Ich like pro Tag über 700 Fotos

Die brennendste Frage unserer Generation lautet: Wie komme ich zu Insta-Fame? Unser Autor versuchts mit einem Bot – ziemlich erfolgreich.

Facebook ist ok, um easy mit der Oma Kontakt zu halten oder deine Primarschulliebe in einem emotionalen (das heisst: besoffenen) Moment anzuschreiben, weil du sie easy ohne Handynummer ausfindig machen kannst. Snapchat war cool, aber spätestens seit Instagram stinkfrech das Story-Feature und die selbstlöschenden Nachrichten kopierte, ist Insta das Netzwerk unserer Wahl und die Followerzahl auf dem Fotonetzwerk der beste Indikator für die Coolness eines Menschen.

 Zu cool dafür

Kleiner Einschub: Natürlich bist du zu cool, dich um deine Followerzahl zu scheren. Sind wir ja alle auch. Zumindest wenn jemand fragt. Aber mal eine Hand aufs Herz und die andere aufs Smartphone: Eigentlich interessierts dich ja schon.

Da mein Insta-Profil natürlich unheimlich kreativ, sexy, interessant, cool und kreativ ist (schliesslich musste ich mir ja irgendwie diesen Job angeln), sollte ich eigentlich tausende Follower haben. Zigtausende! Ist aber nicht so. Da mich das idiotischerweise etwas deprimiert – und es mich deprimiert, dass mich das deprimiert – muss da natürlich eine Lösung her.

Der Bot solls richten

Und meine Methode zum Insta-Fame heisst: Ein Computer soll die Arbeit machen. Würde das überall geschehen, lebten wir ja längst in einer Gesellschaft mit viel weniger Scheissjobs und einem Grundeinkommen. Mit meinem Projekt will ich jetzt meinen Beitrag dazu leisten. Ein kleiner Follower für mich, ein grosser Schritt für die Menschheit. Und das, ohne Kohle für Likes auszugeben.

Gottseidank hat schon ein Mensch die Vorarbeit geleistet. Auf Github – da verbringen Nerds ihre Freizeit – gibt es mehrere Instagram-Bots, die vollautomatisch für dich die Drecksarbeit übernehmen. Sie liken die Fotos von anderen (das interessiert dich eh nicht oder macht dich nur neidisch), folgen ihnen automatisch und entfolgen ihnen sogar wieder – natürlich erst, nachdem diese dir gefolgt sind.

Kurzum: Du kannst dich schlicht darauf konzentrieren, den perfekten Filter für dein «Ups, jetzt hat mein Handy ganz von selbst und ausversehen ein superfreizügiges, perfekt belichtetes Foto geschossen»-Bild zu finden. Und dich danach selbst darstellen. Alles andere übernimmt der Algorithmus. Und die Idioten vor 50 Jahren dachte, heute hätten wir fliegende Autos. Pff, Prioritäten, Bitch!

Selbstversuch

Also, ab gehts! Ich passe einen Instagram-Bot aus dem Netz auf meine Bedürfnisse an: Er kriegt eine Liste an Hashtags, nach denen er zu likende Bilder scannt, und eine Maximalzahl an Fotos, die er liken soll. Ausserdem gibts auch eine No-Go-Liste, auf die ich ein paar Tags setze, mit denen ich nicht in Verbindung gebracht werden will: #selfie, #maga, #isis, #hipster, #glutenfree, #motivationalquote. Für die Personen, denen er folgen soll, setze ich eine Maximal-Follower-Anzahl von 300 fest. Meine Überlegung: Diesen Leuten bedeutet ein Follower mehr noch etwas. Und sie folgen danach eher zurück, als jemand mit 5000 Followern.

Damit der Bot durchgehend seine Arbeit erledigt, lade ich ihn auf einen Raspberry Pi (ein grossartiger Mini-Computer für 40 Stutz) und ab gehts! Vom Smartphone eines Buddys aus verfolge ich meinen Account. Und tatsächlich: Ich sehe, wie er rund alle zwei Minuten einem Foto ein Herzchen gibt und alle zehn Minuten einem Profil folgt. Zufrieden lege ich mich ins Bett und träume von meinem Leben als Influencer.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich Dutzende Herzchen und zehn neue Follower. Sweet, der Plan scheint zu funktionieren. Aus gutem Gewissen aktivierte ich die Unfollow-Funktion noch nicht, was sich massiv auf meinen Feed auswirkt. Den Menschen, die motivierende Bildli posten, entfolge ich husch wieder. Derweil hagelt es tatsächlich immer mal wieder Likes für meine Pics.

Ich fühle mich wie ein besserer Mensch. Nicht nur der Bestätigung wegen, sondern auch weil mein Feed rasch verdammt interessante Ausmasse angenommen hat. Obwohl ich kein japanisch kann, faszinieren mich die Pics eines jungen Noise-Künstlers aus Tokyo. Dem indischen Gitarrenspieler, den ich genau so wenig verstehe, entfolge ich wieder. Weil er Guns’n’Roses-Solos spielt.

100 Follower mehr

Eine Woche später habe ich bereits 100 Follower mehr. Und ich folge 300 Leuten mehr. In der Folgewoche komme ich nur auf 80 neue Follower – aber das ist auch schon eine bessere Quote als wenn ich ganz normal schäbige Selfies und Fotos von Dosenbier poste.

In meinem Feed gehen meine Freunde zwar mittlerweile ziemlich unter, aber da ich die Hashtags des Bots mittlerweile feingeschliffen habe, finde ich die Leute, denen mein digitaler Assistent folgt, meistens auch ziemlich ok. Ausserdem kann ich mir ja einreden, die vielen fremden Menschen auf meinem Feed würden mein Weltbild für neue Einflüsse öffnen. Das ist eine fast so gute Selbstlüge wie die, dass einen mehr Follower glücklich machen.


Kommentar schreiben

10 Kommentare

Alexander Brand vor 8 Tagen
erbärmlich wie hier lügen und betrügen mit stolz angepriesen wird.
21
7
Antwort
Chrizzla vor 8 Tagen
An alle faker, poser usw. Hört mal auf mit diesem social media müll auf und fangt an in der realen welt zu leben! Es gibt unzählige unglaubliche und wunderschöne dinge zu erleben und zu sehen ohne insta, facebook snapchat usw. Und behaltet eure erinnerungen und eindrücke für euch! Wen juckts auf wecher party ihr wart oder wo ihr in den ferien wart...?
49
7
Antwort
Junger_Dude_95 vor 9 Tagen
Eigentlich mag ich diese Sozial-Media-Plattformen auch nicht wirklich. Und diese Selbstdarsteller mit ihren “perfekten“ Leben ziehen mich wirklich runter. Aber ich lösche mein Profil deswegen nicht, weil meine beste Zeit noch kommen wird und irgendwann werde ICH mit top trainiertem Körper auf den Bahamas liegen und einer Strandschönheit Moet&Chandon aus dem Bauchnabel schlürfen mit dem Hashtag unter dem Bild #justaregularmonday So das zumindest irgendjemand unter meinen 200 Follower in ein tiefes Loch fällt. Dieser Traum ist der Grund wieso ich jeden morgen aufstehe.
40
18
Antwort
ACR vor 9 Tagen
Den Psychiater freuts. Aber Haptsache es nennt sich “Social”-Media
35
0
Antwort
16-Jährige druckt und bearbeitet Fotos von Leichen
sponsored

16-Jährige druckt und bearbeitet Fotos von Leichen

17-Jährige tauscht Jungfräulichkeit gegen iPhone

17-Jährige tauscht Jungfräulichkeit gegen iPhone

«Rick & Morty» gibt es natürlich auch als Porno

«Rick & Morty» gibt es natürlich auch als Porno

Insta-Star nimmt sich unabsichtlich beim Sex auf

Insta-Star nimmt sich unabsichtlich beim Sex auf