«Viele DJs halten nur noch ihr Gesicht hin»

Einige eurer liebsten Dance-Acts arbeiten mit Ghostproducern zusammen. Wir lästern mit einem, der für die ganz Grossen produziert.

Ein Ghostproducer arbeitet im Verborgenen hinter den Stars, die wir auf der Bühne anhimmeln: Sie produzieren die ganze Musik, bekommen dafür aber keinen Credit – ihr Name taucht also nirgends auf. Insbesondere in der elektronischen Musik ist Ghostproducing weit verbreitet.

Der britische Produzent Graham Hawkes* lebt in Berlin und hat in den vergangenen zehn Jahren heimlich Songs für viele erfolgreiche DJs produziert. Im Interview erzählt er uns, wie es sich anfühlt, wenn man einen Hit geschrieben hat und niemandem davon erzählen darf.

Gibt es richtig grosse, erfolgreiche DJs, die nicht selbst produzieren?

Klar, sogar die absoluten Top-Stars. Ghostproducing an sich ist nichts Neues und vor allem in der Dance-Szene gang und gäbe. Traurig aber wahr. Namen kann ich natürlich keine nennen.

Warum braucht ein DJ überhaupt einen Ghostproducer?

Es gibt verschiedene Gründe: Einige könnten theoretisch selbst produzieren, sind aber zu beschäftigt. Wenn man Erfolg hat, muss man touren. Verdammt viel. Und zwei, drei Stunden Pause reichen nicht, um wirklich kreativ zu sein. Manchmal bekomme ich immerhin noch Entwürfe oder kleine Ideen und arbeite dann damit.

Es gibt aber bestimmt auch solche, die rein gar nichts machen.

Genau, manchmal fängt man als Ghostproducer bei Null an. Sie schicken dann höchstens ein paar Songs von anderen Acts, die sie cool finden oder sagen dir, welche Szene sie gerne ansprechen möchten. In diese Richtung soll der produzierte Song dann gehen. Ich bleibe im Schatten und werde bezahlt – viele DJs halten nur noch ihr Gesicht hin.

Wie muss man sich deine Kundschaft denn vorstellen?

Ich habe mittlerweile gegen 30 bis 40 Songs ohne Credit produziert. Einige meiner Kunden sind ziemlich gross – Pioniere der Dance-Musik. Die brauchen einen jungen Produzenten, der die aktuellen Trends kennt, um relevant zu bleiben. Andere Kunden sind aber zum Beispiel Models. Sie sehen gut aus und gewinnen so ihre Fanbase, aber von Musik verstehen sie nichts.

Wie wirst du bezahlt? Ich nehme an, du bekommst keine regelmässigen Tantiemen.

Nein, dann müsste man ja offen legen, dass ich den Song produziert habe. Meistens werde ich pauschal bezahlt oder ich erhalte für eine Weile jeden Monat einen gewissen Betrag. Manchmal gibt es ein bestimmtes Ziel – zum Beispiel wollen sie einen Vertrag mit einem bestimmten Label –  und wenn das klappt, bekomme ich einen Bonus.

Wie fühlt es sich denn an, wenn einer deiner Songs im Radio läuft, du aber niemandem davon erzählen kannst?

Das ist wirklich schräg und kann einen manchmal wütend machen: Ich bin selbst Künstler und ich könnte den haargenau gleichen Song unter meinem Namen veröffentlichen aber es würde kein Schwein interessieren. Wenn aber das richtige Gesicht und vor allem genügend Kohle dahintersteckt, wird es plötzlich ein Hit. Es ist eine gut geschmierte Geldmaschinerie.

Hast du nie moralische Bedenken?

Es kommt darauf an. Talent bedeutet nicht immer, ein virtuoser Musiker zu sein. Es geht um das Gesamtpaket und es ist in Ordnung, sich für gewisse Dinge Hilfe zu holen. Die DJs sind ja trotzdem ein Teil und gehen zum Beispiel auf Tour, was die reinste Folter sein kann. Trotzdem gibt es Grenzen: Wenn du rein gar nichts mehr tust, bist du nur noch eine leere Hülle. Solche Leute sind keine Künstler und haben in diesem Business nichts verloren.

Popstars wie Katy Perry schreiben ja auch nicht selbst...

...ja, aber sie performen selbst und sind ein zentraler Teil der Show. Bei Dance-Acts sehen wir heute oft nur noch jemanden, der Play drückt, um einen fertigen Song abzuspielen, der nicht einmal von ihm stammt. Wir könnten auch einer Jukebox zujubeln. So weit sind wir mittlerweile gekommen.

Was passiert, wenn herauskommt, dass ein DJ Ghostproducer verwendet?

Das kommt immer wieder vor, aber ich habe noch nie erlebt, dass es eine Karriere zerstört. Manchmal werden sie von ihren Ghostproducern verraten – bei Tiesto und Diplo kam das so aus. Manche gehen an einem gewissen Punkt auch selbst damit an die Öffentlichkeit und machen daraus quasi einen PR-Stunt.

Wie sollte ich als Musikkonsument denn mit Ghostproducing umgehen?

Die Leute sollten sich einfach bewusst sein, dass es sich bei ihren Lieblingskünstlern häufig nur um Geldmaschinen handelt. In einer perfekten Welt würde die Dance-Bubble platzen und nur die wirklich talentierten überleben. Aber die Welt ist halt nicht perfekt.

*Name geändert


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27 Kommentare

Mr. Nasty vor 3 Monate
Also ich dachte immer DJ's kaufen sich die Platten und basteln so ein Set zusammen? Ein DJ ist eigentlich ein Entertainer. Die Songs/ Tracks werden von anderen produziert. Es gibt ja einige bekannte Labels, welche solche Tracks verkaufen. Also Musikproduzent und DJ sind eigentlich zwei paar Schuhe.
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S.N. vor 3 Monate
Insbesondere die Presse sollte langsam anfange zu differenzieren. Es gibt DJs, Producing DJs, Producer und dann gibt es schlicht und einfach nur Acts. Ich bin seit 17 Jahren DJ und verstehe mich als Plattenleger und nicht als Produzenten, doch wenn man "nur" hinter den Playern steht (und jetzt mal egal mit welchem Medium) wird mittlerweile auf einem herabgeschaut und wird man nicht mehr ernst genommen, weil man nicht selber produziert. Dabei sind das 2 ganz unterschiedliche Handwerke, der Giovanni am Betonmischer schimpft sich ja auch nicht Architekt od? und trotzdem baut er mit an einem Haus.
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S.G. vor 3 Monate
Und bei Milli Vanilli hat man "Skandal" geschriehen 😉
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Fags! vor 3 Monate
War ja klar, dass wieder so ein frustrierter "nur Dj's, die mit Platten auflegen sind Dj's" Kommentar auftauchen muss. Ein guter Dj nutzt diverse Technologien (neue oder alte, egal), um aus verschiedenen Songs einen kreativen Mix zu machen. Nicht mehr und nicht weniger. Ein guter Dj heutzutage kann viel mehr, als nur eine Platte auf die andere zu pitchen, und dann die Regler gegeneinander zu drehen. Wie sieht es denn in anderen Branchen aus? Ist ein Photograph nur ein echter, wenner mit Spiegelreflexkamera hantiert? Ein Teslafahrer ist kein Autofahrer, weil er kein Benzin braucht? Ein Arzt ist kein Arzt, weil er sich auf technologischen Fortschritt verlässt und damit arbeitet? Journalist ist keiner, weil er für eine Internetzeitung schreibt?
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