin ich Single. Viele sind sehr interessiert an dem, was ich mache. Ich bin halt kein Automechaniker, das ist schon noch etwas besonderes. Aber ich werde auch oft speziell angeschaut.

Hast du deine eigene Beerdigung schon geplant?
Man sollte sich ja auch als junger Mensch schon Gedanken darüber machen. Aber um ehrlich zu sein – ich habe mich damit noch nicht auseinandergesetzt. Das tue ich jeden Tag schon für unzählige andere, bei mir selbst ist das schwierig.

Hast du Angst vor dem Tod?
Nicht wirklich, nein. Wir Menschen sind zu emotional. Irgendwas wird bestimmt kommen. Was das sein wird, weiss ich nicht. Wir alle sterben einmal, das ist so, das kann man nicht verhindern. Wozu also Angst haben?


Kommentar schreiben

65 Kommentare

vor 4 Monate
Vielen Dank für den Artikel. Was für ein interessanter Einblick. Ein Bestatter hat ja einen vielseitigen spannenden Besuch.
0
0
Antwort
KMU vor 10 Monate
Ich habe Matura und einen Bachelor gemacht das ich mit 29 endlich eine Firma gründen konnte. Der Typ macht das mit 15. Etwas habe ich Falsch gemacht xD
21
3
Antwort
Adam vor 10 Monate
Da hat er sich einen todsicheren Job geangelt 😉
80
3
Antwort
Antwort von Cartoonsound vor 10 Monate
*badumtss*
41
2
Antwort
«Mach mal die Bluse auf, man sieht ja gar nichts!»

«Mach mal die Bluse auf, man sieht ja gar nichts!»

Einfach nur hässliche Babys

Einfach nur hässliche Babys

video
Was bei einer Dildo-Party passiert

Was bei einer Dildo-Party passiert

Würdest du dir hiermit die Zähne putzen?

Würdest du dir hiermit die Zähne putzen?