Meditations-Apps sind nichts für depressive Welthasser

Unser von Natur aus schlechtgelaunter Redaktor hat die Entspannungs-App «Headspace» ausgetestet. Statt innerer Ruhe fand er ein neues Hassobjekt: Andy.

«Headspace» nennt sich die gerade wohl gehypteste Meditations-App – und ich darf sie testen. Ja, «gehypte Meditations-Apps» sind offenbar traurige Realität. Vielleicht werde ich ja dadurch meine ständige Angespanntheit und meinen permanenten Welthass los. Das Problem: Ich hasse nicht nur die Welt, ich hasse auch Meditation. Dieses ganze Hippie-Yoga-Gedöns geht mir mal sowas von auf den Sack und wenn mir jemand vorschreiben will, wie ich zu atmen habe, steigt statt meines Wohlbefindens wohl eher meine Wut.

Habe mir aber vorgenommen, etwas offener durchs Leben zu wandeln und nicht gleich von Anfang an alles zu verurteilen. Wer weiss? Vielleicht finde ich ja Gefallen daran und bin bald der ausgeglichenste, ruhigste Mensch auf Erden. Ich lade das Ding also mal runter. Den 10-tägigen Einführungskurs gibts gratis. Wäre ja noch schöner, müsste ich da auch noch Geld ausgeben. Also dann – los gehts!

Tag 1
Endlich kann ich meine Comme-des-Garçons-Räucherstäbchen verwenden, die ich in einem Anfall materiellen Besitzdrangs zum Gegenwert eines Familien-Wocheneinkaufs erstanden habe. Meine Wohnung riecht binnen Sekunden nach Weihrauch, Angst und Sünde. Erinnert mich an meine Schulzeit im katholischen Privatgymnasium. Entzückend. Die App sagt zwar nichts von Räucherstäbchen, aber ist mir egal. Wenn schon, denn schon.

Eine angestrengt sanft und enstpannt wirkenwollende Männerstimme mit britischem Akzent führt mich durch das Menü und die einzelnen Lektionen. Der Sprecher heisst Andy und macht mich sofort aggressiv. Die erste Übung dauert glücklicherweise nur drei Minuten und besteht daraus, rumzusitzen.

Ich soll atmen und an nichts denken. Gar nicht so einfach, wenn der erleuchtete Brite sein Maul nicht halten kann und mir permanent versichert, dass meine Unsicherheit «perfectly natural» sei. Danke, Andy, für diesen wertvollen Beitrag. Nach den drei Minuten muss ich erstmal eine rauchen.

Tag 2
Die heutige Übung kündigt Andy als total wichtigen Schritt an, in dem man etwas total Neues lernen wird, das für meine enstpannte Zukunft total wichtig sein soll. Ich bin todmüde und hatte gestern trotz Meditation einen sehr miesen Tag und eine noch miesere Nacht. Meine Depressionen sind mit einem Ruck zurück, ohne Vorwarnung. Dass das direkt mit Andy und seiner App zusammenhängt, wage ich zwar zu bezweifeln, trotzdem werte ich das mal als böses Omen.

Der grossangekündigte neue Lernschritt ist übrigens gar keiner. Es ist quasi dieselbe Lektion wie gestern. Rumsitzen und atmen. Tief durch die Nase ein, langsam durch den Mund wieder aus. Aufgrund der frühen Tageszeit, Andys einschläfernder Stimme und der gestrigen schlaflosen Nacht fühle ich wirklich, wie mein Körper entspannt und ich beinahe wieder einschlafe.

Das sollte aber nicht passieren, eigentlich. Stattdessen sollte ich mich selbst und die Geräusche meiner Umgebung sehr intensiv wahrnehmen und meine Gedanken abschalten können. (Ich muss viermal gähnen. Und ausserdem: Was wurde eigentlich aus Kony 2012?) Dann heißt es: Danke, das wars für heute. Morgen gibt es eine wertvolle Animation zu sehen!Wunderbar. Kann ich kaum erwarten.

Tag 3
Andy zeigt mir einen kleinen Zeichentrickfilm mit seltsamen Comicmännchen. Demnach soll Meditation genau so sein wie eine stark befahrene Strasse, an deren Rand man sitz und deren Verkehr man beobachtet. Supermetaphorisch und so. Unsere Gedanken sollen durch die vorbeirasenden Autos dargestellt werden.

Und wie das natürlich so ist, wenn wir uns (wie so oft) an starkbefahrenen Autostrassen ergötzen, bekommen wir irgendwann Angst und laufen zwangsläufig auf die Fahrbahn, um mit blossen Händen die Gefährte anzuhalten. Ahja. So erklärt zumindest Andy das Konzept der Meditation. Danach wieder eine neue Übung: Rumsitzen, atmen. Kennen wir schon.

Tag 4
«Wahnsinn ist, immer wieder das gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten» – ist ja so ein schlauer Kalenderspruch. Und schön langsam macht mich dieses Rummeditieren tatsächlich irgendwie wahnsinnig. Kann gut sein, dass Leute, die mit einer anderen Einstellung rangehen, auch ein bisschen weiter kommen. Aber bei allen Bemühungen – und ich habe mich wirklich bemüht, diese App so wenig wie möglich zu hassen – mir hilft «Headspace» in keiner Weise.

Eher im Gegenteil. Ich bin mittlerweile so genervt von Andys penetrant-gutmütiger und glücklicher Stimme, dass ich am liebsten mein Telefon gegen die Wand werfen würde, wenn er mir zum dreiundsiebzigsten Mal erklären will, wie ich am besten durch die Nase atmen kann. Glücklicherweise bin ich zu geizig, und will mir danach kein neues Handy zulegen müssen. Trotzdem fallen mir auf Anhieb unzählige Alternativen ein, die ich weniger stressig finde als Meditationsübungen per App. Etwa: Zigarettenrauchen, Schokomilchtrinken, Andy bitchslappen.

Ich gebe auf. Manche Menschen sind wohl einfach nicht dafür prädestiniert, ihre innere Mitte zu finden. Vielleicht probiere ich es irgendwann noch mit der «21-Day Meditation Experience» von Oprah und Esoterik-Superstar Deepak Chopra. Die hat immerhin eine ganz besonders schlechte Bewertung im App-Store.


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