Warum hassen alle Julia Engelmann?

Das Debütalbum der deutschen Poetry-Slammerin Julia Engelmann wird von der Kritik verrissen. Völlig zu Unrecht, wie unser Autor findet.

Mit kitschigen Metaphern, plakativen popkulturellen Anleihen und – das will ich hier gar nicht bestreiten – einer Doppelportion Pathos eroberte Psychologiestudentin Julia Engelmann Anfang 2014 die sozialen Netzwerke im gesamten deutschen Sprachraum. Ihr Spoken-Word-Stück, basierend auf dem schrecklichen «One Day/Reckoning Song» von Asaf Avidan, war eine Instant-Sensation und schaffte es, Poetry Slam in den Mainstream zu holen.

Hassobjekt der selbsternannten Intellektuellen

Während wir also vor fast vier Jahren noch damit beschäftigt waren, fleissig Dopamin zu vergeuden, wach zu bleiben, bis die Wolken wieder lila waren und uns bewusst zu machen, dass Mut doch auch nur ein Anagramm von Glück ist, sieht die Welt heute schon ganz anders aus.

Julia Engelmann hat inzwischen ihr Studium erfolgreich abgebrochen, tourt nicht minder erfolgreich durch die Welt und ein erstes Album von ihr gibts mittlerweile auch. Dieses Album heisst «Poesiealbum», macht mit den Lyrics zu Songs mit Titeln wie «Grüner wirds nicht» oder «Grapefruit» seinem Namen alle Ehre und ist – aus mir unerfindlichen Gründen – das momentane Hassobjekt der grösseren, kleineren und selbsternannten Musik- und Literaturkritiker.

Existenzphilosophie bei offenem Fenster

Von «akustischer Darmspülung» ist bei «Vice» die Rede, «Spiegel online» vergleicht das Werk mit Wandtattoos und einem Besuch im Baumarkt. Die Kollegen von «Amy & Pink» werfen vor allem dem Song «Grapefruit» vor, Depressionen zu verharmlosen. Tja. Man kann sich natürlich intellektuell erhaben fühlen und sich künstlich über den fehlenden Coolnessfaktor der fleischgewordenen «Immer positiv denken!»-Kalenderspruch-Maschine Engelmann echauffieren.

Man kann aber etwa auch immer nur schwarz-weisse skandinavische Experimentalfilme ohne Dialoge schauen. Muss man aber nicht. Es muss nicht immer «Arte» oder «BR alpha» sein, es geht auch mal RTL. Es braucht nicht immer Kierkegaard, um existenzphilosophische Themen zu behandeln, da funktioniert auch mal ein Song, der dir vorschlägt, doch einfach mal das Fenster aufzumachen und Coldplay zu hören.

Feelgood-Poesie für die Massen

Nicht, dass ich jetzt Kierkegaard mit Julia Engelmann vergleichen will. Doch Achtung – jetzt kommt ein Aber. Was all die nur mit schwarzen Rollkragenpullis bekleideten, hyperintellektuellen «Ich habe noch nie im Leben das Dschungelcamp gesehen»-Typen nämlich irgendwie zu verpassen scheinen, ist: Die junge Deutsche hat ihre Sprache einwandfrei im Griff und beherrscht ihr Handwerk (Gedankenwerk?) so gut, dass sie ankommt.

Und zwar bei Millionen von Leuten. Vielleicht nicht bei der Jury für den Bachmann-Preis, das macht aber nichts. Julia macht Feelgood-Poesie für die Massen und dagegen ist nichts einzuwenden. Weil manchmal will man einfach nur hören, dass man nicht alleine ist und alles wieder in Ordnung kommt.


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36 Kommentare

Schlagzeuger vor 3 Tagen
Ich habe keine Ahnung wer das ist und dabei belasse ich es auch, aber was bitteschön heißt:"...erfolgreich abgebrochen..."? Wie kann man sein Studium "erfolgreich" abbrechen?
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egall vor 3 Tagen
Ich find sie super, auch find ich gar nicht dass sie depressionen verharmlost sondern Mut macht😊👍🏻
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anju vor 9 Tagen
mit Abstand der beste Artikel der hier auf Tillate veröffentlicht wurde.
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MissD vor 9 Tagen
Bin überrascht. Dachte so nach der Beschreibung erst, dass mir das auch nicht passen wird. Fröhlichen Singsang mainstream Quark... Aber dem ist ja gar nicht so. Ihre Musik hat ihren ganz eigenen authentischen Stil und das der beim verwöhnten Konsumenten von überproduziertem glatt geschliffenem Sound nicht all zu gut ankommt, ist klar.
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