«Ich habe über 200 Uni-Arbeiten für andere ge­schrie­ben»

Das Geschäft mit gekauften Bachelor- und Masterarbeiten scheint zu boomen. Ein Ghostwriter erzählt uns, wie viel er verdient und wie man effizient eine Arbeit schreibt.

Tatsächlicher Wissensgewinn ist – zumindest bei einer Bachelorarbeit – eine Seltenheit. Meistens rezitiert man nur, was andere bereits herausgefunden haben, berechnet für irgendein Unternehmen die Rentabilität eines neuen Produktes oder erstellt dutzende Diagramme, die sich nach dem zuständigen Prof niemals mehr ein Mensch ansehen wird. Und dafür opfert man wochenlang seine Zeit, die man auch mit Kohle verdienen oder Party machen hätte verbringen können. Es ist also durchaus verständlich, dass Studierende es zumindest in Erwägung ziehen, einen Ghostwriter zu engagieren.

Alleine Acad-Write (die grösste Agentur im deutschsprachigen Raum) verfasste 2015 rund 200 wissenschaftliche Arbeiten für Studierende. Zusammen mit weiteren Agenturen und privaten Schreibern dürfte die Zahl also um einiges höher liegen.

Um herauszufinden, wer diese Ghostwriter sind, die scheinbar im Wochentakt Studierenden zu ihrem Abschluss verhelfen, haben wir uns mit Thomas* unterhalten. Der 27-jährige Master-Absolvent im Bereich der Politikwissenschaften stammt aus Deutschland und lebt heute in Gran Canaria und in den USA. Er verfasste er bereits über 200 wissenschaftliche Arbeiten für andere.

Thomas, wie lange arbeitest du bereits als Ghostwriter?

Ich habe im Mai 2015 die ersten Arbeiten für andere geschrieben, damals noch nebenberuflich. Seit rund eineinhalb Jahren ist Ghostwriting mein Hauptberuf.

Verdienst du gut damit?

Für eine durchschnittliche Bachelorarbeit mit rund 40 Seiten verlange ich um die 1300 Euro. Das heisst: Wenn ich genügend Aufträge für eine 40-Stunden-Woche habe, käme ich auf bis zu 9800 Euro monatlich. Aber das erreiche ich natürlich nicht jeden Monat.

Wie lange brauchst du für eine Bachelorarbeit?

Fürs Schreiben rund eine Woche. Je nach Auftrag dauert die Recherche und das Absprechen mit dem Kunden etwas länger oder kürzer.

In einer Woche eine Bachelorarbeit verfassen – das ist ziemlich schnell.

Ich war nicht immer so schnell – das kommt natürlich mit der Übung im Schreiben und der Recherche. Und wenn die persönliche Bindung zur Arbeit fehlt, schaut man sich nicht jeden Satz drei Mal an.

Wie kamst du auf die Idee, als Ghostwriter zu arbeiten?

Eigentlich wollte ich immer Pilot werden – mir ist es ziemlich wichtig, dass ich ein bisschen in der Welt herumkomme. Zum Ghostwriting kam ich eher durch Zufall, als ich nachts bei Google unterwegs war und entsprechende Angebote fand. Ich habe bei einem Kunden mitgeboten, tatsächlich Geld gesehen und dann immer weitergemacht. Das hat sich so entwickelt. Purer Zufall eigentlich.

Als Ghostwriter kannst du wahrscheinlich überall arbeiten, oder?

Ich brauche nur Internet und einen Laptop. Momentan lebe ich in den USA, besitze aber auch eine Wohnung auf Gran Canaria – der Job bringt halt gewisse Freiheiten mit sich. Je nach Lust und Laune arbeite ich mal hier, mal da. Ich bin schon ein grosser Fan vom Digital-Nomad-Lifestyle.

Was stört dich denn an der Arbeit?

Ich habe nicht viel Kontakt mit meinen Kunden oder überhaupt zu Menschen, da es ja auch keine Kollegen gibt.Vielleicht mal ein Telefonat oder ein paar Whatsapp-Nachrichten – es ist eine ziemlich einsame Tätigkeit. Und ab und an habe ich Disziplinprobleme oder gewöhne mir einen absurden Schlafrhythmus an, da ich lieber nachts arbeite.

Werden alle deine Arbeiten von den Profs deiner Kunden akzeptiert?

Eine grosse Mehrheit – ja. So habe ich mir auch Stammkunden erarbeitet, für die ich schon mehrere Arbeiten verfasst habe. Aber natürlich hatte ich auch schon Fälle, die nicht bestanden haben. Ich muss beispielsweise erwähnen, dass mein erster Versuch meiner eigenen Masterarbeit nicht akzeptiert worden ist. Aber ein Kunde hat eine Arbeit abgegeben, die ich auf Basis dieser fehlgeschlagenen Arbeit verfasst habe – und der hat die Bestnote erhalten. Die ganzen Bewertungen sind aus meiner Sicht unheimlich stark vom Prof abhängig.

Was geschieht, wenn deine Arbeit nicht akzeptiert wird?

Von vielen Kunden erhalte ich gar nicht erst ein Feedback. Es gab aber Fälle, die ihr Geld zurückwollten. Wenn ich tatsächlich am Fehlschlag stark beteiligt war – teilweise erhalte ich auch ungenaue Angaben zum Auftrag – dann erstatte ich das Geld zurück.

Was war die langweiligste Arbeit, die du bisher verfasst hast?

Aus irgendeinem Grund befassen sich alle Sozialpädagogen mit Inklusion – das kann ich langsam nicht mehr lesen. Und auch das Flüchtlingsthema wurde in so vielen Arbeiten durchgekaut, dass es mich nur noch langweilt.

Hast du eigentlich keine moralischen Bedenken dabei?

Gegenüber den Unis - nein. Ein schlechtes Gewissen habe ich nur, wenn ich bei einem Kunden bemerke, dass der sein Diplom nicht verdient – weil er keine Chance hätte, das Studium alleine zu bestehen.

Hast du ein paar Tipps für Studierende, wie sie am effizientesten ihre Arbeit verfassen?

Man soll sich unbedingt frühzeitig mit dem Thema beschäftigen – in einer Woche kriegst du eine Arbeit kaum hin, wenn sie dein erstes oder zweites wissenschaftliches Werk ist. Nimm dir ein Thema dass dir Spass macht und nutze die Kurse der Universitätsbibliotheken, die dir erklären, wie man die Recherchedatenbanken richtig nutzt. Ach, und: Beschäftige keinen Ghostwriter zu Beginn deines Studiums. Ansonsten lernst du nie, wie man eine Arbeit verfasst.

* Name der Redaktion bekannt


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37 Kommentare

Karsten Pfeiffer vor 2 Monate
Ich habe meine Abschlussarbeit selbst geschrieben, aber mich durch ein Coaching von einem Ghostwriter (Ghostwriting Liesegang) unterstützen lassen. Das war sehr hilfreich für mich und ich musst kein schlechtes Gewissen haben. Danach habe ich mich sogar getraut, ein Masterstudium aufzunehmen, weil ich jetzt einen guten Ansprechpartner habe, an den ich mich zur Unterstützung wenden kann. Im Bachelor waren die Hausarbeiten vorher ein richtiger Krampf für mich....
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Stefan Pfahl vor 5 Monate
ich habe mir auch meine Abschlussarbeit bei Business And Science verfassen lassen, da ich mit meinem Unternehmen viele mehr verdiene, dann lohnt es sich für mich so viel Zeit dafür aufzuopfern. Für mich war die Entscheidung einfache Mathematik.
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rdu vor 5 Monate
Ich hab' mal einen Artikel aus der iX 1:1 abgeschrieben. Der Artikel hat mir wirklich gut gefallen und die "Schreibe" war meiner nicht unähnlich. Der Prof hatte diese Zeitschrift auch abonniert, das weiss ich. Kam aber nie Feedback zurück. Es war nur eine unbenotete Hausarbeit (sonst hätten 2 Profs korrigieren müssen), vielleicht hat er es gar nicht so richtig durchgelesen deswegen. Ich habe dann beim gleichen Prof meine Diplomarbeit geschrieben, mit der ich mir wirklich sehr viel Mühe gegeben habe. Da waren dann alle Fussnoten korrekt und alle Zitate ausgewiesen.
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Peter vor 5 Monate
1300 eur pro bachelorarbeit und 1 woche pro arbeit ergeben 5200 eur pro monat und nicht 9800 eur. War hier ein Ghostwriter am Werk?
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